Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 12 (8.6.1865)
- Date
- 1865-06-08
- Page
- Seite 105 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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105 schäfte nicht mehr auSreichcn. Fortan sollen sämmtliche Vorstände gleichmäßig in der Erledigung der Gemeinde-Angelegenheiten thütig sein; zur Repräsentation nach Außen und zur Exckutirung aller gemeinsam gefaßten Beschlüsse sollen sie aber aus ihrer Mitte die durch soziale Stellung und sonstige Befähigung geeignetsten Kollegen in ein Präsidium wählen, das einen beschränkteren, aber darum nicht minder wichtigen Wirkungskreis auszufüllen im Stande sein wird. Lemberg. Dem „Kamerad" wird von dort berichtet, daß der Jäger Nathan Ocstcrreicher der 1. Komp, des 8. Feldjägcrbataillons sich in der Nacht vom 21. aus den 22. Mai um ein Uhr aus der Citadelle 'Nr. 3, wo er auf Posten stand mittelst eines Gewehrschußes entleibt habe. — Er war der Sohn des Rabbiners von Schafsa in Mähren, ein ausgezeichneter Techniker war er ein überhaupt sehr gebildeter und intelligenter junger Mann, der zu der Hoffnung berechtigte sich einst eine glänzende Zukunft zu gründen. Er sollte Tags vorher zum Patrouillenführcr ernannt werden, aber ein Streit mit einem Kameraden hatte die Angelegenheit nicht zur Ausführung kommen lassen. — Mainz, den 25. Mai. Dem „Israelit" entnehmen wir: Vor einiger Zeit brachten wir die Nachricht, daß unserem Glaubensgenossen, Herrn Dr. Wilh. Eahn von hier, in Paris die Stelle eines beeidigten Uebcrsetzcrs zu Theil wurde. Heute entnehmen wir der „Gazette des Tribunaux" cl. ä. 10 Mai, daß derselbe am 9. d. M. als Ucbcrsctzer am kaiserl. Hofe angestellt wurde und deshalb an diesem Tage vor der ersten Kammer, präsidirt durch den ersten Präsidenten Herrn Devienne , seinen Eid leistete. Wilna. Hier wurde kürzlich ein jüdischer Bettler Namens Szymcl Slizgol beerdigt, dem die halbe Bevölkerung das letzte Ehrcngcleitc gab. Derselbe hatte dreißig Jahre lang in der elendesten Kleidung eines Bettlers mit einem Stabe in der einen und einer Sammelbüchse in der andern Hand die Strassen Wilna's durchwandert, mit dem lauten Rufe: „Denkt der Armen, der Witwen und Waisen!" Im Laufe dieser Zeit hat er über 90.000 Rubel zusammengebettelt, w ovou er nicht einen einzigen Groschen für sich verwendete. Er wußte, wo iu Wilna ein hilfsbedürftiger Kranker daruiederlag und half jedesmal persönlich; für arme Kinder Schulgeld zahlen und sie mit Büchern versehen, war einer der Hauptzweige seiner Thätigkcit, und zu jeder Zeit hatte er Speise vorräthig, die er täglich an einem bestimmten Orte vcrthcilte. Seinen eigenen Unterhalt besorgte er dadurch, daß er Abends Schnupftabak verfertigte und verkaufte. Jeder Groschen, den er von seinem kümmerlichen Erwerbe erübrigte gehörte den Armen; jedes bessere Kleidungsstück, das ihm Je mand schenkte, verschenkte er bald wieder. Der seltene Man war fern von allem Ehrgeiz; seine Wirksamkeit war einzi und allein der Ausfluß seines an Menschenliebe reichen Herzens. Amerika. Dem „Wiener Fremdenblatte" wird geschrieben „In der amerikanischen Armee stehen Katholiken, Quäker, Juden, Methodisten und hunderterlei Sekten friedlich nebeneinander und verehren ihren Gott nach ihrer Weise frei und unangefochten. Im Feldlager nimmt sich der buntscheckige Kultus nicht selten drastisch aus. Der Quäker trägt seine Bibel mit sich in den Laufgraben, liest Psalmen unter Kartätschenfeuer, der Kanonier bedient seinen Armstrong mit den Tephilin am Arme wenn er Jude ist, der Katholik trägt die Madonna am Ezako. Vom Oberst Grün, einem cingewandcrten deutschen Juden, erzählten die Zeitungen, daß er am Jom Kippur (Versöhnungstag) ein heißes Reitergcfccht zu bestehen hatte und sich mit seiner Schaar sehr wacker hielt. Der Schweiß triefte in Strömen von seiner Stirne, er war erschöpft. Ein Reiter reichte ihm die Feldflasche zur Labung. „Danke," erwiedcrtc