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Das Abendland · 1865-02-08 · 4 (8.2.1865) · p. Seite 39

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
4 (8.2.1865)
Date
1865-02-08
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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39 * hervor, die wir der Mittheilung wert erachten. Zeigt der Vorgang doch, daß auch bei nnsern Liberalen althergebrachte Vorurtheile, wenn sie auch ihre politische Uebcrzeugung nicht beeinflussen, so doch noch lange nicht aus Gesinnung und Sprache geschwunden ist. So gilt ja leider im germanischen Volksmunde der Name „Iud" und unreeller Erwerb für nahe verwandt, und wenn auch von allen Seiten das Ungerechte und Lieblose dieser Bezeichnung schon längst anerkannt ist, so sitzt doch diese verrottete, mit der Muttermilch cingcsogcnc Luge so ties in der Anschaunngs- und Ausdrncksweise selbst liberaler Männer, daß der Abgeordnete Hcrrlcin sich in einer Kammersitzung zur Acußcrnng verflieg: Es scheine der Regierung bloö um die Abpresfung der paar Groschen zu thun, welche die Inden den armen Leuten noch übrig ließen. Diese — im stritten Sinne genommen — urgent eine Aenßcrnng fiel so wenig bei der liberalen Partei auf, wurde als gewöhnliche Redefloskel betrachtet, daß sich nicht eine Stimme dagegen erhob. Um so größer war die Entrüstung unter der jüdischen Bevölkerung, die durch diese ungerügtc Acnßcrung auf's Schwärzeste gebrandmarkt wird. Herr Landrabbiner Adler sah sich deshalb veranlaßt, diese Verdächtigungen in folgender Abfertigung znrückzuweisen. „Der Landtagsabgeordnetc Herr Hcrrlein erdrcislete sich in der öffentlichen Sitzung der Kammer der Abgeordneten folgende zweifache nnerhörte Beschuldigung anszusprechen: „Es scheine der Regierung um die wenigen Groschen zu thnn zu sein, welche die Inden den armen Leuten noch übrig lassen." Die Regierung hat der Herr Landtagscoinmissär sehr er n stl ich dagegen verwahrt. Daß Jemand auch die Inden gegen die gegen sic gerichtete Beschuldigung verwahrt habe, davon hat nichts verlautet. Ganz natürlich! Sind ja die Juden nicht vertreten. Aber beruhigt Euch, meine Glaubensgenossen! Es gibt noch ein anderes und höheres Forum, als das, vor welchem Herr Herrlcin freilich leichtes Spiel hat, über einen Abwescu den zu sagen, was ihm beliebt — die Oeffen t lich kei t. Vor diesem Forum klage ich im Rainen von Tausenden, die allesammt, was Redlichkeit, R e ch t s ch a fsc n h c i t und Bürg er treue betrifft, Herrn Herrlcin um kein Haar nachstehen, vor diesem Forum klage ich Hrn. Herrlcin der Verdächtigung und Verlänmdung an. Diesem Forum können wir aber auch das Urtheil über ein solches, in den Mantel der Liberalität sich cinhüllende, lieblose, der Wahrheit in's Angesicht schlagende Verhalten getrost überlassen. I)r. Adler, Landrabbiner." Alto der folgenden Entgegnung des Herrn Hcrrlcin ersieht man leider die Wahrheit unserer obigen Bemerkungen, indem er nackt und klar cingcsteht, er habe unter „Juden" kurzweg Leute verstanden, die den Ruin der Bauern hcrbciführcn: „Auf die „Abfertigung" des Herrn Landrabbinen Dr. Adler in Nr. 1822 der „Morgcnzeitung," in welcher er mich vor dem Forum der Oesfentlichkcit wegen einer in der Ständeversammlung von mir bezüglich der Juden gethanen Aeußerung der „Verdächtigung" und der „Verlänmdung" anklagt und mir ein „in den Mantel der Liberalität sich einhüllcndes, liebloses, der Warhrheit ins Angesicht schlagendes Verhalten" zur Last legt, entgegne ich nicht des Herrn Dr. Adler wegen, der sich augenscheinlich im ersten Zorne die betreffenden Worte in dem allerübelsten Sinne zurechtgelegt und sich wahrlich mehr als zu viel Gcnngthuung selbst genommen hat, sondern meiner selbst wegen Folgendes: „Welche Stellung ich den Inden gegenüber cinnchmc, darüber ergeben die Landtagsverhandlnngen ans der Hassepslng'schcn Zeit das Nähere. Dieselbe Ansicht und Stellung habe ich auch jetzt noch; ich erkenne, was