Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1865-01-23 · 3 (23.1.1865) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
3 (23.1.1865)
Date
1865-01-23
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/9050333-9088714-9050440--0115-9050446
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und begnüge mich für beute mit der bloßen Regrstrrrung. ES ist selbstverständlich daß diese Vorträge ein großes Publikum auzicben- Sehr wichtig sind auch die populären Vorträge, welche jeden Samttag SIbend über die verschiedensten aus die jüdische Literatur lind das Iudcutbum bezugbabcnden Themata abgchalten werden. Auch diese Vorträge, welche nrehr oder minder iiltcresstren, sammeln ein großes Publikum. Das lebbaste Gespräch des Tages ist das von Hr. Dr. Ielliuck iin Vereine mit den Rabbinen Wiens abgegebene Gutachten über die Eauonizikät des Talmuds. Die Bebördcn forderten in dieser Beziehung auch eirr Gutachten von der hiesigen theologischen Faculrär, welches dem hiesigen Gemcindevorstande zugesendet wurde und welche ihrerseits dasselbe an vr. Ielliuck zur Beantwortung schickte. Es ist über diese Gutachten durch die Presse zwar schon manches in die Oessentlichkeit gedrungen, nur Weniges aber ist denr wahren Sachverhalte nahe gekommen und die meisten theologischen Eorrespondenten machen es so wie die politischen, sie treiben nämlich Eoujektural-Politik und vergessen, daß sie durch ihre Ungeschicklichkeit mehr schaden als nützen. Es sind daher diesbezügliche Mittheilungen nur mir Vorsicht aufzunehmen. Dieser theologische Streit ist für die bürgerliche Stellung der Juden von großer Bedeutung; von weit größerer Bedeutung jedoch ist er für die religiöse Bewegung im Schoße des Iudenthums. Wir, können nur im Iureresse des Iudenrhums und des Fortschrittes wünschen, daß diese Bewegung uiuereit materiellen culrurellen Zuständen förderlich sein, und daß das Zetergeschrei mancher Romantiker der Orrhodorie, die mit den unwürdigsten Waffen des böswilligsten Verleumdung und Verketzerung kämpfen — ein Zetergeschrei, das aus dem Frankfurter Ghetto zu uits herüber löur und. im mährischen Bmschwitz seine Accor-se stimmt — fortan aut bisher spurlos verhallen "möge. - . Wien, 10. Inner. $ Seitdem vor: der Höhe des karserlichen Thrones das bedeutungsvolle Wort „Reform^ erschollen, fand dasselbe in allen Gauen des Vaterlandes, in allen Schichten der Bevölkerung tausendfachen Widerhall. Auf uns' Juden insbesondere wirkre dieses Schlagwort erweckend und belebend, „wie Sonnenhauch nach düsteren Nebeljabrcn." Was Wunder also, daß in diesem allgemeinen! Verbesscrungs- und Reformirirngseifer die widersprechendsten Besrrebungen kund werden, Wunsche, die nicht immer ganz berechtigt, Pläne und Porschläge, die nicht allezeit am Baume der Weisheit urrd der Erfahrung gereift sind! In solch' bewegten Zeiten thut uns fürwahr ein „Zentral-! organ für die zeitgemäßen Interessen des Iudciithuines" doppelt j uvth, welches die berechtigte öffentliche Meinung zum unserj fälschten Ausdruck bringt, der unberechtigten aber mir Dssenheit und Entschiedenheit entgegentritl. Daß letzteres namentlich in den Tagen des Überganges und der Umgestaltung nothwendig ist, lchrc die Geschichte auf jedem Blatte; und darum dürfte bei dem bekanntem Übcrsluße an Projekien auch einmal eine abmahnende Stimme in diesem gediegenen und rasch beliebt gewordenen Blatte Ausnahme sindcn. Immer laurer ertönt der Ruf nach Auflassung der jüdischen Gemeindeschuleit und Ersetzung derselberr durch Religionsschulen. Außer dcni Reiz der Neuheit dieser Institnlioil wiss-nr ihr die Verfechter derselben noch andere günstige Gesichtspunkte abzugewinneu. Wozu, sagen sie, soll un.S eine