Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 7 (23.3.1865)
- Date
- 1865-03-23
- Page
- Seite 61 (sequence 5)
- Language
- German
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61 betete laut das übliche Gebet der Sterbenden siebenmal hintereinander und forderte seine Umgebung auf, dreimal „Amen!" zu sagen. Bald daraus bemerkte er, daß seinem Auge das Licht schwinde, und eine Viertelstunde später — um halb 2 Uhr Nachts war er nicht mehr! Der Tod dieses Mannes reißt als ein breiter Schmerzensstrom in die Wiener jüdische Gemeinde. Mit ihm sind alle theuern Erinnerungen aller Familien aufs Innigste verknüpft. Er nahm während vier Jahrzehenden alle ihre Kinder in den heiligen Bund aus; er segnete die Brautpaare, er sprach das letzte Wort an den offenen Gräbern ihrer Eltern und Großeltern und verkündete Allen von der Kanzel herab das Wort des Herrn und flößte ihnen gläubiges Vertrauen lind ein stolzeres Bewußtsein ein in verkommenen Zeiten, bis eine lichtere, von ihm erhoffte Zukunft im Vaterlande hereinbrach. Er war der lebendige Mittelpunkt dieser Gemeinde, ihre geistig adeligste Persönlichkeit, ihre wandelnde Geschichte. Noch ruht der Todte aus der Bahre, um übermorgen Montag den 20. März zur ewigen Ruhe bestattet zu werden, und es scheint uns nicht ziemend, jetzt die Persönlichkeit, wie sic sich im Privatleben, im Verkehre mit Freunden und in der eigenen Familie darstelltc, zu schildern. Bei der großen Theilnahme aber, die Mannheimers Scheiden, nicht allein in der hiesigen Gemeinde, sondern in allen jüdischen Gemeinden des österreichischen Kaiserstaates und weit hinaus über dessen Grenzen wachrnft, kommen wir gewiß nur einem allgemeinen Wunsche wehmuthsvoll entgegen, wenn wir die Linie seines äußeren Lebens und Wirkens hier ziehen. Eine ruhigere Hand mag später die nachfolgende Skizze mit Farben beleben. Isaak Noa Mannheimer wurde im Jahre 1793 am 17. October zu Kopenhagen geboren, wo sein Vater Vorbeter der israelitischen Gemeinde war. Er widmete sich daselbst den Gymnasialstudien und dann an der llniversität vorzüglich der Philosophie und orientalischen Philologie, während er zugleich sich jüdisch-theologischen Studien hingab. Durch hervorragendes Talent, vielseitiges Wissen und streng sittlichen Charakter ausgezeichnet, wurde er, obwohl erst 25 Jahre alt, als Katechet an der öffentlichen Schule in Kopenhagen und als Prediger bei den Andachtsübnngen angestellt, als welcher er bis zum Jahre 1821 zur vollsten Befriedigung der Gemeinde fungirte und auch die Anerkennung des k. dänischen Cultusministerinms sich erworben hat. Seine in dänischer Sprache geschriebenen Predigten sind 1819 in Kopenhagen gedruckt erschienen. Das Streben, sich in immer weiteren Kreisen seines ihm heiligen Berufes als Kanzelredner und in der Wissenschaft zu entwickeln, führte ihn nach Hamburg und Berlin, in welchen beiden Städten er ein Vorbild großen Gemeindelebens und den noch unerreichten Musterredner Dr. Salomon kennen lernte, und wo er zugleich in vertrautem Umgänge mit den Gelehrten Jost, Znnz, Ed. Gans, Moser, Heinrich Heine, Kley u. s. w. sich bildend, durch sein von religiöser Begeisterung getragenes Rednertalent die Aufmerksamkeit aus sich lenkte. Als im Jahre 1824 der verewigte Kaiser Franz den Israeliten in Wien ein öffentliches Bethans zu gründen gestattete, war für die Vertreter derselben eine weitere Concession, den ausländischen jungen Gelehrten als Prediger und Religionslehrer nach Wien berufen zu dürfen. Ehe er seine Thätigkeit in dieser doppelten Eigenschaft antrat, mußte er die Institute, die sich in einem primitiven Zustande befanden, oder-noch gar nicht vorhanden waren, schassen, und im Einvernehmen mit der opferfreudigen Gemeinde, die dem talentvollen Manne gerne folgte, im eigentlichen Sinne organisatorisch wirken. Vor Allem war es die Einführung und Regelung eines weihevollen Gottesdienstes im neuen Bcthause, die fromme und erhebende Weise bei Trauungen und Kindes-Einsegnungen, die Einrichtung eines feierlichen und tröstenden