Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 2 (12.1.1865)
- Date
- 1865-01-12
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 - ihr bei uns Umschau halten und ihr werdet uns sicherlich als rüstige Kämpen auf dem Felde cecbischer Literatur finden. — Geht ja eine Lage, daß schon zur Zeit Rndolfs II. die Juden lebhaften Aulheil an der damals blühenden böhmischen Literatur genommen. Ihr werdet uns gewandt in jener Sprache finden, in der Kolar und äelakovskv gedichtet, in der die heirlichen Gesänge der Königinhofer Handschrift aus der Urzeit zu uns herüber tönen, Gesänge, die selbst einen Göthe verlocken konnten, sich in der böhmischen Sprache unterweisen zu lasten. So weit „hlas zida.“ - " Mer jüdische Schulinspeklicm insbesondere und jüdisches Schulwesen im Allgemeinen. Lricfc an Herrn ß. in D. Dritter 35ricf. Um Sie von Ihrer Präoceupanon für die bestehende Schuli Inspektion zurückzubringen, dürfte nichts geeigneter fein, als wenn wir uns das gegenwärtige Verhültniß der katholischen Geistlich-! feit zum Iudenthum klar zu machen suchen. j Lieber Freund! „die Zeiten ändern sich, und wir mit; ihnen," so lautet ein bekanntes lateinisches Sprichwort. — Es; sind nun ungefähr hundert Jahre her, als, gestützt auf den immensen Fortschritt der Realwissenschaften, die immer mehr die spröde Materie dem Dienste der Menschheit gefügig zu machen, und dadurch den Geist von der schwersten Fessel, der fisischen, zu emancipiren begannen, angeregt und geschürt durch die bereits aller Orten wache philosophische Kritik, die weniger von den! Schulen als von einzelnen großen D ankern ausging, eine allge- I meine Gährung der Gemächer eintrat. — Das Unerquickliche, 1 Verschrobene und Verrottete der Zustände trat so entschieden in das allgemeine Bewußtsein, daß man vor Unbehagen zuvörderst sich und sie zu rütteln begann, ohne im mindesten noch darüber im Klaren zu sein, was und wie es anders werden sollte. — Wi reden von dem Zeitalter. Josef II. Der allgemeine Grundzug desselben ist ein philantrophischer; ein tiefes Gefühl des MirleidenS mit jenen Ständen und Schichten der Gesellschaft, die das Mittelalter mit seltener Eonsequenz von der Höhe menschlicher Würde hinab zu der grasfressenden Einfalt des Thieres zu ziehen sich bemüht, durchdrang alle Gemächer. — Natürlich, die herrschenden Stände, in ihrer eigenen geistigen Armuth, konnten dann nur hochstehend sich dünken, wenn sie die andern tief unter das von der Natur bestimmte allgemeine menschliche Niveau hinab drückten. — Nebst den Bauern waren es vorzugsweise die Juden, die die allgemeine Aufmerksamkeit des philosophischen Kopfes und bald auch des menschenfreundlichen Gesetzgebers auf sich zu ziehen begannen. — Jene Zeit in ihrer politischen Unreife, die man fast Naivität nennen möchte, in ihrem dilletantenhaften Ringen noch Bessern, erscheint in so fern wenigstens uns beneidenswerth,- als noch ziemliche Harmonie in den Ansichten und 'Überzeugungen herrschte, die Gegensätze noch nicht einander schrosj gegenüber traten. Man war einig-darüber, daß es anders und besser werden müßte, auch in Bezug auf die Juden. — Selbst die katholische Geistlichkeit, die doch ein Hauptvehikel des tiefen foeialen Verfalles des Judenthumes gewesen, wnnte sich endlich diesem allgemeinen Andrange nicht verschließen. — Man sah ein, daß der mittelalterliche Standpunkt brutaler Gewalt nun ein für alle Mal überwunden und zu verlassen sei, daß das bisherige Gebühren gegen das Iudenthum durchaus nicht mehr vor der scharfen Kritik der Zeit zu bestehen vermöchte, kurz, daß man gelindere Saiten aufziehen müsse. — Der Versuch, die Juden gewaltsam aus einen Krenlande Oesterreichs zn vertreiben, wiederholte sich daher zum letzten Male unter Maria Theresia, was gerade dem Lorbeerkranze dieser sonst so großen Herrscherin kein Blatt beigefügt hat. — Mit Erstaunen mochten damals die maßgebende Kreisen in Oesterreich gesehen haben — und dazu gehörte natürlich in erster Reihe die Geistlichkeit, — daß auch das Iudenthum selbst unter christlichen Mächten bereits Beschützer gefunden; denn bekanntlich war dw Widerruf jener Maßregel nur auf die energische Fürsprache der „Westmächte" hin erfolgt.