Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1865-04-06 · 8 (6.4.1865) · p. Seite 67

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
8 (6.4.1865)
Date
1865-04-06
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9050333-9088714-9050485--0157-9050488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— 67 — politischen Druck, sondern von jener sittlichen Sclavcrci geknechtet werden, die da aus der Unwissenheit entspringt. Die Civilisation hat noch. nicht Besitz ergriffen von dem größten Theil jener Gegenden, in welchen so viele unserer Brüder wohnen! Alles, was uns, den Söhnen des Occidcnts. Kraft und Größe verleiht, ist ihnen unbekannt. Selbst dann, wann der Fortschritt sich ihrer Umgebung bemächtigt, sind ihnen mit Recht die neuen Ideen, da diese in Verbindung mit Lehren gegeben werden, die ihrem Glauben entgegengesetzt sind, verdächtig, und so scheinen sie selbst dann zur llnbewcgtichkcit vernrtheilt zu sein, wann Alles sich bewegt. Aber, wie kann man in so weiter Ferne für sie wirksam thätig sein? Wie kann man in so weite Fernen die Ansklürung denjenigen bringen, welche unser Verein vor allen Andern lieben und unterstützen muß, da sic die Schwächsten sind und bisher am Meisten vergessen waren? Die Erfahrung lehrt, daß man ans die kommenden Geschlechter zu wirken suchen muß. Schulen! von einem Ende der Welt bis zum andern — das ist die Forderung unserer Zeit. Der erwachsene Mann leiht sein Ohr nicht mehr neuen Lehren, der Greis zieht sie in Zweifel, der Fanatiker stößt sic zurück. Das Kind ist ein gesegneter Boden, welcher immer bereit ist, den guten Samen aufzunehmen: das Kind wird das Heil dieser vernachlässigten Völker sein. Israeliten! Man muß in Afrika und im Orient jüdische Schulen errichten! Wie viele Kenntnisse gibt es da mitzuthcilcn, wie viele Ideen auszubreiten, wie viele Gefühle zu erwecken! Die Unwissenheit verändert die göttlichen Elemente unserer Religion; der Aberglaube entstellt sie; die Sitten und Gebräuche, welche sich in jenen Gegenden verewigen, sind ebenso mit unscrm wahrhasten Glauben wie mit dem Geiste des Fortschritts unvereinbar. Die Weltgeschichte beschränkt sich bei einem großen Theil von ihnen auf die Erzählungen der heiligen Bücher. Trotz ihrer Intelligenz und ihrer Einbildungskraft haben sie kein Geschick zur Industrie und zu den Künsten; selbst der Handel ist nicht in ihren Händen und gehört fremden Brüdern, die ein Stück Civilisation mit sich gebracht haben, das sic begreifen und das sie lieben. Ohne Zweifel bilden die Inden keine Ausnahme inmitten der Bevölkerungen, welche sie umgeben; aber wir können, wir müssen für sie dasjenige thun, was wir für die Milli onen der Bekenner der andern Culte nicht zu thun vermögen. Wir müssen ans unfern Brüdern eine productive Kraft machen, damit sie den Anstoß bilden für jene Nationen, unter; welchen sie schlummern; vielleicht gelingt es ihnen mit unserer , Hilfe, eines Tages das intelligenteste und thätigste Element innerhalb jener Völker zu werden, von welchen sie verachtet 1 werden. Man muß Schulen für die Knaben, inan muß Schulen; für die Mädchen errichten.! Die ersteren werden eine Generation von Männern her-! anbilden, die thütigc Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, ' die nützliche Staatsbürger sein werden, die ihrer Religion Ehre machen werden. Die letzteren werden solche Mütter hcranbilden, wie sic j diese Generation braucht. Es ist die Obliegenheit der Frauen, auf die Sitten zu ' wirken, die erste Erziehung zu leiten, dauernde sittliche Grundsätze einzuflößen, dem Kinde den göttlichen Sinn der Religion zu deuten, in die Seelen jene kindlichen Belehrungen zu säen, deren Andenken niemals erlischt — gibt es wohl solche Frauen unter den armen, entarteten Völkerschaften, von denen wir reden? Das jüdische Weib, welches für die Civilisation