Bcstattungs- Ceremoniells, welche den jungen Prediger, nach den edlen Mustern von Hamburg und Berlin, zuerst beschäftigten, sowie die Einführung einer bis dahin nicht bestandenen Gebnrts-, Trainings- und Stcrbematrikel. Neben diesen organisatorischen Arbeiten, die nichts Geringeres, als die Bildung einer eigentlichen israelitischen Gemeinde in Wien, wiewohl sie sich so nicht nennen durste, zum Ziele hatten, sing an, sein belebendes Wort, seine vom edelsten Geiste des Judenthums durchdrungene Anschauung zu wirken. Er brachte durch die bis dahin in österreichischen Synagogen nicht gehörte deutsche Predigt ein neues Element der Bildung durch ihren von echt alttestamcntarischcm Geiste dnrchseelten Inhalt, innige Religiosität, tiefstes Gottvcrtranen, vor Allem ein fast verloren gewesenes Selbstbewußtscin in die Gcmüther der Gemeinde. Wie von der Kanzel herab, wußte er auch dieselben Wirkungen vom Lehrstuhle in der Schule zu erzielen und eine glanbenstrene, fromme Jugend zu erziehen, welche durch die ebenfalls von ihm erst in Wien ins Leben gerufene Einrichtung der Eonfirmation eine besondere Weihe einpfing. Diese glückliche, in ihren sittlichen Folgen nicht genug zu bemessende Wirksamkeit Mannheimer's blieb aber nicht auf den Kreis der Wiener israelitischen Cultusgemcinde begrenzt, sie wirkte belebend und beispielgebend weiter. Ucberall fing unter den Israeliten Oesterreichs sich ein veredelter, weihevoller Gottesdienst zu bilden an. Kaum ist ein Prediger auf den österreichisch-jüdischen Kanzeln, der nicht ein Jünger Mannheimer's wäre, lind wo sein gesprochenes Wort zu verhallen anfing, begann das von ihm durch den Druck bekannt gewordene zu wirken. Seine deutsche Ucbersetzung des Gebetbuches ist in allen österreichischen Gemeinden die verbreitetste, seine Predigten, gedruckt im Jahre 1833 in Wien, seine Gedächtnißredcn ans weiland Se. Maj. den Kaiser Franz, auf Se. kaiserl. Hoheit Erzherzog Carl, seine Rede am Grabe der Gefallenen am 17. März 1848, seine synagogalen Gebete für das Vaterland, für seine Glaubensgenossen, für Wissenschaft und Kunst trugen den Ruf seiner frommen und patriotischbegeisterten Reden weit über die Grenzen des Vaterlandes hinaus und machten seinen Namen auf dem Gebiete der Kanzelbcredtsamkeit zu einem deutschen. Die fast aufreibende Thätigkcil, die durch nichts zu ermüden war, welche ihin seine mannigfachen Berufs- und Amtspflichten auscrlegtcn, konnte ihn nicht hindern, sich auch dem Dienste der Humanität zu widmen; sein Wirken als Armenvatcr der Gemeinde ist von Tausenden und Tausenden gesegnet, welche durch ihn hilfreichen Rath und tröstende Unterstützung empfangen haben. Wie in weiten Kreisen bildend .und sittigend, wirkte Mannheimer auch in den Familien der Gemeinde und in seiner eigenen. Einfach, schlicht, führte er ein patriarchalisches Leben, wie es den Männern eigen ist, die in echt pastoralem Sinne wirken. So viele vorragendc Eigenschaften nach Außen hin und die stilleren nach Innen der Gemeinde und der Familie, die stets loyale Anhänglichkeit an Oesterreich, das Mannheimer's zweites Vaterland war, wurden nicht allein von der Gemeinde in Wien er- und anerkannt, sie veranlaßten es, daß die Stadt Brody im 'Jahre 1848 ihn einstimmig als ihren Vertreter in den ersten constituirenden Reichstag sandte. Und-als es der Stadt Wien im Jahre 1861 gegönnt war, Abgeordnete in den n. ö. Landtag zu wählen, wendeten sich die Blicke nicht der jüdischen Bevölkerung allein dem Prediger und Seelsorger der jüdischen Cultnsgemeindc in Wien zu. Nur seine strenge Gewissenhaftigkeit und die entschiedene Erklärung, daß sein vorgerücktes Alter ihn hindern würde, zweien gleich wichtigen Aemtern vorzustehen, konnte dem ihm entgegen getragenen allgemeinen Vertrauen wehren, ihn in den n. ö. Landtag zu wählen. Es ist noch im Gedächtnisse, in welcher verehrnngsvollsten Weise Mannheimer's 70. Geburtstag am 17. October 1863 nicht allein von der israelitischen Cultnsgemeindc, sondern von Wien und vielen Städten des In- und Auslandes gefeiert