Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 10 (11.5.1865)
- Date
- 1865-05-11
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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85 die Leser Ihres Blattes zu richten, ist Folgendes: Es liegt nämlich sehr nahe, daß Sie in Ihrer Verteidigung sagen werden: „Lieber Freund! Deine Behauptung, die Ausnahme jenes Artikels trage 'Nichts zur Aufklärung bei, ist ja durch Dein eigenes Schreiben widerlegt. Ein Rabbiner, der weder für unwissend, noch für irreligiös verschrieen ist, benutzt mein Blatt zum Ausspruche seiner Meinung. Als Redacteur darf ich Sie nicht unterdrücken, wenn ich ihr auch nicht beipflichte; widerlegen kann ich sie, brauche es aber nicht iminer selber zu thnn, besonders da ich weiß, daß Freunde Deinesgleichen für das Rechte und Gute eintreten. Du, mein Lieber! hast cs in diesem Falle gethan. Der Verfasser des von Dir widerlegten Artikels wird seinen Jrrthum einsehen und der Wahrheit die Ehre geben; und thut er es nicht, so wird das Publicum aus seinem Stillschweigen erkennen, daß er sich widerlegt fühlt; oder auch, er wird replicireu und dann muß es sich zeigen, auf welcher Seite das Recht ist. In jedem Falle trügt also mein Blatt zur Aufklärung, zur Befestigung der Religiosität bei. — Wie wichtig ist es nicht scyon, daß die jüdische Welt, die sich meistens an dem Text Schulchan-Aruch hält und sich nicht Zeit nimmt, die Erleichterungen des Ture Sahab und des Reschal ausfindig zu inachen, nun aus dem Munde einer rabbinischcn Autorität, wie die Deinige, erfährt, vrer Ellen weil barhaupt zu gehen sei gar nicht verboten, weil es so geradezu verboten ist, sondern sei b l o s verboten, w e i l e s g e g e n d i c S i t t e d e r Frömmigkeit verstößt. Du thust mir also Unrecht, mir aus der Ausnahme jenes Artikels einen Vorwurf zu machen." — Dies etwa und noch viel Besseres hätten Sie, Herr Redacteur, zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen. Es thut mir leid, daß ich gerade diesen Theil Ihrer Vertheidigung nicht gelten lassen kann. Ich behaupte nämlich, Ihr Freund hat es nicht ans die rechte Weise angefangen, seinen Gegner entweder seines Jrrthums zu überführen, oder die Vertheidigung ihm zu ermöglichen; denn er hat auch nicht das Geringste vorgebracht, wodurch er dessen Behauptung, bei der Doclrin des Rabbinismus könne von Wissenschaft und freier Forschung nicht die Rede sein, irgendwie entkräftet, oder auch nur angegriffen hätte. — Angegriffen hat er nicht die Behauptung, sondern die Person seines Gegners, indem er ihn als einen Mann darstellt, „der den Talmud und seine Grundsätze n i ch t. k e n n t, oder nicht kennen w i l l." Das find zwei harte Beschuldigungen; die erste erklärt ihn für einen Ignoranten, der über Etwas urtheilt, wovon er Nichts versteht, die andere für einen Schuft, der gegen besseres Wisien die Unwahrheit sagt. Und ein solcher Mann wagte es als Rabbiner iu Prag au die Oefsentlichkeit zu treten! — Dahin wäre es mit uns in Prag gekommen, daß wir einen solchen Mann im Amte ließen? Nicht als Redacteur, wohl aber als Prager müßten Sie sich schämen, wenn Sie einem so Erbärmlichen die Spalten Ihres Blattes geöffnet Hütten. Mich wenigstens ließ es nicht ruhen, nachdem ich die Anschuldigungen Ihres Freundes gegen diesen Rabbinen gelesen hatte, ich mußte untersuchen, ob er sie auch bewiesen habe. Sie müssen mir schon erlauben, das Resultat meiner Untersuchung hier mitzutheilen. Ich thue dies als Laie, ob der Rabbiner sich so maßlosen Angriffen gegenüber noch verthcidigen will, bleibe ihm überlassen. — Der Rabbiner hatte den Fall gesetzt, ein freier Forscher käme zu dem Resultate, das Wort der Schrift: „Du sollst nicht kochen ein Böcklcin in der Milch seiner Mutter", hieße weiter gar nichts und verbiete also auch weiter gar nichts, als was diese Worte besagen; cs hieße aber durchaus nicht: „Du sollst nicht essen ein Hühnchen in Butter gebrateu." Daraus der Herr Krcisrabbiner Lövy : „Deutlich ist hier zu ersehen, daß der Hr. Rabbiner der Meinung ist, daß nach talmudischer Interpretation „Du