Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 2 (12.1.1865)
- Date
- 1865-01-12
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 der despotischen Phanlasmagorie einer allgemeinen Kircbe zuerst hinderte, zuerst scheitern machte. Darum ist es eben das Indenthnm und sein Individualismus, was sich dem emanzipirenden Charakter der Zeit — abgesehen vvm Zuge des Interesses — besonders verwandt, besonders zugethan fühlet: denn gegenüber den überkommenen abendländischen Institutionen ganz besonders den Geist des, Widerspruches, ganz besonders der Geist den Freiheit reprästritirend, dient seine Ueberlieserung nur dazu, die Negation rege zu erhalten, und gegen intolerante Anmaßung am wirksamsten, weil am tharsächlichsten zu protestiren. . . - . , Mr Jalionalitälmkampf in Alöhmen und das Zudenlhnm. . ' Ein geschichtlicher Rückblick. Ul. (Fortsetzung.) „Fragen wir die Geschichte, wie las kommen konnte" (nämlich daß der Jude den cechischen Bestrebungen gegenüber sich als antheilsloser Zuschauer verhielt.) Ter Verfasser des Iiin8 Li«la/ dessen in den Xärodni list) enthaltenen Artikel wir in der jüngsten Nummer unseres Blattes auszugsweise mitzutheilen begonnen, salrt folgendermaßen fort: ,,Bekanntlich stand der Jude bis gegen die Mitte des vorigen Iahrhundertswereinzelt unter den Nationen da — theilnahmslos für die politischen Ereignisse, überhaupt für das, was rings um ihn her vorging, war sein Auge blos nach Jerusalem gerichtet; von der Zukunft blos hoffte und erwartete er alles; die Gegenwart ließ ihn völlig gleichgültig; er sah sich selbst als einen Fremdling an, und galt auch allgemein dafür. — Wir wollen hier nicht untersuchen, wer größere Schuld an diesem Mißverhältnisse trug — ob der Jude, oder der ibu in eine erklusive Stellung gewaltsam drängende, nur in räumlicher Hinsicht ihm nachbarliche Christ. — Wie im Leben, so ging es in der Wissenschaft. — Ter Jude war fest überzeugt, daß nur der Talmud die Fundgrube alles Wissens sei — ohne welchen keine geistige Vollkommenheit zu erzielender hielt sich daher fern allen wissenschaftlichen und literärischen Bestrebungen der Zeit, und verfiel demnach nach jeder Richtung, dem Fluche der Separation und allen damit verknüpften Unbillen und Untugenden, die ihn—gelinde ausgedrückr — selbst für den humaner« Christen Zu einer unliebsamen Persönlichkeit stempelten. Niemand hatte übrigens schwerer an den Folgen seiner Entfremdung zu tragen als der Jude selbst. - - Da trat Moses Mendelssohn aus, der Freund Lessings, des Freundes der Menschheit im edelsten Sinne des Wortes. — Mendelssohns Uebersetzung der Bibel hat nun für die Juden gerade dieselbe Bedeutung, wie einst jene Luthers für Deutschland und die gestimmte christliche Welt. -— Hiedurch wurde dem ganzen geistigen Leben deS Indenthums ein neuer Impuls gegeben, und wenn nun das neue Licht von Berlin, von Deutschland ausging, was Wunder also, wenn das Auge der Juden, dahin sich wendete. — Mendelssohn rief einen Conslikr, wenn'auch nicht eine Spaltung im Indenlhnm hervor, eingennaßen ähnlich der durch Wiklcff, Huß. und Luther in der christlichen Welt veranlaßrcn. — Das Indenthnm theilte sieb in zwei Lager; der vrthvdcre Inte w ollte auch nickt ein Haarbreit vom Talmud abweichcn, — von der durchliefen vorgezcichneten orientalischen Sonderbahn — als deutscher Jude galt der, der sich weltlicher