Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 11 (25.5.1865)
- Date
- 1865-05-25
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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95 Corresponden; Pädagogische Briefe. ' IV. Laut genug erschallen von allen Seiten die Klagen über Mangel an Religiosität bei unfern Zeitgenossen, und daß sie ungerecht sind, wer mag dies behaupten? Schwerlich möchte es auch, aller Versuche und Vorschläge ungeachtet, gelingen, die gegenwärtige Generation umzuändcrn und ihren frivolen Sinn zu brechen. Dieser ist so sehr, ich möchte sagen, mit ihrem ganzen Wesen, ihrer ganzen Denk- und Anschauungsart verwachsen, daß an eine völlige Ausrottung desselben gar nicht zu denken ist. Höchstens kann man, wie bei einer unheilbaren Krankheit, Palliativmittel gebrauchen und da wenigstens Erleichterung und Linderung zu verschaffen suchen, wo der Tod einmal nicht zu entfernen ist. Aber wo man vielleicht Hoffnung zu einer allmüligen Radicalcur fassen könnte, das wäre allerdings bei dem jungen ausblühenden Menschengeschlechte, bei der reinen, noch unverdorbenen, jedem j Eindrücke offenen Seele des Kindes. Wem es da gelingt, I in daö junge weiche Herz den Samen des göttlichen Sinnes I nicht blos auszustreuen, sondern ihn auch zum Aufkcimeu und Wachsen zu bringen, der würde mit Recht einer der größten Wohlthäter der Menschheit heißen, und der Dank einer glücklichern Nachwelt würde seine Stirn mit unverwelklichern Lorbeeren umkränzen, als die, welche seile Schmeichelei dem blutigen Sieger weihet. Will aber ein Lehrer der Jugend aus den kindlichen Sinn seiner Zöglinge mit Nutzen wirken, will er den Keim jener Himmelsblume in einen Boden legen, wo er nicht sofort wieder durch das Unkraut des irdischen Sinnes erstickt werden soll, so muß, glaube ich, die Methode des Religionsunterrichts eine gänzliche Umwandlung erleiden. Seit mehrern Jahren ^bestand dieser Unterricht in manchen Schulen in trocknen Zergliederungen der Begriffe. Man suchte allein aus den Verstand zu wirken, man wollte ihn von der Wahrheit und Göttlichkeit der Religion, von der Verbindlichkeit ihrer Lehren für den Menschen überzeugen und glaubte, diese Ueberzeugung wäre vollkommen hinlänglich, um Ehrfurcht und Achtung für das Heilige bei dem Schüler zu erwecken und ihm Sinn für Tugend und Religiosität mitzutheilcn. Aber man bedachte nicht, daß eben unter dem Schwall von Definitionen und Verstandesbcgrisfen der zarte Keim ersticken müßte, daß man den Boden, wo er wachsen sollte, mit Schnee und Els belegte, anstatt den warmen befruchtenden Regen des Himmels ans ihn strömen zu lassen. Was konnten für andere Folgen entstehen, als die wir leider genug allenthalben vor Augen sehen? Die Lehren der Religion sind wahrlich von der Art, daß sie nicht erst einer logischen Demonstration bedürfen. Der Glaube an Gott, Fortdauer nach dem Tode und Vergeltung, das Gefühl, du mußt recht und tugendhaft handeln, wenn du Gottes Liebe dich würdig machen und dein wahres Glück befördern willst, sind schon von der Natur so tief in das menschliche Herz gelegt, daß sie nicht erst von außen in dasselbe getragen zu werden brauchen. Aber erweckt sollen und müssen diese Ideen in der Seele des Kindes werden, und nicht blos erweckt, sondern auch zum vollen warmen Leben hervorgernsen, damit sie ihr wohlthätigcs Feuer über das ganze Dasein des künftigen Bürgers verbreiten, damit sie mitten unter dem Geräusche der Geschäfte, unter den Lockungen des Sinnenreizes, unter den Pfeilen der Verführung, die den in das bürgerliche Leben cintretenden Jüngling von allen Seiten bestürmen, doch ungebeugt und ungeschwächt stehen bleiben und fest hasten und den Geist über die Materie^erheben und ihn führen zu dem, der allein seines höchsten iLtrebens würdig ist und allein sein ganzes Gemüth ausfüllen soll. Das