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Das Abendland · 1865-03-09 · 6 (9.3.1865) · p. Seite 50

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
6 (9.3.1865)
Date
1865-03-09
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Gesetzen stempelt, diese kraft ihres tausendjährigen Bestandes für geheiligt erklärt und sich nicht scheut, ganze Reihen von Geboten als göttliche zu bezeichnen, die das deutlichste Gepräge inenschlichen Machwerks an sich tragen. Der Zweck dieser sogenannten religiösen Verordnungen ist leicht zu begreifen: sie sollten den Juden im einzelnen wie im ganzen zum ängstlichen Formmcnschcn machen, der sich als solcher von der nichtjüdischen, in stetiger Umwandlung begriffenen Gesellschaft nothwendigerweisc ausschließen oder ausgcschloffen fühlen müßte. Ja! das ist von jeher die Hauptsorge des Rabbinismns gewesen, die Schäflein, zu deren Hirten er sich aufgeworfen, vor der Vermischung mit der großen, ihrer Meinung nach irregeleiteten Heerde der andern Menschen strengstens zu bewahren, wie er ebenfalls, auch ohne es förmlich proclamirt zu haben, im Widerspruch mit den Grundsätzen des wahren Judenthums die Observanz des rabbinischcn Codex als den einzigen und alleinigen Weg zur Glückseligkeit bej trachtet. Daher kommt es auch, daß die politische Emancipation der Juden von dieser Partei als eine große Gefahr für die Religion angesehen wird, und daß dieselbe vielmehr sehr davon erbaut sein würde, könnte sie die Juden als Märtyrer sehen un, solcker Dinge willen, die, in Ermangelung jedes sittlichen Halts, heutzutage der Mehrzahl von uns als nichtig gelten. Der Rabbinismns der jüngsten Jahrhunderte ist der größte Feind des Judenthums gewesen, indem er gegen die bessere Ueberzeugung der Juden diesen das aufdrängte, wofür dieselben leiden mußten, und gegen ihren Willen sic zusammenpferchte als eine abgesonderte und dadurch zu Entbehrungen aller Art verurtheilte Schar. Es wäre ein arges Vergehen, wollte man nur entweder den deutschen Stämmen oder ihren Fürsten das lange Ausbleiben der politischen Gleichstellung der Juden zur Last legen; nein! einen erklecklichen Theil dieser Schuld haben jene zu tragen, die den Geist der Juden dermaßen niederdrückten, daß er den politischen Druck fast nicht spürte, die vielmehr die Ansnahmsstellung als ein Vorrecht Jsrael's vor andern Völkern priesen, die ihren finstern Ideen zu jeder Zeit Eingang zu verschaffen wußten bei Herrschern und Beherrschten, sodaß man hier und da an einflußreichen Stellen noch jüngst den Satz festhiclt: nur der Jude könne ein getreuer Bürger sein, der mit „Schaufäden" am Gewände den christlichen Mittagstisch meide; die endlich von jeher stets bereit waren, denjenigen zu verdammen, der in Liebe zur Wahrheit und richtiger Erkenntniß seiner Zeit seine Glaubensgenossen auszuklären bemüht war. Aber wie Rom, so sinkt auch der Rabbinismus in seinem Einfluß, während das freie Predigerthum steigt, dessen unbestreitbares Verdienst es ist, Humanität, Wissenschaft und Vaterlandsliebe als die Hauptfactoren des wahren Gottgcdankens auch für die Juden hingestellt zu haben. Dank den Männern, die sich dieser Aufgabe widmen, dank der Hochherzigkeit vieler deutscher Fürsten und der Bildung des deutschen Volks — sind wir trotz Rabbinismus da angelangt, wo wir heute stehen. Wir haben uns factisch losgesagt von den nur angeblich geheiligten Jrrthümern einer vergangenen Zeit, und erwarten von der Zukunft Männer, die