Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 11 (25.5.1865)
- Date
- 1865-05-25
- Page
- Seite 96 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9050333-9088714-9050514--0189-9050520- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-- 96 - lebhaften Gefühl der untrennbaren Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft mit seinen Stammesgenossen knnd gibt. Nun gehört aber die Erörterung der Mittel, die zur allgemeinen Menschenbildung führen, einem pädagogischen Fachblatte an; ich will mich deshalb nur auf die Bemerkung beschränken, daß die Schule, so sie sich von dem Borwurfe, noch immer wenig für die Bildung der ihr anvertrauten Individuen zu leisten, befreien will, dem Principe der Anschauung eine größere Geltung und eine conseqnentere Durchführung angedeihen lassen muß und sich nicht blos mit dem specicllen Anschauungsunterrichte bemühen darf; daß sie ferner die Grammatik und alle anderen theoretischen Wissenschaften durch Realien ersetzen muß. Um uns die Mittel zur Erreichung der nationalen Bildung des Schülers klar zu machen, wollen wir zuerst zu erfassen suchen, was man hier unter nationaler Bildung verstehen kann, weil von der genauen und klaren Erfassung des Zweckes auch die richtige Wahl und Würdigung der Mittel abhängt, und nur der sein Ideal erfassen und praktisch gestalten kann, dem es klar vorschwebt. Das nationale Bewußtsein des Israeliten besteht darin, daß sein Volk zum Träger der reinen Gottesidee bestimmt sei, daß es das Licht des Glaubens entzündet und die Fackel der wahren Erkenntniß durch alle Jahrhunderte getragen habe; es besteht ferner in dem lebendigen Gefühl der ewigen Fortdauer der jüdischen Nation und der klaren Erkenntniß ihres Berufes, die göttlichen Offenbarungen in ihrer Mitte rein und unverfälscht zu erhalten und den Nachkommen zu überliefern. Jede Bildung, die der Jsraelite sich aneignet, nimmt in Bezug auf diese Gottesidcc bestimmte Form und Charakter an, und indem er die so verarbeitete Bildung durch Wort und Schrift unter seiner Nation weiter verbreitet, hat er diese Idee fffirt, ihr Ausdruck gegeben und bei seinem Volke zu neuem Leben erweckt und somit auch dem geistigen Leben seiner Nation Nahrung zngeführt, cs modificirt, und wie dieses Leben, dauert auch sein Wirken ewig fort. — Da man nach dem Ausspruche eines großen deutschen Philosophen nur das wahrhaft lieben kann, was man sich ewig denkt, und auch sich selbst nur dann wahrhaft liebt, wenn man die ewige Fortdauer seines Wirkens verbürgt weiß: so wird durch dieses Bewußtsein Liebe zu seiner Nation im Gemüthe entzündet, und diese Liebe wird eine begeisterte, aufopfernde, heldenmüthige. Die Helden und großen Männer seines Volkes sind cs, die mit Flammenzügen in seinem Herzen eingegraben sind; zu ihnen blickt er begeistert empor, denn sie zeigen ihm nationales Streben im verklärten Lichte. Welches sind nun die Mittel, die der Schule zu Gebote steheu, um solche Keime im zarten Gemüthe hcrvorzulocken? Die Beantwortung dieser Frage kann uns nicht mehr schwer fallen, besonders wenn wir in Erwägung ziehen, daß — was Niemanden fremd sein kann -- die Wahrheiten unserer Religion durchaus historische seien, und man in einer Reihe von Thatsachen die Begründung und Verbreitung des Reiches Gottes ans Erden findet.