— Was nun mit dem Iudenthum anfaugen, diesem „Geschwür am Leibe der Menschheit," nüe man es zu nennen beliebte. — Ta man den Juden nicht mehr als ein Wesen behandeln konnte und durfte, das nur wenige Stufen über das Thier sich erhob, so mußte man nothwendig ihn vollendeS zu „vermenschlichen" suchen; dieser Ucberzeugung verschloß sich, wie gesagt, auch die katholische Geistlichkeit nicht. — Taß auch sie ein Gefühl des Mitleidens mit dem äußerst bejammernswerthen Zustande des alttestamentarischen Volkes überkam, ist gar nicht zu bezweifeln; denn was man auch dem Stande vorwcrfen mag, als Lehrer und Träger des Evangeliums hat er, felbst in den finstersten Zeiten, sich doch nie oder wenigstens äußerst selten bis zur völligen Verleugnung aller Humanitären Rücksichten fortreißen lassen. — Aber auch eine andere Absichtwaltete unbestreitbar ob, indem man einige Sonnenstrahlen der Aufklärung in das Dunkel der Ghetti fallen zu lassen sich entschloß. — Das Ehristenthum kann und darf nie den tiefen propagandistischen Zug verleugnen, der eigentlich mit seinem Wesen — man muß gestehen zum Heile der Menschheit im Großen und Ganzen — verwachsen ist. — Der Stifter desselben hatte zu seinen Jüngern gesagt: „Gehet bin und lehret die Menschen." — Wer ist befangen und beschränkt genug, die große kulturgeschichtliche Bedeutung dieser Worte, den unermeßlich wohlthätigen Einfluß, den sie auf den gesummten Entwickelungsgang der Menschheit geübt, zu verkennen? —Wie nun aber grade das Schwierige und selbst das Unmögliche die menschliche Strebsamkeit am meisten weckt, reizt und anspornt, so schwebte auch dem Christenthume kein schöneres Ziel vor, als endliche völlige Absorption des Judenthumes, das wie ein düsterer Schatten es seit seinem Ursprünge durch den ganzen Lauf der Geschichte begleitet hatte. Der Tendenz aber, den Juden des vorigen Iahrhuuderts bekehren zu wollen, stellte sich die natürliche Schranke entgegen, daß mit diesem eigentlich gar kein geistiger Verkehr angekuüpft werden konnte,nachdem dessen ganzeAnschauungsweise, seine Art zu denken und zu schließen, sich als der im Abendlande herrschenden schnurstraks entgegengesetzt erwiesen, seine Ideen eine ganz andere, eigenthümliche Präge zeigten, vor allem aber die Sprech- und Ausdrucksweise desselben bis zur Unverständlichkeit verworren, aller Regel und Satzung entbehrte.— Sollte die „ Taat des Heiles" nur im mindesten in der verwildeten BnB des orientalischen Fremdlings Wurzel schlagen, so mußte der Boden nothwendig vorher entsteiuigt und von dem üppig wuchernden Unkraut gesäubert, kurz, es mußte ein Mittel der Verständigung geschaffen werden. — Die Errichtung regelmäßiger jüdischer Schulen und Einführung eines zeitgemäßen Unterrichtes stieß daher bei der katholischen Geistlichkeit — deren Votum in diesem Punkte, wie überhaupt in allen geistigen Angelegenheiten maßgebend war — nicht nur auf keinen Widerstand, fondern erfreute sich selbst der wärmsten Förderung. — Ter Jude ist nicht undankbar, wie einer der ersten Vorkäinpfer der Hierarchie in Wien ihm vorznwerfcn nicht müde wird. Was auch die Motive dieser Handlungsweise geivcsen sein mochten — man wird der Wahrheit wohl am nächsten kommen, wenn man eben so wohl lautere wie unlautere Elemente als influirend annimmt — das Eine steht fest, die Geistlichkeit hat sich durch Förderung des Unterrichts bei den Juden, ein großes, nicht hoch genng anznschlagendeS Verdienst um dasselbe erworben. — Zwischen diesen nnd der Geistlichkeit trat daher bald das eigeuthümlicb gemntbliche Verhältnis; ein, wie es zwischen Lehrer und Zöglingen obznwalten pflegt. — Bekanntlich versteht Niemand besser den richtigen