Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 12 (8.6.1865)
- Date
- 1865-06-08
- Page
- Seite 102 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9050333-9088714-9050523--0196-9050527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 diese schreckliche Prüfung zu Sieg und Triumph, durch diese finstere Nacht zum lichten Morgen führen willst. Nicht verworfen hast Du uns, sondern geläutert; reinigen wolltest Du dieses Land von dem schwarzen häßlichen Flecken der das Licht seiner Freiheit verdunkelt und diesen Flecken hast Du für immer hinweg waschen lassen durch das edle Blut Deines und unseres Lieblings. O nimm ihn gnädig an Dein Vaterherz, den frommen Dulder, der sein Leben im Kampfe für Dich ausgehaucht und laß ihn in Deinem höheren Heiligthnm all der Glückseligkeit theilhaft werden, die Du Deinen treuen Verehrern aufbewahrt. Gieße den lindernden Balsam des Trostes in die tiefe Wunde seiner trauernden Familie, seines ganzen Volkes, das dem gegen den Himmel Entflohenen in unaussprechlichem Weh nachruft: meiu Vater, mein Vater! Laß o Gott, seinen Geist aus seine Nachfolger übergehen, wie einst den Geist des im Sturm entrückten Elias auf Elischah, daß er sein großes Werk glücklich vollende und mit verdoppelter Kraft gegen die Diener des Baals auftrete, daß die Schlange nicht länger verderben darf auf Deinem heiligen Berge und uns bald der heißersehnte Friede werde! Abraham wollte Dir einst den geliebten Sohn opfern — hier bringen Dir die Kinder ihren geopferten Vater Abraham mit gebrochenem, aber demüthigem Herzen. Laß doch unseren Thränen Heil, entsprießen und genehmige die Gaben, die wir jetzt im Andenken an den Heißgeliebten für unsere Freihcitshelden und ihre Hinterlassenen spenden! Amen. Und nun, geliebte Freunde, laßt uns die soeben genannten Gaben darreichen! Besser können wir das Andenken des Entschlummerten nicht ehren, als indem wir Opfer aus dem Altäre des Vaterlands, für unsere Freiheitskämpfer und deren Wittwcn und Waisen darbringen. Das mosaische Gesetz gebietet: Es solle, wenn die Leiche eines Erschlagenen gefunden wird, ohne daß man des Mörders habhaft werden kann, ein Opfer dargebracht werden, weil die staatliche Gemeinschaft vor der Entdeckung des Mörders sich befleckt fühlt und der Sühne bedarf. Wir befinden uns in demselben Falle, und die Thränen derer zu trocknen, die ihr Blut für uns vergossen — das seien unsere Opfer! So wird denn Jeder gern das Seine beitragen; denn es gilt cum ii>np, es gilt, ihn zu ehren, der uns auch als Israeliten geschützt und mit liebendem Herzen umschlossen. Correspondeil) Pädagogische Briefe. V. Der Religionslehrcr hat besonders dahin zu streben, das Gemüth und das geistige Auge seiner Schüler aufwärts zu richten, zu jenen großen erhabenen Wesen, gegen welche die Erde wie ein Staub verschwindet; dort müssen sie durch" das Unendliche die Idee des Unendlichen und Ewigen selbst — nicht fassen — sondern fühlen, im inner» Geiste anschauen lernen. Und wenn dann der Gedanke an Gott das ganze Innere ergriffen hat, wenn die Kinder es fühlen, wie unendlich der Abstand zwischen dem Menschen und dem erhabenen Urgeistc, zwischen dem Geschöpfe und dem Schöpfer ist, wie wir Alles ihm zu verdanken haben, wie wir Alles durch ihn, nichts ohne ihn, wenn wir nur bestehen und sind, so lange er cs will, daun muß der Lehrer darauf eiugehen, auch auf die höhere Natur des Menschen aufmerksam zu machen, darauf, was eigentlich das Wesen des Menschen ist, auf seine göttliche Seele; darauf, daß der Geist, nicht aber der Körper Mensch ist, und daß das Irdische nur des Geistigen wegen da ist, daß der Körper blos daS Organ, die Seele der Meister ist, der durch ihn wirkt und schafft; daß der Leib das Kleid ist, der das unsterbliche zeitweilig umhüllt, um cs zur Anschauung zu bringen, die Schranke, welche das Ewige annehmeu muß, wenn