Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 2 (12.1.1865)
- Date
- 1865-01-12
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/9050333-9088714-9050427--0107-9050438- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 — Bei dem beil'gcn Horebsberge, wo das Volk sieb hingescbart, unter Donner, unter B^-tzeu Gott, de Herr! sich offenbart'; — gab er huldvoll ibm die Kehre. fcb(c§ mir ihm ein enges Band: „Ziehe hin mein Volk! in Frieden, ,.hin in daS gelobte Land." Und wie Väter,mahnen Söhne, die sich kühn dem Abgrund uah'n: ... .; . „.Kehret tun ihr lhcuren Söhne, . . - - „Wandler auf der rechten Bahn. " t •) — So auch inahnte ja,und sirafre .. . r>.:r Gottes väterliche Hand .r - ssein Zlrael in der Wüste . . .-. auf dem Zug in's hcilge Land. . . Die Wanderungen des Masner von S. Heller. (Fortsetzung.) ' ■ - >' An dieser letztern Figrrr, nämlich des Franz von Assisi, zeigt sich jedoch auch die Fähigkeit Ahasoer's, jede menschliche Erscheinung menschlich zn würdigen (und wahrlich! es dürfte sich auch heutzutage Niemand schämen, zwölf Jahrhunderte alt zu werden, um .es bis dahin zu bringen) und (feine volle (Keife für .das, was ans ihm werden soll; und wenn er unmittelbar ans dieser schwülen .Atmosphäre heraustretend, auch für die entgegengesetzten .Empfindungen Tannhänser's die gleiche Empfänglichkeit und .das gleiche Mitgefühl mitbringt: so sieht mail,;daß eine Berandung seiner Weltanschauung mir Norhwendigkeir eintreten muß. Der Sturz der Hohenstaufen, Danres vergebliches Ringen -und die schrecklichen Zeiten der Entsittlichung, in welchen der Schwänner Rienzi auch für.Ahasver ihre innere Hohlheit bloSlegr, bezeichnen diese Norhwendigkeit äußerlich. So kommt es, daß Ahasver endlich lebenssatt' an Hußens Scheiterhaufen zusammenvcichr und sich aus einer Welt hinwegwünscht, die für ihn znr leeren Pbantasmagorie geworden ist. .Hier tritt nun der Wendepunkt/ die Peripetie der Fabel .ein. .Eine den Kleinlichkeiten des Alltagslebens so - entrückte, wahrhaft groß angelegte Persönlichkeit wie Ahasver, kann nicht geistesbankerort werden, beim von iden Zufälligkeiten des beschränkten Daseins unabhängig, ist" sie durch die Betrachtung, mehr als der indische Büßer durch sein Nirvüna, ein Theil.der ewig schaffenden Natur selbst geworden; Ahasver wird wie diese .die abgenutzte Form gegen eine neue, nicht minder schöpferische vertauschen, kurz es geht ihm wie dem Menschengeist in der Geschichte. In diesem Augenblicke der Verzweiflung erscheint dem Ahasver sein Bruder, das zweite Kind der mittelalterlichen Sage, Faust. -Eö wird die Bemerkung nicht überflüffrg sein, daß diese Figur unseres Poeten mit der Gvthe'schen kaum etwas mehr als den Namen gemein hat. Sie ist ihm der Tvpus für jenes nlenschliche Streben, das mit weiser Beschränkung sein Glück innerhalb des Gegebenen sncht und an alle Erscheinungen nur der; Maßstab des rein Menschlichen legt; die Eine, große, umfasiende, aber menschlich nrlwahre, weil übermetlschliche Idee Ahasver's vom -Gottesreirde zerfällt daher für Fanst in die unendliche Menge einzelner hochbegabter menschlicher Kräfte und Fähigkeiten, auS welchen er seinerseits wieder die Eine große Idee des MenschenthumeS