Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 2 (12.1.1865)
- Date
- 1865-01-12
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 gewinnenden Ton im Umgänge zu treffen, als eben der' katholische Clerus. — Man muß ferner einränmen, daß meist die einzelnen Mitglieder dieses Standes nicht jenes herbe Gepräge zeigen, das dem ganzen Stande in seiner^ Totalität anhaftet. — Besonders gilt dieses von den nieder» Sphären desselben. — Vom Dechanten abwärts pflegen die schroffen, doktrinären Prinzipien zurücktreten vor dem mächtigen Einflüße des lebendigen, praktischen WechselvcrkehreS. — Die Geistlichkeit hatte bald ihre rechte Freude an den Fortschritten ihres Zöglings — lind eS konnte nicht fehlen, daß das Bewußtsein einerseits Gutes zu üben an einem verkommenen, verstoßenen Stieskinde der menschlichen Gesellschaft, Andererseits gerade von dem erklärtesten Widersacher — der bisher in unnahbarer Ferne gestanden, umweht von aller Glorie irdischen Glanzes und irdischer Macht, während man selbst nicht genug im Dunkel sich zu verkriechen vermocht — also gerade von dieser Seite Wohlwollen zu erfahren, die Herzen erschloß, die Gemüther einander nähern, wenn nicht gar befreunden mußte. — Das Unglaubliche geschah. — Die katholische Geistlichkeit — versteht sich wiederum nur in den nieder» Sphären derselben — faßte eine Art Vorliebe für die jüdische Jugend, die nicht selten bis zu einer Bevorzugung vor der christlichen sich verflieg; denn man jsand eine Gewecktheit, einen Eifer und eine Strebsamkeit bei der Sprößlingcn des verwahrlosten Stammes, die man bei der eigenen junge Heerde meist vermißte. — Wie viele der jetzigen Korryphäen des Judenthumes, die größten Theiles in das Lager der kirchlichen Opposition übergegangen, sind nicht in dem warmen geistlichen Schoße groß gezogen worden. — Katholische Primer waren es, die auf die uneigennützigste Weise jüd. strebsame Z lnglinge unterstützten, sie im Latein unterwiesen, und in den übgen Wissenschaften, so weit sie derselben selbst mächtig warm. — Dieser Zustano der Gemüthlickckeit konnte jedoch nach dem natürlichen Verlause der Dinge nicht lange währen — Das Judenthum machte Fortschritte, größere als man geahnt, und für dasselbe von vornherein als ersprießlich erachtet hatte. Nachdem einige Ringe der Kette gelöst waren, strebte man diese ganz zu sprengen. — Das ging über die ursprünglich unverkennbar wohlwollende Absicht der Geistlichkeit weit hinaus. — Diese begann daher nur zu zeitlich über die außerordentlichen Resultate ihrer eigenen Erziehungsepperimente zu erschrecken. — Der Zögling zeigte immer klarer die Tendenz, dem eigenen Lehrmeister über den Kops zu wa-hsen. — Heben, aus dem Koth herausziehen, hatte man den Juden gewollt, seine traurige Lage mildern — aber ihn sich gleichstellen — das war so wenig beabsichtigt worden, wie etwa der wohlwollende Plantagenbesitzer, wenn er seinen Sklaven manche Freiheit gestattet, ihnen reichlicher Trank und Speisezukommen läßt deshalb schon vermeint, diese zum eigenen Range zu erheben. — Nothwendig mußte sich also bald die gegenseitige Stellung wieder verschieben. Dazu kam noch ein ganz anderer Umstand, die totale Aenderung in der Haltung des katholischen Clerus überhaupt, welche Anastasius Grün, zwar in satyrischer aber nichts desto weniger trefflicher Weise in seinen bekannten „Spazicrgänges eines Wiener Poeten" charaktcrisirt hat. — Seitdem durch das Tridentiner Eoncil für den Katholicismus zwar nicht eine neue Basis geschaffen, aber doch die alte entsprechend reslaurirt worden, hatte die katholische Geistlichkeit, geschützt durch die von den Vätern des Eoneils ausgeführten gigantischen Wällen, sich einem sorglosen Schlaraffenleben hiugegeben. — Ohnedies zu behaglichem Daseinsgenuße gene-gt, wurde bald ihre Maxime „Leben und leben lassen." — Ihr Bildungsstand erhob sich ohnedem nur in sehr mäßiger Weise über jenen des Volkes; in den Scminarien auf den Seelsorge-Beruf praktisch ci»geitbt. mit dem nothwendigsten Apparatvon „Latein" und Honületik ausgerüstet, fühlte sie sich weder berufen noch aufgelegt, die Milch der frommen Denkungsart durch selbstständige Studien in Gift umwandelu zu lassen — überhaupt zog sic es vor, im stummen Gehorsam auf dem breit getretenen, blumigen Pfade fortzuschreiten — als sich etwa auf neuen die Füße und den sorgsam genährten und gepflegten Leib wund zu ritzen. — Mit der französischen Revolution brach nun init einem Male über den alten soliden