den Muth haben, die Principien der neuen Praxis als den ursprünglichen Lehren des lautern Judenthums entsprechend und damit als maßgebend zu bezeichnen. Das Uapstlhum im Iiideiithuiii. (Erwiderung.) * Leipzig, 4. Februar. In Bezug auf den von uns unter obiger Uebcrschrift abgedruckten Artikel geht uns folgende Erwiderung zu: Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" bringt in Rr. 29 einen „Das Papstthnm im Judenthum" überschriebenen Artikel, welchem zur Steuer der Wahrheit mit Entschiedenheit cntgegenzutreten ich für heilige Pflicht erachte. Es ist meines Amtes nicht, das Papstthum zu kritisiren, wohl aber müssen die infolge der Zusammenstellung mit dem Papstthum gegen den Rabbinismus erhobenen Anklagen zurückgewiesen werden. „Knechtung des menschlichen Geistes" macht der Verfasser dem Rabbinismus zum Vorwurf. Fürwahr, ein eigcnthümlicher Vorwurf für eine Doctrin, welche, gestützt auf Josua 1, 8, das freie Forschen in der Schrift Jedermann ohne Ausnahme zur religiösen Pflicht macht; eine Doctrin, die weder die Bibel, noch den Talmud als das Prärogativ einer besondern Kaste, sondern als Eigenthum jedes einzelnen betrachtet wissen will, eine Doctrin endlich, die einen Unterschied zwischen Priestern und Laien gar nicht kennt, sondern Jedermann das Recht einräumt, ja es von jedem fordert, sich mit dem ganzen Inhalt der Bibel und des gesammtreligiösen Schriftthums bekannt zu machen. Schon dieser eine Punkt macht eine Zusammenstellung des Papstthums mit dem Rabbinismus unmöglich. Drei Kronen, lehrt der Talmud, hat Gott Israel gegeben, die Krone des Priesterthums, des Königthums und die der religiösen Lehre: die Krone des Priesterthums sei das Erbe des Hauses Aaron, die des Königthums das Erbe des David'schcn Hauses, die Krone der religiösen Lehre nnd Erkenntniß das Erbe jedes einzelnen: wer diese erwerben will, kann sie erwerben. Und weil die Lehre kein Privilegium eines besondern Standes, sondern der Inhalt derselben jedem zugänglich, darum hat kein Mensch das Recht, in Rücksicht auf religiöse Entscheidungen eine unbedingte Autorität für sich in Anspruch zu nehmen; der älteste wie der jüngste Rabbinismus mußte sich über seine Decisionen legitimiren und Jedermann im Volke hatte und hat vom rabbinischcn Standpunkt aus das Recht, die Entscheidungen der höchsten rabbinischcn Behörden zu prüfen und sich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen: heißt das Knechtung des Geistes? Wer die Geschichte des Judentyums und seines treuen Begleiters, des Rabbinismus, kennt, der weiß es, daß der Rabbinismus durch die geistige Thätigkeit, zu welcher er unaufhörlich herausfordert, es gerade war, was das Judenthum vor geistiger Verknöcherung und sittlicher Verdumpfung wahrte, in die es unter dem Einflüsse der äußern, die Entwickelung sehr hemmenden Verhältnisse leicht hätte gerathen können, und fürwahr, wenn der Jude znm Heloten nicht herabgesunken, zu welchem ihn zu machen Jahrhunderte sich verschworen zu haben schienen: einen großen Theil seiner geistigen Spannkraft und seiner sittlichen Reinheit hat der Jude dem Rabbinismus zu verdanken! Ein ganzes Werk wäre nöthig, wollten wir jeden einzelnen irrigen Ausspruch des Verfassers jenes Aufsatzes Nachweisen; aber eins müssen wir hervorheben, um auf das Schiefe des Vergleichs zwischen Papstthum und Rabbinismus hinzuweiscn. Der Rabbinismus stellt Normen für ein frommes,

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