er zum Endlichen herabstcigt, die Form, unter welcher sich das denkende Wesen in dem bandelnden kundgibt; daß die Seele ein Theil von dem Wesen des höchsten Urgeistes ist, eines Geschlechtes mit ihm, obgleich in ungemcsscncn Abstande von ihin. Die Bestimmung der Seele ist nicht sinnliches Glück, sondern Wahres denken, Gutes thun. — Darin soll sie sich hicrnicdcn üben, sich vcrvollkommencn, um geeignet zu sein, in den reingeistigen Zustand übcrzugchcn, wo nicht gröbere Stoffe ihr Wirken cinschrünken. — Dieser Uebcrgang ist der leibliche Tod, der die Seele des Irdischen entfesselt, daher nichts furchtbares, nichts Abschreckendes hat, denn der Tod ist nicht das Ende, sondern der Anfang des Lebens. — Dies fährt zum Begriff der Unsterblichkeit, die eben so wenig dcS Beweisen bedarf, als dcw Dasein Gottes, diese Lehrer werden nicht bewiesen werden müssen, wenn sic im Gefühle des Kindes zum Bewußtsein gebracht worden sind. — Das Kind muß fühlen lernen, muß begreifen, daß Alles, was wir Vernichtung nennen, nur Schein, nur Wandlung der Form ist, Entpuppung aus einem nicdern Grade des Seins zu einem Hähern, daß was einmal da ist, nicht verschwinden, nicht zu sein aufhören kann. — Alles dies ist ein Wissen, das nicht gelehrt sondern nur geweckt werden muß, da es in unserm Innern schon liegt, schon dunkel da ist, aber erst erleuchtet und zum Bewußtsein gebracht werden muß. Dieser Vorgang ist die Weihe des Kindes zur Religion und diese Weihe muß so lange fortgesetzt werden, bis das kindliche Gemüth eine höhere Richtung gewonnen, bis das Gefühl: Es ist ein Gott, es ist eine Seele, cs ist eine Uebung derselben im Guten, die wir Tugend nennen, so! lebendig geworden, daß cs in jedem Augenblicke der Seele vorschwebt und alle Gedanken und Handlungen des Kindes leitet. — Das Kind muß wissen, daß, wo cs irnmer ist, mag das Geschick ihm lächeln oder grollen, mag es thun und lassen, was es immer will oder muß, daß es immer vor den! Augen Gottes ist, lebt und handelt, dem keine seiner geringsten > Regungen entgehen. „Schämst du dich"—mnß man zum! Kinde sagen — „in Gegenwart deines Lehrers, deiner Eltern,! ja selbst eines ganz fremden Menschen dies oder jenes zu! thun, ei so muß immer diese Scham dich vom Bösen zurückj halten, denn in keinem Augenblicke, an keinem Orte kannst du dich der Allwissenheit dessen entziehen, der dein höchster 1 Vater, dein höchster Lehrer ist. — Dieses Gefühl in der Seele ■ des Kindes zu der höchsten Lebendigkeit zu erheben sei das wichtigste Geschäft des Religionslchrcrs, und hat er es dahin gebracht, dann wird erst der weitere Religionsunterricht von wahrem Nutzen sein. — Dann kann auch das Katechetische in Erklärung der heiligen Schrift benutzt werden, aber immcrso, daß der Lehrer oft mit den freien lebendigen Worte abwcchsclt, denn dicß ist die Lebenslust welche die Flamme des Göttlichen im .Kinde anfacht, daß sie nicht erlösche. Ein Haupterfordcrniß hiebei ist, daß der Lehrer selbst Religion habe, daß er geschickt sei, durch lebendigen Vortrag das Herz des Kindes zu rühren, zu erschüttern, es auch wieder seinen Willen zu fesseln, und es mit sich emporzuheben in den höher» Regionen des Geistigen und Euigen. Dazu bedarf cs aber keiner Gelehrsamkeit aber wohl eines ehrlichen reinen, religiösen, kindlichen GcmüthcS und eigenen Begeisterung für das Gute. — Dann wo diese Begeisterung ist, wird auch Begeisterung erzeugt, und was vom Herzen kommt, das geht zum Herzen. Ohne daß der Zuhörer wiederstchcn kann, fühlt er sich, ohne selbst zu wissen, wie, von unsichtbaren Fesseln gebunden, unwillkührlich schwillt das Herz an und die Thränen im Auge erst bringen ihm eine Erleichterung, ein freudiges unnennbares Gefühl, Thränen, die Wonne und Schmerz ausgepreßt, nachdem das Herz hätte bersten mögen von der Macht angehäufter Empfindungen, die das Wort des Redners an-