Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 12 (8.6.1865)
- Date
- 1865-06-08
- Page
- Seite 101 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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101 stcn und edelsten Mannes. Und wann ist er gefallen? Ans der Höhe seines Ruhmes und Glanzes, in demselben Augenblicke. da sein Riesenwerk mit Riesenschritten der Vollendung entgegen reifte, da sein mildes frommes Herz auf Wege und Mittel sann, die Wunden zu heilen, welche die Feinde des Vaterlandes diesem und sich selbst geschlagen, da er die Vaterarme liebreich seinen Mördern entgegenstreckte! Schon war eine Illumination anberaumt, und zahllose. Flammenzungcn sollten unfern Jubel verkünden über das Verstummen des Kriegsgetümmels und die zuversichtliche Hoffnung aus die Wiederherstellung des Friedens — und nun ist das Land in Trauer gekleidet und gibt's nicht jubelnde, sondern nur gebrochene Herzen. Zerstört ist die Freude unseres Herzens und in Klage verwandelt unsere Wonne. Gefallen ist die Krone von unserem Haupte. <5m liebliches Morgenroth war uns ausgegangen, aber mit dem Morgen kam die Nacht, die Nacht, welche das gräßlichste Verbrechen geboren. Wie soll ich Euch trösten, da mir selber das Herz zerrissen ist? Nein! Noch ist die Zeit des Trostes nicht gekommen; noch ist die Wunde zu frisch, um vernarben zu können! Haltet Euern Schmerz nicht zurück und lasset Euern Thränen vollen Lauf über den ungeheuren Verlust, den wir erlitten! Lehren ja schon unsere Alten: Man möge Niemanden zu trösten versuchen, so lange noch die Leiche des Geliebten vor seinen Augen sich befindet! Wohl aber ist es gerade jetzt an der Zeit, die Thorheit und Verwerflichkeit eines jeden Klagelautes nachzuweisen, den wir in unserem gerechten Schmerze gegen die göttliche Weltrcgierung zu richten wagen wollten. Selbst während das Herz uns bricht — muß ganz bleiben und uncrschüttert unser Math im Kampfe für eine große und heilige Sache, unser Vertrauen auf den allgütigen Lenker der Völkergeschicke. Abraham Lincoln ist gefallen, aber nie ist er so hoch erhoben worden, wie im Augenblicke seines Falles. Ein Leben, wie das seine, hätte gar keinen glorrcichcrn Abschluß finden können. Er war der Messias seines Volkes, und weit herrlicher noch als die Krone der Liebe, womit dieses Volk ihn schmückte, glänzt die Märtyrerkrone, die des Volkes Feinde auf das gesenkte, bluttriefende Haupt ihm setzten. Sein Loos ist in's Liebliche gefallen. Er durfte sein unsterbliches Werk mit seinem Blute besiegeln, und das stellt ihn höher noch als Washington und wird seinen Namen leuchtend durch die Jahrhunderte dahintragen. Und dieses sein erhabenes Werk — die Bewältigung der Rebellion und die Niederwerfung des Sklaventhums — ist durch sein Dahinscheiden keineswegs erschüttert, sondern nur noch mehr befestigt worden. Nach dieser entsetzlichen That, vor welcher selbst dem Verblendetsten die Augen ausgehcn müssen über die grenzenlose Verworfenheit der Sklavcntreibcr und ihrer Helfers-Helfer, eine Verworfenheit, die selbst einem ehrwürdigen Greise auf dem Siechbette den Todesstoß zu versetzen sucht, nach dieser entsetzlichen That — sage ich — kann cs im Norden keine verschiedenen Parteien mehr geben. Die Ermordung des Hohenpriesters der Freiheit wird und muß alle die, welche noch einen Funken sittlichen Gefühls in sich tragen, zum innigen Bruderbünde vereinigen für die Aufrechterhaltung der Republik und die Ausmerzung des Schaudinstitntcs. Auch die, welche ehedem den Verklärten und seine weltgeschichtliche Großthat verkannten und schmähten, müssen jetzt Beide lieben und ehren lernen. Es liegt tiefer Sinn in dem rabbinischeu Spruche : der Tod der Gerechten sühne die Sünden ihres Zeitalters. Wenn Abraham Lincoln einen Fehler hatte, so war's seine übermäßige Milde gegen die Rebellen, er, den die Demagogen und der Mörder einen Tyrannen schalten? Mosis Sünde bestand darin, daß ' er den Felsen schlug, um Wasser zu geben dem lechzenden j Volke, während Gott ibm besohlen, zum Felsen zu reden. Bei Abraham Lincoln verhült's sich umgekehrt. Er glaubte den felscuharten Nacken der Aufrührer durch freundliches Zureden und sanftmüthigcs Behandeln zu beugen, uns das Labsal des Friedens zu spenden, während