Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 2 (12.1.1865)
- Date
- 1865-01-12
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bcrfclbcn zu bemächtigen und sie ciuzuverlciben: brauckt es Sein uitö Wesen im?lbeudlaude ebenso wenig an - eine svstemacische Autorität binziigebeil und der Entwickelung zu entsagen, als mit der Vergaugeubeit zn brechen und die Basis seines Bestandes zu erschüttern. Und wenn der Occident überhaupt daS religiöse Prinzip entarten macht, wenn seine Folgerichtigkeit, seine Desinirlnst, seine kalte Systematik einerseits, sein alles zergliedercndcr, Skepricismus und seine Satyre anderseits ans der Religion arur zil oft eine langweilige, anmaßende und doch we--ig ausreupende Pedantin schaffen, welche deS gcmürhvollen Zaubers entbehrend, doch den Verstand nicht gewinnen kann: so hält das Jiidenthuin, daS im alten Orient so negativ und kritisch verfahren ist. hier wieder im pounoen Sinne jene stillversöhnende, in sich gehaltene Mitte ein, welche glcichweir entfernt von rheologischcr Eugher- Mkeit, wie von ironischer Skepsis die Wechselwirkung von-Au- ^routatmnd Freiheit'zu erhalten versteht. Es genügt jedoch nicht, asteiu die Schöpfung und Fortbildung deö Zndenlbnms an sich ins Auge zu fassen, um die Wirksamkeit desselben wie des jüdischen Geistes gebührend zu würdigen, dieselbe ist vielmehr im Verhältnisse ZNM Gangen zu beachten und zu stndiren. Denn der jüdische Geist har die Eigenibümlichkeit, wie kein anderer aus sich heransrreten, im fremden Sllbjckre leben, im fremden Sinne denken zu können; er besitzt im höchsten Grade die Fähigkeit, in frembeit Kulrurskreiseu zu wirken, zu schaffen und sie Gmzubilden. Wenn derselbe demnach die Geheimlehrcn und Philosophien des Orients in seiner Weise sich aneignet und in die ihm geläusige Gedankenwelt einbürgert, wenn er Mysterien publizirt und Abstraktionen zu faßlichen und greifbaren Vorstellungrn umschafft, wenn er, wie dies unzweifelbar, hie Ergebnisse orientalischer Spekulation gruppirt, verbindet und aus oft verschiedenen Grundelemente die bewunderte, harmonische und farbenvolle Weltanschauung hinstellr, so ist hierin eben der weitere Kreis, der zweite Theil der jüdischen Weltmission enthalten. Dieser ist in der Geschichte der Ideen und Philosophien kein anderer, als die unterschiedlichen Ideenkreife zu vermitteln, das schwer Faßbare zu kommenriren, das Allgemeine in Details auszuprägen und zwischen den ganz differenten Geistesfphären des Orients und Occidcnts die intellektuelle Brücke zu bauen. Denn wie des Menschen geistige Eonstitution aus Begriff und Anschauung, aus Gedanken und Gefühlen sich zusammensetzt und mit diesen beiden verschiedenen Organen unterschiedl'che Geistesrcgioncn beherschet: so - erden ewig Osten und Westen auch geistig auseinandergchen, und werden die geschichtlich::: Diademe die-er beiden Halbknospcn der Menschenblume verschiedene Kleinode tragen. Naturen wie die griechische und hebräische, welche beides, Begriff und Anschauung, jede von ihnen in anderem Verhält- Nisse, einigen, .und daher noihwendige Vervostständignngcn und Kcttenringe der abgeschlossenen Sphären der Geister, ohne welche jede Entwickelung in ihrem Kreise verlaufen uild verschwinden milßle. Und wie schon der alte Mosaismus'mit seiner Gorteinheit, scinenr das Stammesgefuhl überragenden Nationalbewußtsein, leiner Milderung der Lklarerer und Gebot der Gleichheit unter den Israeliten deutlich nach dem Westen und seiner Kultur hinwein, so hat das Indenrhum überhaupt nnb in seinen Führern ben Beruf bewiesen, zwischen den getrennten m-d unabhängigen Kulturen des Westens und Ostens die Verbindung hcrzustelleu und die Verständigung anznbahnen. In 'dem großen Wechselverkeare ans dein idealen Felde der Geister, wo der contcmplalive Orient seinen Vorstellungs- und Gedankenrcichthnm dem anS-. führenden '^rylc und der wohlsoriirenden Systemalrk des Occidcnts überläßt, — wo der Westen seine hingestellten Ergebnisse dem Osten zilr Kommentirnng und farbenreichen Symbolik znsendct, — in diesem Wechselvcrkehr der Menschheit, sagen wir, behauptet das Iud enthilm iu vermitteludec Vielseitigkeit einen ehrenvollen Platz. Und dieser Platz ist noch heute nicht verloren; diese Funk« tiorr des IndemhnmS ist noch henre nicht erloschen und : berflüssig geworden. Zrvar trennen nicht mehr rätlmliche -:»d Elementar-Hindcrnisse die Völker, und der Verkehr der Geister wird nicht mehr durch Bornirtheit und linguistische Unmöglichkeiten gehemmt; dennoch gibt es der Trennungen und Scheiouug.it gar viele, seien sie kirchlicher oder socialer Natur, und das jüdische Elcnicnt mag noch Im . Westen seine altgcschick .iche Wirksamkeit fortsetzeu, auch dort noch seinen bewegenden, zusammenführenden und bindenden Eharakeer bewähren. Die Uebermittlirng Plero's an das Morgenland, die Nückübermittlung platonischen Geistes 'und platonischer Visionen und Hallucinatiorien an das Abendland sind nicht allein daS Werk'des Iudeugeistes; nicht blos die philosophische Größe des Aristoteles haben Juden im Mitielalrer der abendländischen Spekulation und der kirchlichen Spitzsindigkeit enthüllt. Ein solches. Vermählen westöstlichen Geistes, ein solches Lebendighalten des ursächlichen Zusammenhangs zweier Welten im Indenrhuine dauert noch jetzt fort. Können wir die unsichtbare Kirche mit ihren über die ganz Erde verbreiteten Anhängern, können wir die aneinander hängenden Glieder einer aus doppelten Gründen der Liebe verbrüderten Gerneinde, die eine, vom Orient überkommene Ordnung, die Urform jedes sirtlicl n Lebens, in den Geist des Westens hinüberleiren, nicht als solche Vermittlung ansehen, welche langsam, aber unfehlbar auf die innere sociale Ordnung einwirkt? Können wir den Naturalismus einer ans die Urprinzipien. des Lebens, gerichteten Lehre, d is Realistische eines auf praktische Anwendung gehenden Moralgesetzes nicht gegenüber einem verwirrten Dogmatismus und entarteten Formelwesen als ein Ferment ansehen, welches bas Ideal des Besseren nie erlöschen läßt? In dem vielbefchäftigcen und vielcrregten Occident hält das Indenthum das Bewußtsein, des Kultnrursprunges mit starker Accentnation aufrecht, und ist es das, was die Beziehung zwischen Vorzeitlichem und Gegenwärtigem lebendiger und uneigennütziger als jede andere Institution vermittelt. Besser als jede Theorie hat das Indenrhum durch seine vermittelnde Kraft die Verbindnilg der Nationen, die Einheit des Gottbrwußtseins und des Menschengeschlechtes gefordert; aber sein indivionalisirender Geist und feine kritische Nacnr haben ihm bei allem Vcrschmelzungsstrebcn die eigene Selbstständigkeit bewahrt, ohne die seine geschichtliche Funktion unmöglich wäre, haben es vor dem Schicksale geschützt, nt dem allgemeinen Völkerkessel spurlos unterzugehen. DaS Indenthnm hat seine ererbte Cristen; von Anfang seiner Geschichte bis in die Gegeirivart hmeingcrragen. Indem es dies vermocht har, indem es die Kraft bewies, seine innere Freiheit selbst gegenüber den mächtigsten Einflüssen zn erhalten, ist es für die Freiheit Aller — jeder Individualität eingerrcren. Der individualistische Geist erscheint schon in der Bibel stark.; er ist es, der keine gemeinsame Nationalarbeit, als die geistige nnb religiöse anjkommcn läßt, er ist es, der unter den Inden eine eigene K-lnst verhinderte; denn die Kunst tit den Anfängen bedarf großer Schöpfungen, die nur bei Eoilzeurrirung vieler Kräfte möglich sind. Der iitdividuelle Hebräergeist sträubt sich gegen Hingabe und Unrerwersung, die der Sultan seinen Sklaven, die Kirche im Mittelalter ihren Gläubigen znmuthen darf. Darum war eben das Indenthnm in dieicm Mitkelalrer der Stein des Anstoßes, der die Verwirklichung