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Das Abendland · 1865-03-09 · 6 (9.3.1865) · p. Seite 53

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
6 (9.3.1865)
Date
1865-03-09
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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aber dieser Ausland denn doch nicht. Die Sitten eines Landes sind oft mächtiger als die Gesetze desselben, und wenn sich die politische Diskussion in dem Reiche Napoleons III. auf ein sehr enges Gebiet beschränkt steht, so ist doch die Freiheit in der Erörterung literarischer, socialer und religiöser Fragen eine sehr große, und nur selten wird ein Versuch zu ihrer Maßregelung gemacht. Cremieup beschwert sich als Jude über eine Stelle in der Vorrede zum „Leben Eäsar's" in folgendem Briefe: „Ich habe eben die Vorrede gelesen, welche Napoleon III. seinem „Leben Eäsar's" voransctzt. Der freilich etwas gedämpfte Fatalismus einerseits, anderseits die den Völkern übrigens ziemlich eindringlich vor Augen geführte Pflicht, je nach ihren Zeitepochen die Ideen Karl's des Großen, des ersten Napoleon's znzulassen, hatten meine ganze Aufmerksamkeit wachgerufen, als ich bei den Worten anlangte: „Glücklich die Völker, welche dieselben begreifen, wehe denjenigen, welche sie mißverstehen oder bekämpfen. Sic machen es wie die Juden, sie kreuzigen ihren Messias." Wie konnte Napoleon diese Phrase niederschreiben! Wo hat der Historiker den Beleg für diesen Ansspruch, den er so kurzweg hinstcllt, aufgefunden! „Die Juden haben ihren Messias gekreuzigt!" Die jüdische Religion, welche in jenen Ländern, wo ihre Anhänger sich der politischen und bürgerlichen Rechte erfreuen, den übrigen Religionen gleichgehaltcn wird, sie, welche in jenen Ländern, wo ihre Bekenner der Verachtung, den Verfolgungen ausgesetzt sind, mit so vieler Tapferkeit ihre Unsterblichkeit aufrecht hält, die jüdische Religion erwartet ihren Messias. Die katholische Religion ist es, welche sagt, daß dieser Messias von den Juden verkannt, von ihnen gekreuzigt wurde. Also die Vorrede zum „Leben Cäsars" wird jetzt vom katholischen Standpunkt geschrieben! Eine Religions-These wird als ein historischer Grundsatz aufgestellt. O, wie weit haben wir uns von jenem großen Gedanken Napoleon's I. entfernt, der durch die Berufung eines großen Sanhedrins und die Organisation des israelitischen Enltns die jüdische Religion anerkannte! Wir leben in einer Zeit und in einem Lande, in welchem die Religionen und Cnlte sich im Gewissen verschließen, in den Tempeln sich freibewcgcn können. Ein Priester mag von der Kanzel herab die Geburt des Messias und die Verblendung der Juden, welche ihn verkannt und gekreuzigt haben, verkünden. Ich kann dies als eine Ansicht der katholischen Religion, gegen welche übrigens ein Rabbi in der Synagoge von einer anderen Kanzel predigen kann, begreifen. Aber daß der Regent eines großen Reiches in der Vorrede eines Geschichtswcrkes eine solche Acußcrung thnt, daß er 'in einem Buche, welches er in alle Sprachen übersetzen läßt, neuerdings der Welt und Frankreich gegenüber, wo er alle Gewalt in seinen Händen vereint, gegen die Inden die Anklage erhebt, in ihrer Blindheit ihren Messias gekreuzigt zu haben, während dieser Messias Jesus Christus ist: daß er diese schreckliche und schmerzliche Anklage, welche die Ströme jüdischen Blutes, die darob vergossen wurden, aus dem Gedächtniß den durch die Philosophie aufgeklärten Nationen hinweggetilgt zu haben schienen, erneuert — war eine sehr unglückliche Eingebung. Ihr Ad. Cremieup. Mit Recht bemerkt die „Opinion nationale," indem sie den Grundsatz aufstellt, daß man gegen alle Welt und selbst auch gegen die Herrscher billig sein müsse, daß die Beschwerde Cremieux's nicht begründet sei, indem der kaiserliche Schriftsteller die getadelten Worte nur im sinnbildlichen Sinne gebraucht habe. Daß