die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte betrisst, zwischen Christen und Juden keinen begründeten Unterschied an. Bei der hier fraglichen Aenßcrnng, die sich so ans dem Zusammenhänge gerissen und gedruckt ganz anders ansnimmt, als sie sich dem Ohre des Zuhörers dargestellt hat, habe ich nicht entfernt daran gedacht die Juden zu beschuldigen; ich habe unter „Juden" kurzweg die Personen, einerlei, ob Christen oder Juden, verstanden, die den Landmann soweit bringen, daß er sich nur noch durch Dismembration seines Gutes zu retten vermag, j Und daß meine Aeußerung so zu verstehen war, ist schon von j anderer Seite anerkannt." j Ich gebe diese Erklärung erst jetzt, weil ich nicht gern in erster Hitze in denselben Fehler fallen möchte, wie Herr j Dr. Adler. H c r r l c i n, Landtagsabgeordneter.! Schließlich bestätigte Octter noch in einem Inserate,! daß auch er die Aenßcrnng des Herrlein als bloße Redefloskcl I genommen. Mögen unsere Herren Abgeordneten alten Vorj urthcilen künftighin wenigstens von der Tribüne aus nicht mehr die Sanction crtheilen! iJeschurun.) Italien. Aus Rom wird der „Renen Frankfurter Zeitung" geschrieben, daß ein sechsjähriges jüdisches Mädchen, welches sich aus der Straße verirrt hatte, in ein Kloster gesteckt worden sei. Das Kind weinte und bat vergeblich, man möge es doch zu seinen Eltern znrückführcn. — Sollte das wahr sein? Es wäre entsetzlich! Paris. Am 1. Februar hat der hochgeehrte, seit mehreren Jahren leider völlig crblcndete, deutsche Orientalist S. Munk am Col6g6 de France in Paris seine Vorlesungen über semitische Sprachen und Literaturen als Nachfolger auf dem Lehrstuhle Renans begonnen. Es versteht sich wohl von selbst, daß der, allen Parteien und namentlich den Kämpfen der Clericalen und ihrer Gegner fernstehende, dem mosaischen Glauben angehörigc deutsche Gelehrte in seinen Vorlesungen vermeidet, irgendwie aus die bekannte kirchliche Polemik gegen Renan cinzugehen. — Allerdings hat er bereits vor längerer Zeit, lange, bevor Renans Werk über das Leben Jesu erschienen, in der Akademie der Wissenschaften die Ansichrcn seines ihm persönlich befreundeten Collcgen Renan in Bezug ans den Gottesbegriff der Semiten bekämpft, und diese Ansichten wird Munk auch aus dem Lehrstuhle im College de France mit allen zu Gebote stehenden wissenschaftlichen Hilfsmittel bestreiten, doch wird dabei keinerlei Gewinn für die Tagespolemik und das persönliche Gezänk der Parteien abfallen, so interessant der Kamps auch für die wissenschaftliche Welt zu werden die Aussicht hat. Es hat sich nämlich in Frankreich seit einigen Jahj reit eine philologisch-religiöswissenschaftliche Schule gebildet, welche die Rückkehr der mdo-germanischen Völker zu den sogenannten Japhetischen Welt- und Gottesbegrisfen erstrebt, ein Gedanke, welchen zuerst Bimsen in seinem großen Bibelwerke, wenn auch im allgemeinen Sinne, ausgesprochen. Die Enstehung! des Christenthums von Renan bildet nur die Jdeenentwickej lung der neuen Schule, während nach andern Richtungen hin die vor 4 Jahren erschienene Geschichte der alten Magier von Alfred Maurh und der ganz kürzlich von dem jungen Bonneuf herausgegebene Versuch „über die Vedas" als Aeußerung und Bekenntniß dieser Schule zu betrachten sind. Rußland In Kowno hat sich unter den dortigen zahlreichen Juden ein Hilfsverein gebildet, der sich von an-; deren ähnlichen Unternehmungen dadurch unterscheidet, daß von! den Hilfsbedürftigen kein Pfand oder sonstige Haftung abverlangt wird, es genügt das Ehrenwort. Seit dem Bestehen des Vereins soll kein einziger Fall vorgekommen sein, daß ein Schuldner seiner Verpflichtung nicht nachgekommen wäre. Afrika. Tunis. Die gesammte Bevölkerung der Regentschaft von Tunis beläuft sich aus 200,000 Araber und Kabilen, 40,000 Inden und 24,000 Europäer, unter welchen sich 9000 Engländer und Franzosen, 13,000 Italiener und nur 300 Deutsche befinden. (E. I.)

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