besondere, mit so vielen Konen verbundene Schule, die überdies nichts leistet, da dock die bei uuS beuchende katholische Hauptschule ganz vorzüglich ist? Warum soll die Verbrüderung mit Mi Ebiisten nicht schon bei der zarren Jugend beginnen? bat nicht auch die Mustergemcinde Wien seil Jahr und Tag Religionsschnlc? u. s. rv. Der Verlockung, jede dieser. Bemerkungen für sich zu widerlegen, widerstehe ich tapfer; ob die kath. Schulen wirklich mehr leisten, ob statt der „Verbrüderung" nicht oft frühzeitig Haß und Hohn erzeugt werden, ob bezüglich dcS Hinweises.guf Wien nicht der Satz quod licet anwendbar sei, das alles will ich uuuutersucht lassen, sondernder Gegenstand an und für sich sei hier erörtert „ohne Zorn und Eifer." Die girre alte Zeit kannte nur Neligioilsschulen, in welchen mit rührender Gewissenhaftigkeit rer Satz: „Du sollst darin forschen Tag und Nach t,"hochgehalten ward. Aber mit deir Schranken dcS Ghettos brachen ailch die unterdessen morsch und raul gewordenen Stützen dieser Anstalten zusammen; auf ihren Trümmern erstanden zeitgemäße Schulen; deren wichtigster Gegenstand aber immerhin Religion und die heil. Schriften waren; und das „Blick der Bücher blieb fürder das geistige Band, alle die zerstreuten Bekenner des Iudcnthums zu umschlingen. Di. Regierung begünstigte die Schöpfung und Erhaltung jüdischer Schulen, und hac in den fünfziger Jahren darin gewiß Anerkennenswerrhes geleistet. Allein die Regierung war dazu v e r p fl i ck' r e t, u n d z u n o ch. w e i r m e h r, w e i l sie de u bestehend en nichrjüdischen Schulen den Charakter des Katholizismus in eminenter Weise aufprägte. Nachdem die bestehenden Schulen, namentlich durch den Inhalt der Lesebücher und die gänzliche Ueberlieferuug derselben an den Klerus*) konfessionelle geworden, was erübrigte anders, als den anderen Eonsessionen zu eigenen Schulen zu verhelfen? Und hierin scheint mir, liegt der Kernpunkt der Frage. Würde den katholischen Schulen der konfessionelle Charakter genommen, die Religion von allen Fächern ausgeschieden, mit einem Worte: Fände bei uuS die Trennung der Schule von der Kirche statt; dann aber nur daun sind jüdische Volksschulen von Überfluß; dankt" lernen die Kinder Sprache, Rechnen, Realien ect. in der interconfessionellen Schule; und es stellt sich folgerichtig die Möglichkeit, ja die Nothwendigkeit von Religionsschulen (aber für alle Bekenntnisse) heraus. Bis dahin aber wird der Erdball noch oft die gewohnte Bahn krenen müssen; man weiß, daß die Anschauungsweise von der Trennung der Schule und Kirche einem hervorragenden Schulmanne im protestantischen Preußen Amt und Brod gekostet hat. Sapienti sat! Soll ich noch eine Blumenlese azis den karh. Schulbüchern bieten, um meine Behauptungen zu erhärten? Ein Blick in dieselben genügt. Rechnet hiezu noch den Umstand, daß die nächsten Vorgesetzten der Lehrer kath. Geistliche sind — und ziehet selbst den Schluß. Wenn die jetzigen istael. Schulen nicht die gewünschten 'Resultate erzieleu, so suchet anderswo nach der wabrcil Ursache. Glaubet nicht, ihr Männer au der Spitze der Gemeinden, daß Geldopfer allein schon alles sind. Es bleibe einer bedeutenderen Kraft Vorbehalten, alle die Schäden zrl enthüllen, an denen unsere. Schulen kranken. Nur soviel hier: Zerstört ist schneller als ansgeba::t, und jede junge Schöpfung will mit Geduld und Ausdauer gepflegt sein; — das Gute reift langsam, aber eS reift! i *) Es gehört ein hoher Grad von Gulmürhigkcil dazu, bic letzter Maßregel als eine rein pädagogische hinzu stcUeir; Theologie rmdPäda gogik sind von einander mindesienö so weit cmfcnir, wie Schiilwciöhe vom wirklichen Leben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.