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Das Abendland · 1865-03-23 · 7 (23.3.1865) · p. Seite 60

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
7 (23.3.1865)
Date
1865-03-23
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 Eorrespondenz. Pädagogische Briefe. *) I. Prag im März. In der Hoffnung, daß Sie, geehrtester Herr Redacteur, die Spalten des „Abendland", das Sie doch zum Organ für die Gesammtinteressen des Judenthumes bestimmten, bereitwillig auch Erörterungen aus dem Gebiete der jüdischen Schule widmen werden, erlaube ich mir, Ihnen beifolgende Briefe zur Verfügung zu stellen, und wenn ich für dieselben einen etwa übermäßigen Raum Ihres Blattes zu beanspruchen wage, so wollen Sie es damit gerechtfertigt halten, daß uns in Oesterreich für diesen Zweck kein Schulblatt zu Gebote steht. _ Wir können mit Beginn jedes neuen Schuljahres die traurige Wahrnehmung machen, daß die wenigsten Knaben das eigentlich erwünschte Maß hebr. Wfffens in die Mittelschule mitbringen. Schon im Vorjahre fanden sich deshalb Schulmänner veranlaßt, in der „Zeitstimme" und anderen jüdischen Wochenschriften zu erörtern, welches Ziel die jüdische Volksschule bei dem hebr. Unterrichte anstreben sollte. Schreiber dieses nahm damals Anlaß, sich darüber in folgender Weise auszusprechen: „Die Volksschule als solche hat vorerst für das allgemeine und nächst liegende Bedürfniß zu sorgen." ,Mas im Gebiete des hebr. Wissens für jeden Israeliten vor allem Bedürfniß wird, ist Kenntniß dessen, was beim Gottesdienste in der Synagoge vorkömmt, daher: Verständniß der Gebete, der Thora jeder Haftorah und der 5 Megiloth." — So muß wohl der denken, der die Tendenz kennt und beachtet, welche die Volksschule zu verfolgen bat. Soll nur das und nichts sonst gefordert werden? So werden vielleicht manche Fragen, namentlich jene, die es — freilich in ihrer allenfalls hoch zu achtenden Pietät für tiefes jüd. Wissen — mit L>chmerz^ansehen, daß sich unsere Kinder nicht mehr wie ehemals schon m den Schachten des Talmud bewegen. Allein die schule überhaupt, daher auch die jüdische, konnte dem Strome der neuen Zeit nicht ausweichen. Seit unfern Glaubensbrüdern eine höhere bürgerliche Stellung eingeräumt worden, will auch jeder feinen Kindern durch die dazu nöthige Bildung die eingeräumte Stellung verschaffen; unsere Schulen müssen dadurch jetzt sogar den weitaus größeren Theil der Zeit dem Unterrichte im Deutschen widmen. Bedauerlich ist nur, daß viele Schulen bei ihren: Streben nach deutscher Bildung das Hebräische zu weit zurückdrängen, daß sie für die deutschen Schulgegenstände, und dazu noch für manchen gar nicht zulässigen, ein größeres als eben gesetzlich vorgeschriebenes Zeitmaß bestimmen, und dadurch ein zu geringes erübrigen, als daß sie das bezüglich des Hebräischen Wünschenswerte erreichen könnten. Wo man es für gut findet, so die Unterrichtsgegenstände zu vertbeilen, da muß man freilich ohne Befremden die Frage anhören: Soll schon das, das heißt so viel gefordert werden? Und doch, es muß gefordert werden, wir wiederholen es, weil es eben das ist, was jedem Israeliten gewiß Bedürfniß ist, es muß schon in der Volksschule gefordert werden, weil diese für die meisten die einzig besuchte Anstalt bleibt- — Ob nun das alles in der Volksschule erreichbar ist? Die Erfahrung gibt hierüber den sichersten Aufschluß. Wir finden gottlob noch Schulen, welche durch weise Benützung der Zeit und durch Anwendung einer gicken Methode die erfreulichsten Resultate erzielen. Aber gerade der Mangel an einer guten Methode ist Ursache, Laß der hebr. Unterricht so selten, selbst beim fleißigen, gewissenhaften Lehrer, vom gewünschten Erfolge ist. Vom ehemaligen Grundsätze, nach welchem der Jugend eine übermäßige Menge an Lehrstoff gereicht wurde, haben sich unsere Lehrer längst losgesagt; an der alten monotonen, rein mechanischen, weil sich einzig auf's Gedächtniß stützenden Lehrweise hängen sie zumeist noch mit Zähigkeit. Am ärgsten kommen die Kinder bei den ersten Anfängen des Thoraunterrichtes daran. Haben sie das Hebr. nothdürftig lesen gelernt, werden sie gleich für die Thora reif gehalten. Kein Vorbereitungsunterricht findet statt. Ein Werk sollen sie kennen lernen, dessen Sprache ihnen bisher nach dem Klange nur bekannt wurde. Wenn ich die Kleinen so quälen sehe, damit sie nach Wochen die erste Seite der Thora kennen, da bedauere ick, daß die liebe Zeit dahin, wo die Sprache des Gheto noch im Munde aller Kinder lebte, wo diese wenigstens einige Ausdrücke der Bibel ihrer Bedeutung nach kannten und dadurch, wenn auch eine winzige, doch