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Das Abendland · 1865-04-06 · 8 (6.4.1865) · p. Seite 66

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
8 (6.4.1865)
Date
1865-04-06
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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der Schrift, in gewissen Aussprüchen der Propheten einen doppelten Sinn erkennen: einen einfachen, rationellen, historischen Sinn und andererseits einen allegorischen, typischen oder dogmatischen. Es gibt demnach zweierlei Arten von Exegese: die eine, auf der Vernunft und auf philologischen, geschichtlichen Studien, und die andere, auf dem Glauben und auf einer alten Ucbcrlieserung ruhend. Die beiden Exegesen laufen parallel neben einander, ohne sich zu berühren oder sich gegenseitig ausznschließen. Der heilige Hieronymus z. B., in seinem Eommentar des Propheten Hosea, sagt bei der Erklärung der Worte des eilften Capitels: „Und aus Aegypten habe ich meinen Sohn berufen", ausdrücklich, daß man dem Evangelisten eme Absurdität unterschieben würde (stultitiam et imperitiam, wie er sich ansdrückt), wenn man behauptete, daß nach dem Evangclinin der Prophet nur den typischen Sinn seiner Worte im Auge gehabt. Es ist vielmehr, sagt der h. Hieronymus, unzweifelhaft, daß der Prophet von dem großen historischen Ereignisse des Auszuges aus Aegypten hat sprechen wollen, aber daneben hat er seinen Worten einen typischen oder mcssianischen Sinn gegeben. Der heilige Thomas in seiner Lumina theologiae, da, wo er vom irdischen Paradiese spricht, stellt folgende allgemeine Thesis ans: „In Omnibus, quae Scriptura per hunc modum (narrationis historicae) tradit, est pro fundamento tenenda veritas historiae; desuper expositiones spirituales fabricandae." Die Lehrer der Synagoge drücken sich noch bestimmter aus. Die Schrift, sagen sie, kann auf sechzig Arten (d. h. viclartig, wie man ans lateinisch sexceutis modis sagen würde) ausgelegt werden. Aber, fügen sie hinzu, niemals kann der heilige Text seines einfachen, wörtlichen Sinnes entkleidet werden. An einer anderen Stelle sagen sic, daß der einfache Sinn eine Sache für sich und ebenso das Dogma eine Sache für sich sei. In der That waren die Propheten Volksredner, die zum Volke auf öffentlichem Markte sprachen. Ihre Aussprüche mußten daher vor allen Dingen einen ihrer Zuhörerschaft vcrstüudlichen Sinn haben, und ihre Worte mußten den Umstünden der Zeit und des Ortes angepaßt sein. Gleichzeitig aber machten sie Anspielungen auf gewisse Dogmen oder gewisse künftige Ereignisse, die ihre Zeitgenossen noch nicht im Stande waren, zu begreifen. Hier, auf diesem Lehrstuhle, der lediglich den philologischhistorischen Studien gewidmet ist, haben wir uns nur mit dem einfachen, geschichtlichen Sinne zu beschäftigen; die dogmatische Exegese wollen wir den theologischen, für die verschiedenen Religionsgenossenschastcn bestehenden Lehrstühlen überlassen. Der überlieferte Glaube gehört vor das innere Forum; er ist gewissermaßen eine, individuelle Offenbarung, und zwar ein ebenso gutes Kriterium der Wahrheit, wie die Vernunft, wiewohl ein rein subjcctives Kriterium. Jeder Gläubige wendet sich der Ueberlieferung zu, in welcher er erzogen ist, aber er hat auch alle anderen Ueberlieferungcn zu achten. Gott verhüte, daß ich jemals eine derselben angreifcn sollte! Aber ich möchte auch nicht, daß selbst mein Schweigen als ein indireeter stiller Angriff gegen jene Uebcrlieferungen angesehen werde, von denen ich die einen anerkenne, während die anderen stets ein Gegenstand pietätvoller Achtung für mich sein werden. (Fortsetzung folgt.) Der neueflc U»!n>l Oer Mm»» isrncl'ilc »nilmlM zu QPiuiö. Dieser Tage ist uns das Bulletin dieses Vereins eingesendct worden, und entnehmen wir demselben Folgendes : „Israeliten! „Wir ergreifen nicht vergebens das Wort: seit dem Tage, da unser erster Aufruf eure Herzen erweckt und den fruchtbaren Keim zu einer allgemeinen israelitischen Vereinigung gelegt hat, haben wir mehr gehandelt als geredet, und unsere Berichte haben euch von dem sich stets vergrößernden Kreise Kunde gegeben, innerhalb dessen uns zu wirken vergönnt war. Als wir uns das Wort gegeben haben, unfern Statuten gemäß überall für die Emancipation und den Fortschritt der Israeliten zu arbeiten, konnten wir schon voraussehen, welche verschiedene Formen unsere Thätigkcit annchmcn mußte, welche beträchtliche Hilfsquellen nöthig sein würden, wenn wir uns nichr blos an unfruchtbare Wünsche halten wollten. Der Augenblick ist gekommen, Israeliten, ein denkwürdiges Werk zu gründen und gemeinsam für die dringendste, für die erste Emancipation, für die des Geistes, zu arbeiten unter denjenigen unserer Brüder, welche in entlegenen Ländern in höchst prccärcr Lage von uns dasjenige erwarten, was sie selbst sich nicht geben können; denn es mangelt ihnen zugleich die Erfahrung, welche die Verbesserungen begreift, cs mangelt ihnen der Unternehmungsgeist, der sie unternimmt, die Einsicht, die sic annehmbar macht, und das Geld, welches sie ermöglicht. Wir haben schon in bescheidener Weise dieses Werk begonnen; aber wo die Zeit drängt, da ist das Zandern ein Verbrechen; wir sehen uns daher gcnöthigt, alle lebendigen Kräfte des Jndenthums auszurufen, um die Hilfsmittel zu der Größe des Uebels in's Verhältniß zu setzen. Verlassen wir einen Augenblick Europa, wo zwar auch noch nicht Alles, was nöthig ist, geschehen, wo aber Alles ans dem Wege ist, sich zu machen. Ucberall in Europa trifft man die Toleranz, die sich endlich zur religiösen Freiheit gestalten wird. Ucberall, wo der Jude sich auszeichnet, räumt man ihm seinen Platz ein, in einer Zeit, in welcher Intelligenz und Talent die Hebel der Welt sind. Ucberall bricht sich das Bewußtsein der Freiheit Bahn. Europa macht uns keine Sorge; cs wird sein Werk allein oder doch fast allein vollbringen. Richten wir jedoch unfern Blick in jene fernen Länder, in welchen sich die Lage unserer Brüder seit den entferntesten Zeiten nicht verändert hat! In Marocko wohnen im Innern und an den Küsten mindestens 300,000 Israeliten. In Tunis und Tripolis wohnen deren 80,000. Man wird die Zahlen nicht zu groß annehmen, wenn man 300,000 aus die europäische und 400,000 auf die asiatische Türkei rechnet. Ungefähr 80,000 Israeliten vegetircn an den Usern des Euphrat und der Tigris in dem alten Mesopotamien, im Vaterlande Abrahams. Wenn wir noch weiter in Asien Vordringen, so werden wir dort ebenso, wie in den wenig bekannten Gegenden Afrika s, sehr zahlreiche jüdische Bevölkerung finden, die unfern Ideen so fremd sind, wie wenn Jahrhunderte und nicht räumliche Entfernungen uns trennten! illichts läßt sich der Trägheit vergleichen, in welcher diese intelligenten Bevölkerungen schmachten, welche nicht durch

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