Wissenschaft zuwandte, der der Zeit Concessionen zu macken für nöthl'g, und die Strahlen moderner Aufklärung auch zur Erleuchtung des Iudcnthumcs für heilsam und ersprießlich erachtete. —Daher datier sich eure cigenrhnmlicke Redeweise bei den Juden; wer — besonders in der siühern Generation — sein Kind „de ritsch" unterrichten ließ, vermeinte damit eine weltlich e, w i s se n schaflliche Ausbildung — ja cS rrac sogar nicht selten der komische Fall ein, daß der Jude zu den sogenannten „deutschen" Lehrgegenständen auch die französische Sprache zählte. - So geschah es, daß die Fortschrittspartei im Iudenrhnin nickt blos in Deutschland,' sondern in allen Tbeileu Europas als die „deutsche" bezeichnet wurde; die Kultur Deutschlands brach sich Bahn in die düsteren Räume des Ghetto; von dorther war das neue Licht den Juden aufgegangen; „deutsche Sprache'^ bil-! dete die Vermittlung zwischen ihnen und der modernen Aufklä- > rung, in ihr lernten sie ihre Zeit verstehen; der reine denrscke Laut verdrängte soll ach bei den Juden nicht etwa eine! leb e ns k r ä fti g e S p r a cke, s o n d er n einen verrotteten,! häßlichen Jargon. — Und dafür sind die Juden noch! immer dem Deulschrhume Tank schuldig — und darum/hält sich auch der größere Theil der Juden zu dessen Fahne. — -- u i ' Aber unser Tank gegen Deutschland darf nicht eine ÜTuelle! des Undankes gegen unsere eigene Heimat werden; denn gerade! Böhmen waren es, die uns mit deutscher Sprache und Li.eratur! bekannt machteil; uns unterwiesen in böhmischen Schulen böhmische Lehrer. — Wir wissen, daß wir damit eine Wunde in jedem böhmischen Herzen unsanft berühren/'aber die Wahrheit läßt sich null einmal nicht in Abrede stellen. — Es war ein nationales , Unglück für Böhmen, daß selbst böhM'sche Kinder ^eher deutsch! als böhmisch lernten. Aber sei dem wie es wolle/ gerade jene durch Böhmen in deutscher Sprache uns übermittelte Auskänrng gebietet uns, bei dem schmerzhaften Ringen des'böhmischen Volks« geistes nach Emancipation von fremdartigeil Fessen nicht gleich, giltig zu bleiben; wir, die wir heute in, Böhmen unsere Heimat erkennen, sind Ebensten, Leid und Freud mir unseren cechischen Mitbrndern zu tragen. — Die Frage/wie wir uns zu den Bestrebungen der Gecken zu stellen haben, ist daher auch eine Lebensfrage für uns — die Antwort darauf aber nicht schwer. — Ist Böhmen unser Heimatland, so sind wir auch Böhmen — böhmische Sprache auck unsere Muttersprache! — Auf welche Weise sollen wir nun unsere brüderliche Gesinnung gegen unsere böhmischen Mitbürgerdarlegen?,— Ich zweifle, ob uns in diesem Augenblicke mehr möglich in zu thun, als unsere herzlichsten Wünsche, unseren aufrichtigen Wullen auszusprcchcn, denn noch ist das kräftigste Band der Nationalitäten, noch ist die böhmische Sprache sehr wenig gepflegt unter unS Juden, ja konnte selbst bei dem bisherigen Stande deS Unterrichtes noch sehr wenig gepflegt werden-— Man thäte uns aber sehr Unrecht, wenn man glaubte, " daß wir nickt die Notlnvendigkeir, ja daS zeitselbst pflichtgemäße der Pflege der böhmischen Sprache erkennen. — Aber noch bedarf eS großer Geduld und Nachsicht; denn eilt Acker, druck zwei hundert Jahre brach gelegen, wird kaum in der Zeit eines Mensckcnalters wieder in fruchNpcndendes Land ungestaltet. — Also Geduld und Nachsicht! — Nack Decennien erst mögt 3* '/'ch W 'V i - ) .! / - t /