— Wenn wir unsere Kinder also mit den biblischen Ereignissen bekannt machen, so wird durch diese anmuthigcn, wundersamen, einzig schönen Geschichten die reine Erkenntniß des Göttlichen vermittelt, ein erquickender und befruchtender Thau vom klaren Himmel dringt in die Kindesseele. Aber cs wird ihm auch zugleich die Bedeutung Israels als Träger der reinen Gottesidcc klar, und an den zahlreichen edlen Bildern, die ihm hier entgegentreten, rankt sich der national-gläubige Sinn des Kindes empor. Wie wird es von den Makkabäern begeistert, die ein kleines Häuflein, aus Liebe zu ihrer Nation und angestammten Religion eine solche todesverachtende Begeisterung besaßen, ein welteroberndes Heer siegreich zu bekämpfen 1 Sie und die vielen Märtyrer, welche in dieser Periode ihr Blut verspritzten, haben das Siegel ans die Göttlichkeit der Lehre gedrückt. Und vollends die Propheten, Patrioten vom reinsten Wasser, welche stets aus der Warte standen, auf daß der Gottesglaube immerdar in Israel in hellem Glanze strahle, diese Pfleger des reinsten nationalen Sinnes mit ihrer gottbegeisterten Sprache werden und mäßen im jugendlichen Herzen jene heiße, unauslöschliche Liebe zu seiner Nation Hervorrufen. — Doch wird diese Wirkung nur dann hervorgebracht werden, wenn die Worte rein, wie sie ans dem Munde des Redners geflossen, also in ihrer Ursprache überliefert werden. Auch werden die Ideen über die Religion dem Kinde reiner zugeführt, wenn das Wort in seiner Ursprünglichkeit gegeben wird. Eine neue Ausgabe der jüdischen Volksschule wird es also sein, in möglichst kurzer Zeit das Verständniß der heiligen Sprache anzubahnen. Die Frage, ob dieses auch möglich sei, ist ganz belanglos, da die Frage der Möglichkeit eine Frage der Methodik ist, das Nothwendige aber möglich sein muß.— Zur Kräftigung des national-religiösen Sinnes wird der Lehrer ferner mit Hinweis auf hervorragende Männer der Gegenwart wie auch der Vergangenheit die Stammestugenden seines Volkes zur Anschauung bringen und zur Nachahmung aneifern, als da sind: Das Kämpfen und Ringen für Wahrheit und Freiheit, Einfachheit und Reinheit der Sitten, unermüdeter Fleiß und Thatkraft. Doch muß ich noch eines wichtigen Factors gedenken, ohne welchen alles Wissen taubes Erz und das Wort eine hohlklingende Schelle wäre, nämlich des Beispieles des Lehrers und der eigenen Begeisterung, wie auch des daraus fließenden begeisternden und hebenden Vortrages. — Die Anforderungen, die für uns daraus resultiren, wären etwa folgende: Befreiung von der Bevormundung der geistlichen Behörde einer andern Eonfession, eigene Lehrerbildungsanstalten, Lesebücher für die Volksschule, im Geiste des wahren Judenthums abgefasst, und endlich eine achtbare gesetzlich gesicherte Sellung des Lehrers. B. Löwi, geprüfter Hauptschullehrer. Locale und auswärtige Neuigkeiten. Prag. Wenn wir nufer gegenwärtiges Blatt schließen, ist auch die Rcpräscntantenwahl der hiesigen isr. Eultnsgemcinde geschlossen. Wir haben es nicht versucht auf die Wahl irgend einen Einfluß zu nehmen, da wir uns nicht der Täuschung hingegcbcn haben, durch unser Wort auch Einfluß nehmen zu können, wie wir überhaupt glauben, daß wie allenthalben, wo eine sogenannte „freie Wahl" stattsindet, ganz andere Kräfte ins Feld geführt werden, um „seine Leute" durchzusctzcn; aber denen, die nun gewählt worden sind, und Väter der Gemeinde sein sollen, möchten wir gerne die Wichtigkeit der Stellung, die sic nun einnchmen, ans Herz legen, möchten ihnen sagen daß, wie sie in dieser neuen Stellung sich benehmen werden, die Kritik nicht ausbleibcn, und sie es allen Parteien nie recht machen werden, doch mögen sic trachten sich selbst und ihrem Gewissen, der guten Sache, dem Gemeindewohl und der Religion der Väter in jeder Beziehung Rechnung zu tragen. Wollen ihnen den Ansspruch unserer Weisen ins Gcdüchtniß rufen: -ins,“ ny '’pDiy.n Denen, welche die Wiederwahl getroffen und die hierin nur ein Vertrauensvotum ihrer Wähler erblicken können, diesen haben wir nur