es sich wirklich so verhält, beweist gewiß am besten der Umstand, daß die Regierung Napoleons niemals von der Uebnng der vollen Gleichberechtigung aller Confessionen abwich. Man wird übrigens das Erscheinen dieses Briefes wohl auf Rechnung der erregten Discnssion religiöser Fragen setzen dürfen die in diesem Augenblicke in Frankreich stattfindet. Ohne diesen Umstand wäre die Vorrede zum Leben Cäsars wegen der erwähnten Phrase kaum angegriffen worden. (W. M. P.) Nekrolog. paart sieb wo mit Bürgertugend Kegen Fleißes Willensmutb, Liert's das Alter, wie die Jugend, jeglichem es Gutes thnt. — Leides tiaft in Dir vereinet, Keichtett Vielen reichlich Brod Aüe6 Dich darum beweinet, Mächtig schmerzt Dein früher Tod. — Dem Verdienste seine Kronen, jedem wichtigen Vorfälle im jüdischen Leben sowohl des Ausals Inlandes einige Worte der Erwähnung und dem Andenken würdiger Männer eine verdiente Erinnerung und ein pieses Denkmal. So haben wir es gehalten, seitdem unser Blatt unter dem Namen „Zeitstimme" ins Leben getreten, und so wollen wir es heute auch in unserm „Abendlande." Das ein treuer Verkünder sein soll alles dessen, was im Judenthum sich Wichtiges ereignet. So haben wir heute die traurige Verpflichtung, über das Ableben eines allgemein geachteten und verehrten Mitgliedes der Prager Gemeinde zu berichten, über einen Fall, der zwar nicht von heute ijt, aber im Andenken Aller so unverwischt enthalten ist, als wäre er im nächstvergangencn Momente an uns vorübergegangen. — Wir kommen so spät, weil unser voriges Blatt bereits geschlossen war, als die erschütternde Nachricht sich verbreitete, der menschenfreundliche und wahrhaft fromme wie wohlthätige und vielfach ausgezeichnete Herr Salomon Pribram habe das Zeitliche gesegnet. Wir können nicht umhin, einiges über den Tod dieses Mannes mehr aber noch über dessen Leben und die Art wie er allgemein betrauert wird, zu bringen, selbst auf die Gefahr hin, nur das zu recapituliren, was bereits Prager und Wiener Blätter wiederholt gebracht haben. Salomon Pribram, ein Sohn des Kotionfabrikanten A. B. Pribram und nach dessen Tode Ehef des Hauses, Besitzer einer großen Kotionsabrik am Smichow und einer großartigen Weberei, war Inhaber des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone, Ehrenhauptmann des Prager bürgerlichen Grenadiercorps, Ehrenbürger und Ausschußmitglied der Stadt Smichow und Mitglied mehrerer Vereine. Ausgezeichnet als Industrieller wie als umsichtiger Geschäftsmann war er auch in den weitesten Kreisen der Industrie- und Geschäftswelt eine allgemein bekannte und hervorragende Persönlichkeit, aber auch als Bürger und als Religionsgenoße war er stets beachtenswerth und seine Wohlthätigkeit gegen Freunde besonders aber gegen seine Arbeiter und Bedienstete ohne Unterschied der Confession eine unbegrenrte. Er war ihnen ein wahrer Vater, und als solcher ward er auch von ihnen verehrt, wie dies die Anhänglichkeit am besten bethätigt, welche diese bei dessen Leben wie bei dessen Tod an den Tag gelegt haben. — Für die Beliebtheit des Verblichenen so wie für die Achtung, die er in allen Schichten der Bevölkerung Prags und Smichow's sich zu erfreuen hatte, spricht die allgemeine Theilnahme sowohl an seinem Hingange in ein besseres Leben als die Betheiligung an seinem Leichenbeaängniße und den Trauerfeierlichkeiten, wie die Kundgebungen des allgemeinen Bedauerns seines so früh eingetretenen Todes, der ihn im 56. Lebensjahre aus der vollsten Thätigkeit seines regen Geistes gerissen hat, zum Schmerze einer tiefbetrübten Witwe, zweier Söhne und zweier Töchter, und einer großen Z?.hl von Individuen, denen er immer ein gütiger Herr und versorgender Ernährer war. Das Leichenbegänaniß veraulaßte einen ganz außerordentlichen Zusammenfluß von Menschen aus allen Classen, welche

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