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Das Abendland · 1865-06-22 · 13 (22.6.1865) · p. Seite 109

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
13 (22.6.1865)
Date
1865-06-22
Page
Seite 109 (sequence 3)
Language
German
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109 sen und viele gute, alte, bewährte Freunde; nämlich in den Leitmcritzer und den Saazer Kreis, den Garten und die Kornkammer Böhmens. — Was will jetzt eine Reise von lOund 12 Tagen sagen? .Vom Hanse ans die Eisenbahn, von da auf den Omnibus, auf dui Stcllwagen und ehe man sichs versieht, hat man seine sieben gesehen, hat ganze Tage bei und mit ihnen gelebt und kömmt wohlgcmuth und wohl konservirt wieder zur Zeit in der Heimat an und hat in diesen Tagen 'so manches gesehen, gehört, erfahren, und bemerkt.— Denn dem Beoba.)ter ist in dem kleinsten Raum und der kürzesten Zeit ein weiter Platz der Thätigkeit gegeben, wenn er anders zu beobachten versteht, weil jeder kleine Theil dieselben Spurender Zeit und des Fortschrittes an sich trägt, wie denn gewiß —nvi in “jr.ia n;*id „die Welt ist sich überall gleich," sagten unsere Alten. Derselbe Geist durchweht zu gleicher Zeit alle Gegenden der Welt und keine Erscheinung steht vereinzelnt da. — So gestatten uns unsere freundliche Leser denn, was wir in diesen Tagen gesehen und bemerkt, natürlich bezüglich des jüdischen Wesens und Fortschrittes, hiermit mit einigen Worten erwähnen zu dürfen, und manche Bemerkung daran zu knüpfen, die sich gelegentlich dabei uns aufgedrungen hat. — Der erste Rub punkt war Raudnitz, die böhmische Elbci'tadt, wo der kl,;e Aufenthalt von einigen Stunden uns das Vergnügen vers...iaffte, den sehr würdigen und Gelehrten H. Kreisrabbiner A. Kohn zu sehen und uns seiner eben so unterhaltenden als freundlichen, gelehrten und belehrenden Unterhaltung zu erfreuen. Wir hörten von ihm, wie leider der Materialismus so sehr überhand nimmt, die größten Gemeinden durch die Freizügigkeit in ihren alten Institutionen und Einrichtungen gefährdet sind, indem viele Bemittelte größere Plätze für ihre Thätigkeit suchen und allenthalben nur der Minderbemittelte zurückbleibt; daß es den neu sich bildenden Gemeinde an Sicherheit und regelmäßigem Gebaren fehlt, des besten Willens ohngeachtct, der sie belebt; daß jetzt eine Zeit des Ueberganges ist, wo nianches gute „Alte" seinen ' Endep nkt findet ohne im Reuen einen erfreulichen Ersatz zu finden. — Das Alles so geht, wie es eben geht, und von keiner Seite etwas geschieh!, damit das was geschieht, auch dem Geist der Ordnung und des Judenthums entspräche, daß nur. Dank dem besseren jüdischen Gefühle, das nirgends und keines OrteS sich verläugnet, allenthalben doch der Weg zum Bessern nicht verfehlt wird und nach dem alten Sprichwort: Wo nur zwei Juden wohnen, der Eine in Schul" klopfen und derandere in „Sckiul"gchen wird „überall doch dem Jüdisch- Religiösem volle Rechnung getragen wird. — Der Zustand, in welchem wir gegenwärtig vcgetiren, ist wahrlich eben so wenig gut als erquicklich. — Drei Fackoreu find es von denen wir Abhilfe erwarten könnten. Erberer, unsere Rabbinen, d'.ese fürchten den Verdacht der Hierarchicgclüste auf sich zu laden. Unsre Landesrepräsentanz, als der zweite, bat in dieser Beziehung kein Mandat und ist nur für eine Angelegenheit höbern Orts angestellt. — Das ausgcarbcitete Statut der Rorabclnversammlung endlich als der dritte scheint in pace oll acta gelegt zu sein und wir können nur hoffen: „Unsere Hilfe wird von dem kommen." „Der Himmel und Erde gemacht," und der wird es gewiß recht machen. — Doch — um wie er auf unfern Text zu kommen. — Raudnitz hat übrigens, wie bekannt, eine tüchtige Gemeindeschule mit den zwei braven Lehrern, Herrn Popper nnd Reich, ein schönes Gottcsyaus mit geregeltem Gottesdienst und hält unter Beitrag seines allgemein geachteten und würdigen geistlichen Vorstandes seine alten Einrichtungen und Anstalten mit den möglichsten Opfern aufrecht. — Leitmeritz und Theresienuadt, die wir zu berühren nicht Gelegenheit hatten, haben in neuerer Zeit auch Ansiedelungen von unseren Glaubensgenossen