schöpft, jene Vollendung menschlicher Anlagen und des gesammten Geschlechtes, welche cs nur sich selbst, nur den aus den reinen Händen der Natur empfangenen Gaben verdankt und vermöge welcher cS das große Menschenrcich, das Reich deS Geistes und der sittlichen Kraft aufrichret. Ja, Faust weiö't nicht undcnctlich darauf hin, daß auch ihr gemeinschaftlicher dritter Bcnder, Ton Inan, in welchem uid;t nur unser Poet, sondern die Sage selbst mit einer gewissen Bewußtheit den ,Weltgenuß personiucirt, in diesem Menschenthum seine vollberechtigte Stellung har. Wie vor vierzehnhundert Jahren die Verklärung Jesu macht diesmal Faustens schlichte Ruhe und anspruchlose .Große einen riesen und entscheidenden Eindruck auf Ahasver. Er fplgt dem Bruder willig von Kostnitz nach Mainz; dorr fällt ihmchejm Psingstfeste nicht wie einst in den Katakomben der ,düstere. Enthusiasmus des Martprerrhums, sondcnr die Behaglichkeit und das muntere Wesen des Volkes auf, am Dom.bewundert er den Kunstsinn und sin Faustens Haus tretend, wird ihm durch die Bekanntschaft mit der Buchdruckerkunst, durch Kennrnißnahme von den hohen Geistern des Alrerthums eine neue Welt erschlossen. Mit Staunen und Befriedigung vernimmt er, daß .in Italien, welches er vor einem Jahrhundert noch.in der trübseligsten Zerfahrenheit verlassen, das Menschenlhnm eben feine Auferstehung feiere uud.ist nicht schwer zu-überreden, von Faust begleitet die Reise dahin wieder anziureten. Unser Poer läßt die Brüder auf dem Mout-Blauc Rast halten und Ahasver dort in einem ersten unbestimmten, verwirrten und verwirrenden Bilde das Menfchrnlhum ahnen. In Florenz, die beiden schärfsten Gegensätze ealler Zeiten, Savonarvla und Macchiavelli neben einander sehend, ist es .Ahasver fteicht, den Verirrungen seiner Natur rasch.auf die;Spnr zu kommen. Faust aber reißt ihn nach Spanien fort, wo -ihn die .eben vor sich gehende Vertreibung seiner Brüder nstd die Scheiterhaufen der Inquisition weit weniger berühren, gls die drei kleinen Schiffe, welche eben ans dem Hafen von Pasos unter Kolumbus Leitung auslaufend, .das große Räthsel von der unzerreißbaren Verwandtschaft des Menschengeistes .mit dem großen Kosmos zur entscheidenden Lösung bringen. Faust und.Ahasver besteigen eines dieser Schiffe und im Aufblj.ck auf.diese Unendlichkeiten mxuftillicher Thalkraft schließt djese umfangreiche Wanderung. Gibt eS eine Philosophie der.Geschichte, so ftann es .-nur die sein, idaß die Menschen durch estl glückliches Zusammenwirken voll .Umständen und Naturkräfteu -eine solche Entwickelung genommen haben, die jedem Einzelnen.von ihnen die Begeisterung für das Wohl deS ganzen Geschlechtes, geführt.von dem nntrüglichen Lichte geistiger Klarheit und geistiger Wellbehcrrfchuug, jene Tugend, welche Spinoza zujt dem meisterhaften und unübersetzbaren Ausdrucke genej'Qsitus bezeichnet, znm unerbittlichen Geietze, zur frohen Norhwendigkeit gemacht hat. Unser Poer har es durch die Überschrift;her dritten und letzten Wandernng: DaS Menschen, thum.oder: Ahasver'SZiel und Vollendung" gewagt, seine Übe rzeugnng von dem Vorhandensein einer solchen Philosophie ,der Gescbicbre darznlcgeu.' Im ungestörten Anblicke einer wunderbaren und freischaf-