alles aber vermag kein katechetischcr Religionsunterricht, eben weil er das Herz kalt läßt und blos den Verstand in Anspruch nimmt. Es ist meine Meinung indessen ganz und gar nicht, den Verstand völlig von der Religion auszuschließen und einzig nur auf Hen und Gefühl zu wirken, aber ich glaube, das letztere müsse immer die Hauptsache bleiben und der Verstand nur in sofern zu Hilfe gerufen werden, als eine deutliche Einsicht in das Wesen religiöser Begriffe allerdings beiträgt, die Empfindung mehr zu befestigen und ihr einen höher» Haltungspnnkt zu geben, ohne welchen sie nur zu leicht in blossen Mysticismns ausartct. Darum können und sollen allerdings in dem Religionsunterrichte auch die Begriffe von der Gottheit, den Verhältnissen des Brenschen zu ihr, seinen Pflichten sowohl gegen Gott, als gegen sich selbst und seine Mitmenschen, katcchctisch erörtert und durchgenommen werden; doch den ganzen Unterricht darauf einznschränkcn, das kann nur Verderben, aber nicht Segen bringen. Sollte ich in dieser Hinsicht Vorschläge zu thun haben, so würde ich zuvörderst für den Religionsunterricht die erste Stunde des Tages bestimmen. Das jugendliche Gemüth ist dann weit weniger zerstreuet, Herz und Geist, gestärkt durch den vorangegangencn Schlaf, sind noch in voller Frische und jedem Eindrücke zugänglicher. Ein warmes, ans dem Herzen kommendes Gebet, bisweilen ein feierlicher Gesang, unter Begleitung einer kleinen Orgel, oder sonst eines feierlich stimmenden Instrumentes, müßte das Gemüth zu jener Stimmung erheben, die durchaus bei dem Religionsunterrichte erfordert wird, wenn er mit Segen begleitet sein soll. Kein Geräusch, kein fremder Gedanke müßte mehr die heilige Stille stören. Selbst von Andacht erhoben, von religiöser Begeisterung entflammt, müßte der Lehrer nur Worte der Salbung zu seinen Zöglingen sprechen, müßte den Gedanken an Gott, an seine Allgegenwart, an unsere Abhängigkeit von ihm recht lebhaft in ihrer Seele Hervorrufen. Er müßte suchen, selbst Thränen den Augen derselben zu entlocken, ausgepresst von dein innigen Gefühle dessen, was Gott uns ist und sein soll. Und sollte er auch anfangs unter seinen verwöhnten Schülern hier und da Unaufmerksamkeit und Zerstreuung bemerken, das müsste seine eigene Geisteserhebnng nicht stören, desto erschütternder und Herz ergreifender müsste er sprechen, bis es ihm gelänge die harte Rinde zu zerbrechen und das Herz zur Aufmahme des himmlischen Thaues zu erweichen. Er müßte seine Schüler im Geiste hinausführcn in die weite Schöpfung, er müßte sie aufmerksam darauf machen, wie Alles in der sichtbaren Natur den ewigen Geist predigt, der sie in'ö Dasein rief, wie Alles voll ist des Herrn und seiner Allmacht und Liebe. In einem nächsten Briefe das Weitere, wie dem Kinde der Unterschied vom Geistigen und Körperlichen klar zu machen sei. V. Es kann nicht ausblcibeu, daß auch in Oesterreich die höchsten Behörden ihre gesetzgebende Thätigkeit der Volksschule als dem wichtigsten Institute zuwcndcn werden, und so ist die Zeit nicht mehr ferne, wo sie einer gänzlichen Reform entgegengehen und eine neue Aera für sie hcraubrcchen wird. Deshalb liegt es nahe, daß wir uns den Begriff und die Bedeutung der jüdischen Volksschule klar machen, um seiner Zeit unsere Ansprüche höheren Orts unterbreiten zu können. Dieses soll der Inhalt meines heutigen Brieses sein; doch will ich in vorherein bemerken, daß ich dieses inhaltreichc Thema'nicht ganz zu erschöpfen vermag und deshalb hosic, noch andere meiner Collegen werden ihre Kräfte demselben zuwenden. Die jüdische Volksschule hat wie jede andere Volksschule den Zweck, die allgemeine Bildung des Menschen und Staatsbürgers zu vermitteln, sie hat aber noch den b e s o nderen Zweck, das nationale Bewußtsein des Schülers zu erwecken, zu kräftigen, so zu entfalten, daß es sich im