in sich ausgenommen, fehlen uns aber genaure Daten, die wir gerne von dort entgegennehmeu würden, und erfahren wir bloß von Theresienstadt, daß durch die Bemühungen, und das Streben des H. S. Singer, dort sich eine Eultusgemcinde constuirt, eine Shnagoge errichtet worden und welche das dort stationirtc k. k. Militär jüdischer Evnfession zu besuchen verpflichtet sein soll, um da zu öfteren Malen und bei eigenen Gelegenheiten das Wort Gottes zn hören, das da durch Herrn Kreisrabbincr A. Kohn, der Thercsicnstcdt zu diesem Bchuse öfters besucht, fruchtbringend verkündigt wird. — Wahrlich eine Anstalt,' die der allgemeinen Anerkennung verdient, indem hiedurch bei einem kleinen Theil, der k. k. Armee wenigstens einem längsteinpsundcncn Bedürfnisse abgcholfen wird, nämlich der geistlichen Pfiege jüdischer Individuen, die in derselben so zahlreich vertreten ist, und können wir bei dieser Gelegenheit unser Befremden darüber nicht unterdrücken, warum in den größcrn Garuisonsplätzcn des weiten Kaiserreiches für jüdisches k. k. Militär in dieser Beziehung nicht vorgcsorgt ist. — Warum sollte Wien Prag, Pest Lemberg und die andern großen Provinzialstädte nicht einen Rabbiner haben, der dem jüdischen Soldaten bei jeweiliger Gelegenheit geistlichen Beistand leister, der ihm in einem öfter wiederholten Vortrage seine Pflichten gegen Gott, gegen seinen hohen Kriegsherren, und den Kameraden warm ans Herz legt, der ihm rathet, wo seine Pflicht mit der väterlichen Religion in Eonflict gcräth, der ihm in Sterben Trost zuspricht und sonst jedes Amt verrichtet, mit welchem in dieser Beziehung der Feldpater bei jeder andern Konfession betraut ist. Von Raudnitz aus, war Außig das Ziel, dem wir zuzusteucrn gedachten, um da über den" «Lamstag im Kreise unserer nahen Verwandten einen frohen gemüthlichen Tag zu verleben, wie er uns schon lange nicht geworden. — Die Bahn führt, die Elbe entlang an ihren herrlichen, mit Obstbäumen und Weingärten reichlich ausgestatteren Berglehnen vorüber, denen gegenüber die lachendsten rmd buntgefärbtesten Felderfiüencn unsere Augen einen köstlich seltenen Genuß boten. Rcichthum und Anmuth reichen hier einander die Hand und die freundlich gebauten, weißen mit Ziegeldächern versehenen Städtchen, Dörfer und Einschichten die in Gärten versteckt an uns vorüberflogcn gaben der Landschaft die herrlichsten Staffagen. — Wenn man die Bahnfahrt mit der Reise im Wagen oder der zu Fuß vergleicht und erstcre nicht mit Sieg aus dem Kampfe geht, so liegt die Sch ild nicht daran, daß die anderen Arten zu reisen mehr Genuß bieten. — Keines falls. -- Wir betrachten vielmehr das Waggonfenstcr als einen Rahmen, welchen alle Augenblicke ein anderes Bild ansfüllt. Man hat da, wie im Kaleidoskop jeden Moment eine andere Erscheinung vor Augen, eben so schön, eben so mannichfaltig wie die dagewcsene, und biegt man sich dann und wann zum Fenster hinaus, kann man gewiß eine schöne große Parthie überblicken, die einen Gcsammtcindruck zu machen gewiß nicht verfehlen wird. Der Rachtheil einer Waggonrcise ist ein anderer, — der, daß man zu oft mit Alltagsseclen zusammen gepfercht wird, mit Leuten, die die Gegend zu oft gesehen, um sie nicht gleichgiltig zu betrachten — Gewohnheit profanirt ja das Heiligste. — Oder man wird mit Reisenden zusammengeworfen, die nur die Reise, das Geschäft, die Angelegenheit, die sie eben vor Augen haben, zum Gegenstände des Rachdenkens machen. Solche Leute bleiben kalt, wo wir warm empfinden, unempfindlich, wo wir vor Freude aufjauchzcn möchten. Als wir so, auf uns selbst hingewiescn, dieß und das dachten, und manchen unserer gefühlvollen Leser an unsere Seile wünschten, um in „gctheilter Freude" auch „gedoppelte Freude" zu finden, und uns dieser schönen Gotteswclt so gut es ging indcß allein zu erfreuen suchten, pfiff das Lokomotiv, das Gcorcmse knarrte und ohne daß wir wußten, wie, waren wir im Außiger Bahnhofe angclangt und war-m froh einen bebloustcn Mann zu finden, der unser Gepäck übernahm und uns in die Arme unserer Theuern führte. — cFonßtzung folgt.) 18*

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