dieser Nacken nur durch Schläge, durch wohlverdiente Zucht gebeugt werden kann. Schonung, Milde, ja Unterstützung in jeder möglichen Weise dem verführten Volke im Süden! Aber den Lenkern der Rebellion, die eine so furchtbare Blutschuld auf sich geladen, die Hunderttauscndc zu Witwen und Waisen gemacht, unsere Gefangenen in ihren Kerkern haben verhungern lassen und uns zuletzt noch unsere Zierde nnd Krone genommen — ihnen werde nicht Rache, aber Gerechtigkeit! So rufe ich hier im Namen Gottes, und so sprechen jetzt auch Tausende von Denen, die sich urplötzlich aus dem brüllenden Löwen in girrende Tauben verwandelt hatten, und auch das ist ein Segen, der aus unserem Schmerze erwächst. Die Rebellion und das Sklaventhnm haben mit dieser Unthat den Gipfel ihres verbrecherischen Lebens erstiegen, aber auf diesen Gipfel für immer ihr Grab gefunden. Das vom Blut berauschte Ungcthüm hat die gefräßigen Giftzähne zerfleischend in das Herz dessen gesenkt, der es gebändigt, aber mit diesem Blute nur sich selber den Tod getrunken, während sein edles Opfer tausendfach geliebt und gesegnet fortlebt im Andenken seines Volkes, im Andenken der gcsammtcn Menschheit. Als Israel aus Aegypten zog, da trug cs als entflammendes Siegespanier vor sich her die Bahre mit den Gebeinen Josephs, jenes Gerechten, der unter allen Stürmen nimmer abwich von dem Pfade Gottes, als gewaltiger Herrscher seine ehemaligen Verräthcr nach kundgegebcner Reue liebreich umschlang und noch in der Todesstunde mit unerschütterlicher Zuversicht die einstige Erlösung seines Stammes verkündete, und sinnig heißt es im Midrasch: „Das Meer, welches Israel trockenen Fußes durchschritt, cS wich zurück vor dieser Bahre, vor dieser heiligen Asche, dem Nationalkleinodc." Und so wird auch das Meer der Vergänglichkeit nimmer verschlingen können das Andenken an Abraham Lincoln! Auf seinem Grabeshügcl wird noch in den fernsten Zeiten das Banner der Freiheit hoch und stolz flattern und zum Todesmuthe entflammen im Kampfe gegen ihre Feinde; zu ihm werden noch in der spätesten Zukunft Millionen von Pilgern hinwallen und sprechen: Hier ruht Amerikas Stolz und Zierde, er, der — wie Moses — sein Volk durch eine lauge öde Wüste bis au die Schwelle Kanaans führte, ohne dieses betreten zu dürfen! Der vierte Juli und der fünfzehnte April sind von nun an die zwei größten Tage in der Geschichte Amerikas. Der Erstere hat zu dem Riesenbau der Republik den Grundstein gelegt, der Letztere — den Schlußstein, und dieser Schlußstein ist — Lincoln's Grabstein. Darum gebt Gott die Ehre und zweifelt nicht daran, daß aus dieser schrecklichen Nacht ein glorreicher Morgen hcrvorbrechen wird, daß dicht neben unserer Wehklage die läuternde und verklärende Liebe Gottes steht, eine Liebe, die den selig Entschlummerten jenseits mit der herrlichsten Krone schmücken wird. So ziehe denn hin in Frieden — Du Abraham, Vater der Völkerheere, der Du zum reichen Segen geworden bist nicht nur uns, sondern der ganzen Menschcnfamilie auf dem weiten Erdcnrunde! Ziehe nach dem Lande des ewigen Lebens und empfange im Reiche verklärter Geister den süßen Lohn der Gerechten! Unsere Liebe zu Dir wird nimmer schwinden, und so lauge Odem in uns ist, werden wir nicht aufhören Dich zn segnen mit dem dreifachen Priesterscgen: Gott segne und behüte Dich, Gott lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig, Gott wende sein Antlitz Dir zu und schenke Dir Frieden! Hocherhabencr Richter über Leben und Tod, allmächtiger Lenker der Völkcrgeschicke! Eine schwere, schmerzliche Prüfung hast Du uns auferlcgt! Heiterer als je wölbte sich der Himmel, herrlicher als je glänzte die Sonne über unserem Haupte — da ließest Du es geschehen, daß der Blitzstrahl donnernd und verheerend herabfuhr auf den Sohn derMorgenröthe, auf den Erretter und Erlöser unseres Landes! Wie Du einst Ahron an seinem Freuden-und Ehrentage sein Liebstes, seine Kinder genommen, so hast Du uns inmitten des höchsten Jubels den Erwählten dahin raffen lassen und den Priester der Freiheit zu ihrem Opfer erkoren. Doch wir küssen Deine züchtige Vatcrhand, wie Ahron und, beugen uns in tiefer Demuth vor Deiner unerforschlichen Weisheit, im unerschütterlichen Vertrauen, daß Du unser Volk auch durch 12*