Bau plötzlich wieder eine gewaltige Sturmfluth herein. — Vordring- . liche, kecke Geister, durch den Erfolg aufgemuntert, zogen immer ' mehr die heikelsten Gewebe der socialen Zustände unter das Skalpier schonungsloser und tief einschneidender Kritik. — Selbst an das Heiligste wagte man sich. — Für die katholische Geistlichkeit trat nun abermals, nach einem Zwischenraum von nahezu zwei hundert Jahren, die Nothwendigkeit ein, nicht blos in der bisherigen Position zu verharren, sondern dieselbe auch zu vertheidigen, von Neuem zu bewehren. — Der Zustand gemüthlicher Behaglichkeit mußte immer mehr schwinden; denn cS zeigte sich bald, der gegenwärtige Kampf sollte noch herber und heftiger, ja er sollte ein Kampf auf Leben und Tod werden; denn der frühere Gegner, die Reformation, hatte doch wenigstens die Grundprincipien anerkannt und respektirt — der jetzige schien Alles vom Grunde aus negircn zu wollen. — Man »rußte also theils alte verrostete Waffen wieder reinigen und schleifen, theils mit Neuen sich bewehren. — Mit dem größten Schrecken aber wurde man durch die Wahrnehmung erfüllt, daß im feindlichen Lager Niemand hartnäckiger und zugleich gewandter focht — als der kaum erst der Ruthe entronnene Zögling, das Judcuthum. — An eine totale Bekehrung demselben, die man ursprünglich beabsichtigt haben mochte, und weshalb man demselben auch jo viel väterliches Wohlwollen zugewendet, war nicht mehr zu denken — es galt vielmehr jetzt die eigene Stellung, die e genen Doktrinen gegen deSsclbe zu verteidigen. — Aus dieser kurzen Darstellung lieber Herr B. i. D., die weniger geistvoll als wahr ist, geht nun unzweifelhaft die Thatsache hervor, daß es im Allgemeinen der ganzen gegenwärtigen Stellung der katholischen Geistlichkeit gemäß, nicht in der Absicht derselben liegen kann, die Bildung und Aufklärung der Juden, die ohnedies schon nach ihrer Ueberzeugung das gebührliche Maß überschritten, zu fördern. — Dem Judenthume aber noch die alte, erziehende Sorgfalt zuwenden, dieses hieße von Seiten der Geistlichkeit geradezu den eigenen Widersacher mit Waffen versehen zu wollen. — Daß die katholische Geistlichkeit diese Stellung gegenüber den - jüd. Schulen einnehme, muß dem denkenden Menschen aus der Natur der Verhältnisse, aus Erkenntniß der obwaltenden Interessen einleuchten. — Daß die Thatsachen aber diesem Ergebnisse der Reflexion völlig entsprechen, wird uns bald nicht minder klar, wenn wir nur unsere Augen wirklich zum Sehen gebrauchen. — Der in den Pfuhl und Schmutz des Ghetto versunkene Jude konnte das Mitleiden und Erbarmen selbst des katholischen Geistlichen erregendem zur Selbstständigkeit erwachten, nach völliger Gleichberechtigung Ringenden aber, tritt er nothwendig als Widersacher entgegen. — Wo ist in der That das alte aufrichtige Wohlwollen hingeschwunden'? — Die Frage stellen wir an Sie, lieber Herr B. i. D. als praktischen Lehrer. — Wir gestehen Ihnen zu, die Formen, in denen der katholische Geistliche Ihnen gegenüber sich bewegt, sind die angenehmsten und gewinnendsten — an Takt hat es diesem Stande wahrlich nie gefehlt — aber sollten Sie sich hiedurch in ihrem ruhigen Urtheil, in kühler Ueberlegung der wahren Sachlage beirren lassen? — Um den eigentlichen Werth und Gehalt des Ihnen so reichlich zugewendeten Wohlwollens zu erproben, wagen Sie es nur einmal, ein christliches Kind, setzen wir blos in den Elementen de. Addition unterweisen zu wollen, Sie, der Sie so überselig tu dem Ihnen von Seiten Ihres geistlichen Schulinspcktors unzweifelhaft gespendeten Lobe über Methode des Unterrichts, über Ihr pädagogisches in der Schule bewährtes Geschick schwelgen; hören Sic, was der so überaus verbindliche Mann Ihnen sagen, ob er nicht mit den unerbittlichen Waffen des Gesetzes bewehrt, Ihnen kategorisch andeuten wird, daß Sie auch nicht in Entferntesten mit einem christlichen Kinde sich befassen dürfen. — Auch der christliche Vater, der es gern sehen würde, wenn sie seinem Sprößlingc Ihre bewährte Kunst zuwendeten, wird den ganzen Ernst seines Seelsorgers hcraussordern und sich im äußersten Falle, bei fortgesetzter Hartnäckigkeit, eine strenge kirchliche Censur znzieheu. — Faeit: Es liegt nicht in Interesse der katholischen Geistlichen, daß Bildung und Aufklärung in Judenthume gefördert werden, — der jüdischer Lehrer wird von ihm scharf in eine unnatürliche Sonderstellung hinein gewiesen — und wir selbst, wir Israeliten, wir Lehrer insbesondere, sollten dafür schwärmen,