besser vorbereitet ist, als das muselmännische, weil es frei und nicht so eng begrenzt ist, wie dieses, — wie nimmt cs doch so wenig seinen Rang als Gattin und Mutter ein! Israeliten des Oricnt's und Afrika'S, was habt ihr ans der Gefährtin eurer Tage, die vor Gott euch gleich steht, gemacht? In welcher Erniedrigung lasset ihr sie leben! Welche Unterstützung findet ihr bei diesem untergeordneten Geschöpfe in den Stürmen des Lebens? Diese Frau, welche nur eure Dienerin und die Amme eurer Kinder zu sein scheint, gleicht sie wohl dem Bicdcrweibe, das Salomo uns schildert? Gegen dieses Ucbel ist die Schule das wirksamste Heilmittel. Lasset diese anmnthigcn, aber unwissenden jungen Mädchen ans dem Dunkel heraustrctcn. Sobald sie lesen und schreiben lernen, werden sic auch denken lernen; dann werden sic in der Arbeit eine heilsame und glückliche Emancipation suchen. Der Makel ist groß, aber kleiner, als man ihn sich gewöhnlich vorstellt, denn unsere Race hat von Natur einen geselligen Geist. Die Verfolgung und die Furcht haben die Isolirung zu Wege gebracht, die Unwissenheit hat die Erniedrigung des Weibes verursacht. Israeliten, ihr liebt die Eivilisatiou, seitdem sie euch leuchtet: sie wird für euch die Fcucrsäule, welche eure Väter führte! Man weiß, daß ihr in Algier die Ersten wäret, welche von den Ideen Frankreichs gewonnen wurden. Nein, es wird nicht schwer sein, jene interessanten Völkerschaften umzubilden. Sie fangen an, den Mangel zu fühlen. Die rührendsten Klagen gelangen zu uns; bewunderungswürdige Briefe, von einigen Einwohnern jener entfernten Gegenden verfaßt, enthüllen uns den Zustand der Geister. Arm und ohne Hilfsquellen rufen sic uns, erwarten sic uns. Uebrigcns reden die schon erlangten Resultate laut genug. Uuter dem mächtigcu Bcistaudc uuserer Brüder in England sind in Marocko Schulen gegründet, die Schule von Tanger zählt, 18 Monate nach ihrer Eröffnung, bereits 400 Schüler. Eine zu Tetnan gegründete Schule wird fleißig besucht. Zwei in denselben Städten errichtete Mädchenschulen erfreuen sich zahlreichen Zuspruchs. In Damascus ist man im Begriff, eine französische Schule für Knaben und Mädchen zu eröffnen; man hat sich an unfern Verein um eine lkuterstützung gewandt, die er bewilligt, um einen Lehrer und eine Lehrerin, die er hiuschickt. Die Freigebigkeit eines einzigen Einwohners jener Stadt hat ein Local gespendet, das den schönsten Schulgebäuden Frankreichs würdig zur Seite gestellt werden kann. Auf Anlaß einer reichen und edlen Familie zu Eonstautinopel wurde daselbst eine Schule gegründet, die seit langer Zeit nicht mehr ausreicht. Es ist an unserm Verein, an den man sich wendet, dort noch zwei Schulen zu gründen. Smyrna hat eine Schule, welche das dortige Comite unseres Vereins ins Leben gerufen hat. Wir haben bereits die Gelder zur Gründung einer Schule zu Volo in der europäischen Türkei bewilligt, und Salonichi hat seine Schule wieder eröffnet, welche ans Mangel an Hilfsquellen geschlossen worden war. Durch Privathilfe in Paris und London wurden unsere Zwecke in Jerusalem und Aegypten befördert; aber wie Vieles bleibt noch zu thun! Aleppo, Beirut, Jaffa erwarten, daß man ihnen zu Hilst komme. Bagdad hat ihnen ein gutes Beispiel gegeben: ein von uns erwählter Professor ist dorthin gegangen, um mit den von uns gewährten Hilfsmitteln und durch die Unterstützung einiger dortigen Einwohner eine Schule an den Ufern der Tigris zu gründen. Earavanen haben die Bücher, das Material dieser französischen Schule durch die Wüste getragen. Die Bitte um eine Schule gelaugt an uns von der Küste von Malabar, von wo eine jüdische Colonie ihre Angen aus uns richtet. Ebenso sind unsere andern Brüder in Asien und Afrika bereit, sich zu rcgeuerircu. Die Zeit ist günstig; ein Wind- 8 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.