sollst nicht kochen das Böcklein in der Milch seiner Mutter", auch das Fleisch eines Vogels in Milch zu essen verbiete, daß ein Hühnchen in Butter gebraten, von Gott aus, oder was dasselbe ist, von der Thora aus verboten sei." — Aber lieber Herr Krcisrabbiner! Was Sie so deutlich sehen, davon sehe ich gar nichts. Unser Rabbiner hat ja eine eigene Meinung gar nicht geäußert, hat ja nur supponirt, cs könne einmal ein freier Forscher jene Bibclstcllc so auslegen. Er scheint zu meinen, das Rabbincnthum könne und werde diese Auslegung nicht gelten lassen, weil es seine Interpret«' tion von der Ucberlieferuug abhängig mache und behaupte: Alles, was traditionell verordnet sei, das sei im Bibclworte selbst ausgcdrückt. Daher heiße z. B. b'£2 nicht blos koche n, sondern auch essen und vcrwerthen, 'Hi heiße nicht blos Böcklein, sondern auch Schaf- und O ch s c n s l e i s ch u. s. w. (Nicht wie Sie sagen: „Jedes reine Thier," also auch Hirsch oc. Da sehen Sie, was dem Gelehrtesten begegnen kann; darum wollen wir doch glauben, daß Sic das Richtige wissen.) Das scheint unser Rabbiner nicht für eine freie Forschung zu halten. — 1 Es hätte nun zwei Wege gegeben, ihn zu widerlegen. > Entweder hätte man beweisen können, daß diese die Tradition bestätigende Erklärung die einzig richtige sei, oder man hätte bcl/aupten können, die Tradition sei ganz unabhängig von der Interpretation, die Anknüpfung im Thalmud sei nur Auleh-! nung (Asmachta), die freie Forschung bleibe ganz ungehemmt.; — Es hat stets Rabbinen gegeben und gibt deren noch viele, welche meinen, die Tradition brauche nicht mit der Interpretation zu stehen und zu fallen. Sie sei viel gesicherter, wenn sie unabhängig, aus eignen Füßen stehe, als wenn sie in der I Zwangsjacke der Schriftauslegung einherschreite. Dem sei nun wie ihm wolle, genug, der Herr Kreisrab-; Diner schlägt keinen der beiden Wege ein, er sieht lieber Etwas, 1 was gar nicht zu sehen ist, er ruft: „Welche ungerechtfertigte Behauptung, wo gar nichts behauptet ist." Folgt denn daraus, daß unser Rabbiner den Unterschied zwischen dem, was biblisch und was rabbinisch verboten ist, nicht bespricht, auch schon, I daß er ihn nicht kennt? — Er kann ihn sehr wohl gewußt - haben, aber er hatte keinen Grund ihn hervorznheben; denn! für seine Behauptung, das Rabbincnthum werde eine Auslegung, welche iu den Bibelworten nur das verboten finde, was nach dem Wortsinne darin liege, nicht für eine richtige erklären, ist es gar nicht von Belang, ob das, was noch ' ferner als darin verboten gefunden wird, biblisch oder rabbinisch . verboten ist. Steht denn aber das Vorbot, Vogclfleisch mit Milch zu genießen, wirklich außer allem Zusammenhang mit dem Bibelworte: „Du sollst nicht kochen das Böcklcin in der Milch seiner Mutter?" — 'Nach den Worten des Herrn Kreisrabbinen sollte man das fast glauben. Höhnend über die Unwissenheit unseres Rabbinen ruft er aus: „Er zeige uns einen Tana oder einen Emora, dem je so etwas eingefallen wäre! Ei, Herr Kreisrabbiner! hier, fürchte ich sehr, hat Ihnen Ihre Gelehrsamkeit einen argen Possen gespielt. Während Sie biö über die Ohren in den Poskim stecken, verlieren Sic den Boden der Mischnah und Gemara unter ihren Füßen. Wie? Es sollte sich kein Tana und kein Emora Nachweisen lassen, der das Verbot, Vogekflcisch in Milch zu genießen, für biblisch verboten hält! — Schlagen wir einmal Cholin aus. Da heißt es im 8. Abschnitt in der ersten Mischnah: (Sie entschuldigen, daß ich deutsch, nach meiner Uebersetzung citire, einem Laien müssen Sie das schon zu Gute halten, auch fürchte ich bei längeru hebräischen Citaten entstellende Druckfehler, wie sie in Ihrem! Citat vorgesallcn sind, wo durch Auslassung des Wortes dVi die armen Vögel alle mutterlos geworden sind, was sicherlich bei Ihnen kein Gedüchtnißsondern nur ein Druckfehler sein kann.) „Alles Fleisch ist in Milch zu kochen verboten, außer Fleisch von Fischen und Heuschrecken, und es ist verboten (alles Fleisch) mit Käse zusammen aus den Tisch zu bringen, außer | Fleisch von Fischen und Heuschrecken." Dann Mischnah 2