trocken der orthodoxe Oberst, „heute ist Jom Kippur, als Jude darf ich weder Speise noch Trank zu mir nehmen." Leicht verwundet wurde er in's Lazarcth gebracht und erblickte da einen Glaubensgenossen, der krank, eine Speiße aß. „Du würdest besser thun, den Jom Kippur heilig zu halten," rief er dem jüdischen Soldaten zu, „wie willst du dem Vatcrlande treu dienen, wenn du deinem Gotte nicht zu dienen vermagst? Bald hatte der Oberst 10 Glaubensgenossen im Lazarethc zusammengefunden, um das rituale Minjan abhalten zu können. Unter dem Donner der Kanonen beteten die verwundeten Soldaten das Abendgebet. Als der vorbetende Oberst am Schlüsse angclangt war und nun noch siebenmal zu rufen hatte: „Unser Gott, das ist ein Gott", traf die Nachricht ein, der Feind sei vollständig geschlagen. Der Obrist trat an's Fenster, wo die Sonne, ein Fcucrball, niedersticg und rief siebenmal: „Unser Gott, das ist ein Gott." Die hcimkehrendcn Krieger riefen cs nach, die Musik fiel ein mit Fanfareutöncn, alle Bekenntnisse beteten nun einstimmig zu dem Einen Gott. Die Kriegsthat des Oberst Grün ward in den Himmel erhoben, sein unerschütterliches Beispiel von Gottergcbenheit von allen Priestern in Massen gerühmt. Seit den Tagen der Makkabäer ward kein Jom Kippur derart von Juden gefeiert." — Luchscha u. Das zweite Heft von nn tSip hat soeben die Presse verlassen, enthaltend Betrachtungen über n: 'Q und gelten diese dem biblischen Sprach- und Nationalwesen. — Das Heftchen zerfällt in eine Vorbereitung und eine Abhandlung über obiges Thema. Erstere bespricht im Allgemeinen die Wichtigkeit des Sprnchvermögens und stellt Erlernung der Muttersprache als ein nothwendiges Naturbcdürfniß dar, wie z. B. das Erlernen des Gehens. Darum wird diese leichter erlernt als jede fremde, darum denkt man nur in dieser, und in Folge dessen erreicht eine Uebcrsctzung nie das Orginal. — In der Sprache liegt der Fortschritt, die Vervollkommnung. Ehina, das keine Sprache hat ist daher immer auf den alten Stande ferner Bildung geblieben. — Das Halten an die bloße Muttersprache und daher auch an die ursprünglichen Sittenvcrkchrtheit hat die alten Völker von der Erde verschwinden lassen, Israel, das unter den verschiedenen Nationen deren Sprache und Wissenschaft in sich anfgcnommcn, ist geblieben. Die Abhandlung > beginnt mit der babilonischc Sprachverwirrung und beweist, j das der damaligen Sprach- und National- Spaltung eine sehr wichtige Ursache zum Grunde lag, nämlich die, die Vcrschrobcnhcit der sittlichen Begriffe nicht zu verallgemeiucn und zu verewigen, daß ferner der jüdische Stamm das Medium zu werden bestimmt war, zwischen der zersplitterten Menschenfamilie; darum ward der Jude geführt in alle Welt' gegenden, zerstreut unter alle Völker, damit er die Mission erfülle, hinzutragcn die Gotteserkcnntuiß wo immer er weilet. Und wird einst eine Zeit kommen, wo eine Sprache wie ein Volk Israel das Ecment sein wird, um alle Völker zu einen Stamme zu einigen. — Dies der Inhalt. — Die Schreibart wie die Beweisführungen sind möglichst korreckt, prägnant und abgerundet, zeigen wie das erste Heft viel Fleiß und Belesenheit des Verfassers, der Kreis der Betrachtung ist aber diesesmal ein weiterer und allgemeinerer, verspricht daher für die folgende Hefte immer Interessanteres und allgemein Nützlicheres. Hoffentlich werden alle Heftchen zusammen einen Kranz des Trefflichen und Ersprießlichen in wahrhaft jüdischem Sinne bilden, und weiters ins diesem Sinne auch viel Ideen uns zurechtlegen, die hie und da in größcrn Werken zerstreut, neuere Anschauungen ins jüdische Bewußtsein verpflanzen, um da segensreiche Früchte zu bringen. — Die Bnchdrnckcrei hat für die Ausstattung daS Geeignete gethan, um auch in dieser Beziehung zu befriedigen. rS’ U ns er nächstes Blatt bringt die Beschreibung einer kleinen Rundreise iin nördlichen Böhmen, die wegen Anhäufung der Stoffe diesmal Zurückbleiben mußte.