etwas Erleichterung beim Lernen hatten. Der bewährte Schulmann Bondy hat uns schon in seinem Nasglul balimucl treffliche Winke zur Propädeutik des Bibeluntcrrichtes gegeben; von den Vielen, die dieses Elementarbuch bisher benützten, haben sie aber die wenigsten beachtet. Und doch wie viele Schwierigkeiten würden schon überwunden sein, wenn den Kindern vor allem ein geeigneter Wortvcrrath gegeben würde, besonders wenn dieser Vorrath aus solchen Wörtern und wo möglich in derselben Form bestünde, die in der Bibel sich häufig finden. Das ginge doch leicht. Man kann schon dem Elementarscküler täglich drei hebr. Wörter, seien es Haupt-, Zeit- oder Eigenschaftswörter, beibringen, in Kurzem können kleine aus bekannten Wörtern gebildete Sätze vorgesprochen werden, und am besten solche, die in der Thora wirklich Vorkommen — die Kleinen werden sie sicher übersetzen. Auch mit den einfachsten Beugungsformen der Wörter können sie bekannt gemacht werden, □ fasst auch ein kleines Kind auf. Es brauchen vorerst nur solche Wörter dazu gewählt werden, die beim Biegen keine starke Veränderung erleiden. Da diese Uebungen schon in der Unterclasse stattfiuden, könnte nicht eingewendet werden, daß sie die Kinder zu lange von der Bibel fern halten würden. Und selbst, wo durch mancherlei Verhältnisse diese Vorübungen erst in der nächst höheren Classe vcraenommen werden müßten, sollten sie nicht wegfallen. „Wetzen hält den Mähder nicht auf." Eduard Stein, Hauptschullehrer. Mährische Briefe. I. Brünn im März. 8. Die Geschäfte gehen hier schlecht, sehr schlecht; der hiesige Platz hat unendlich viel durch die heuerige Geschäftskrise gelitten und wer weiß, was in der Zeiten Hintergründe schlummert, was er noch zu leiden bestimmt ist. Auf das “IttJJP "’O Wer soll reich werden? scheint beim vergangenen ^pin njnjl gar nicht gefragt worden zu sein, sondern blos'^Z!'' 'E. „Wer soll arm werden?" Um so lobenswerther und erhebender ist cs, wenn durch die andauernde Geschäfts- Ealamität der Wohlthätigkeitssinn nicht erlischt, sondern herrliche Blüthen und köstliche Früchte treibt. Dieser Wohlthätigkeitssinn ist wie der Aaronsstab, der uns von jeher vor aller Welt das herrlichste Zeugniß gab und auch hier in nuferer Gemeinde sich glänzend bewährt Der Vorstand hat io wie im Vorjahre auch Heuer auf Antrag des Herrn Dr. Stöffel, der als praktischer Arzt die Roth in den einzelnen Familien am besten zu kennen geeignet ist, eine Sammlung Behufs einer Holzvertheilung vorgenommen und diese hat noch mehr als im Vorjahre, über 400 sl. ergeben. Ein warmes, dreimaliges Hoch dem Vorstande im Namen aller Betheiligten! In kleinem Maßstabe, aber nach den geringen Kräften sehr ersprießlich, wirkt der Kreuzerverein der Studirenden. Jeder israelitische Schüler aus dem Gymnasium und aus der Realschule bringt wöchentlich einen Kreuzer- Hievon erhalten die armen Schüler, wenn ihnen zuweilen Quartiergeld, Stiefeln, Schulgeld und Schulbücher fehlen, einen angemessenen Beitrag. Im abgelaufenen Semester sind so ca. 58 sl. vertheilt und manchem armen Jungen aus der dringenden Noth geholfen worden. Auch die Unterstützungsbibliothek, im vorigen Jahre angelegt, hat Heuer schon manches Gute geleistet, und mehr als 30 arme Schüler haben aus derselben ihren Schulbücherbedarf gedeckt. Die Anlegung dieser Bibliothek geschah auf eine einfache Weise. Die Schüler aus besseren Häusern geben beim Uibertritte in ein höheres Studienjahr ihre nickt mehr nöthigen Schulbücher ihrem Religicnslehrer Herrn Prof. Stöffel, und dieser verleiht sie dann beim Beginn^ des Schuljahres an die armen Schüler, und so wird der Wohlthätigkeitssinn in den Herzen der Jugend geweckt und „Jung gewohnt, alt gethan." Prediger Mlninljeimer. Wien, 18. März. In der Nacht vom 17. auf den 18. März verschied nach vierwöchentlichem Krankenlager der greise Seelsorger und ') Von jeher bestrebt, das Beste der israel. Schule zu fördern, eröffnen wir mit gegenwärtigem Blatte einen Cyclus von didaktischen Briefen über jüdischen Unterricht, und bitten wir um derartige Einsendungen. Die Redaction. Prediger der israelitischen Gemeinde in Wien, Hr. Isaak Noa Mannheimer. Die Krankheit, die ihn befallen hatte, war überwunden; der Körper erlag der Erschöpfung; doch sein Geist war cs nicht, der sich müde fühlte. Ein Weiser, sprach er ruhig mit den Seinen von seinem nahen Tode, und nachdem er sic getröstet und gesegnet hatte, wandte er sich von allem Irdischen ab, zu Gott, dem Herrn, den er in frommer Begeisterung all' sein Leben lang gepriesen und gebcnedeiet. Er

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