Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 1 (5.1.1865)
- Date
- 1865-01-05
- Page
- Seite 11 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 11 — Zustande, welches allein nicht nur dem Epos, sondern jeder dichterischen Produktion überhaupt die Weihe gibt, ganz und gar widerstreitet, ist eine andere Frage. Den rein poetischen Standpunkt gegenüber dieser tiefsinnigsten aller Sagen bieten allein Götbe's Fragmente vom ewigen Juden. Man sieht in diesen köstlichen Stücken nirgends die Person deS Dichter's mit seinem Helden verflochten, ein freier beitcrcr Humor laßt an eine Disharmonie, an einen inuern Zwiespalt nicht denken, das Weltgcschick erscheint als einer nrbenherige liebliche Arabeske, die sich gar lustig um die derbe, sorglos vorwärts gehende Wirklichkeit schlingt. Der Poet, mit welchem wir es hier zu thun haben, scheint cs denn auch wirklich gefühlt zu haben, daß Ahasver, um einer höchsten Leistung, einem Lebenswerke zu entsprechen, nur dem unbefangenen Weltgcist angehören und ans keine Weise in den Trübungen deS Weltschmerzes, der Tendenz, der persönlichen Beschränktheit versunken sein dürfe. Andererseits macht ihn aber die christliche Sage zu einem Eharakter, in welchen höchstens titanenhafter Droh, dämonisches Rütteln an dem Heiligsten des Bestehenden, nicht aber ruhiges und vorurtheilsloseS, geschweige denn freudiges und begeistertes Anerkennen wirklicher Größe gelegt werden kann. Unser Poet hat daher einen jedenfalls nicht uninterrrffanten psychologischen Proccß in seinem Helden vor sich gehen lassen, eine Erziehung desselben durch die Cr ebmsse der Geschichte, wodurch ihm allerdings das Ungeheuerliche, Uoergewaltigc, Wunderbare und Effectvolle vielfach benommen, immerhin aber, wofern wir nicht irren, das tiefer Ergreifende, seelenvoll Natürliche und wahrhaft Menschliche gesichert wird. '; . *; Wir wollen es nun versuchen, dem im vorliegenden Epos eingehalrenen natürlichen Parallelismus zwischen Ahasver's Entwickelung und dem Gang der Ereignisse, woran sie sich vollzieht, in ruhiger Analyse zu trennen und jene bis zu dem Punkte zu verfolgen, wo sie, um des Poeten Wort zu gebrauchen, sich zum Weltgedanken verklärt hat und an ihren und des Gedichtes Schluß gekommen ist, diesen aber nur so weit zu schildern als hie bis jetzt erschienene erste War dcrung reicht; letzteres einzig in der wohlmeinende Abstcht, manchem jünger» Leser in einer hastigen die vielen Umstände nicht liebenden Zeit, die Lectüre des Buches, wenn es seine Anftnerksomkeit erregt haben sollte, zu erleichtern. Drei Hauptformen sind es, in denen der menschliche Geist sich in der Geschichte offenbart: Religion, Philosophie und Kunst. Die letztere darf.man wohl ungescheut die vollendetste nennen, und rhr ist auch das Alles wahrhaft Vollendete auszcichnende eigen, bei ihrem Erscheinen schla zen ibr, wie mir. einem Zauberstabe berührt, alle, selbst die widerstrcbendsten Herzen entgegen. Freilich har auch sie ihre Anfänge, ihre Entwickelungen, aber bicse bleiben meist den Mitlebenden unbeachtet und erst nach Jahrhunderten bemüht sich der'ZMverdrossene Forscher sie, kümmcrlich genug, zu finden, um auS ihnen als dem Keime die sonst unbegreifliche Thal des schaffenden Genius zu erklären; diese letzte und reifste Frucht ist aber dann das Bleibende, wofür die Bewunderung nie erstirbt; ja selbst, wenn alle Denkmale der K mst de rhm'. der „ tt erlegen sind, kann die Begeisterung an dem c ^scheinbarsten Torso zu neuen ungeahnten Flammen erwachen. Diese magische Gewalt verdankt die Kunst ihrem ächt menschlichen Wesen in ihrer äcbt menschlichen Erscheinung. AnderS ist es mit Philosophie und Religion. Zn ihren öberstcn Lehrsätzen liegt immer etwas Absurdes, der menschlichen Anschauung Widerstreitendes, wodurch jene ewig deS Volkes, diese ewig des gebildetern Geistes Opposition gegen sich wach ruft. Beide sind ferner darin der Kunst entgegengesetzt, daß gerade ihr erstes Auftreten blendend, verwirrend ja fanatisirend wirkt, (bei der Religion wird dies jeder zugeben, aber auch bei der Philosophie erinnere man sich nur unserer jüngsten Vergangenheit) während ihre spätem Entwickelungen immer mehr von de: idealen Höhe hernntersteigen, gleichsam daS Piedestal, wo sie als stumme, Anbetung heischende Gottheiten standen, verlassen und sich immer mehr in's Gewoge der Menschen mischen, um den Anschauungen derselben sich zu accomodiren..- So sind uns die Gesichte der Propheten des alten Bundes nicht mehr unverstandene Schauer utb wir lesen sie mit derselben Andacht, die uns auch beim Auhören der Pindarischen Hymnen oder der erschüttcnden Ehöre des Aefchylas erfüllt. Auch das Christenthum hat längst das dämmernde Mysterium, eben das, was wir mit einem der geistreichen Kirchenschriststellcr, dem Vorläufer und geistlichen Lehrer Augustins, oben das Absurde nannten, abgestreist; und seit zuerst Lessing selbst daS Dogma der Trinität verständig klar darzulegen versucht, hat die Botschaft vom Himmelreiche sich zum Evangelium des Menschenthumes veredelt. ' Diezcn ewigen Kampf nun des menschlichen Verstandes gegen daS für ihn Absurde der Religion und seinen endlichen Ausgleich mit ihm, hat Ahasver im Verlause unseres Epos übernommen. Wie gegen Jesus selbst, so bleibt er, der nicht nur das Herz sondern auch den Kopf am rechten Flecke hat, auch nach dessen Tode gegen seine Lehre unerbittlich. Er hat Anlage für daS Großes denn er selbst ist ja ein hochgebildeter Pharisäer, schriftgelehrt im guten Sinne des Worts; aber für das undurchdringliche Dunkel der Ahnung hat er keinen Sinn,' ihn'treffen die herbsten Schläge/ aber wie seines Volkes bleibt auch sein zäher Verstand ungebeugt/ mit dem einzigen Unterschiede, daß sein Volk sich gegen daS Christenthnm abstoßend, abwehrcnd und gegensätzlich, er aber in parteilosem Gegenüber betrachtend verhält. Und denke man sich ihn ja nicht beschränkt verständig; denn Ahasver ist wie Jesus ein Gebilde seiner Zeit, und das hohe Phantom vom Gottcsreiche schwebt auch seiner glühenden Phantasie als ewig fliehendes Ideal vor. Und nach der Zerstörung Ierusalem's, nach der noch furchtbareren Niederlage seines Volks auf dem Schlachtfclde von Bcthar, ist es dieses Gaukelbild, welches ihn vom Land zu Lande lockt, und gerade daS zu einer bedeutungsvollen Geistesnracht sich l erhebende Ehristertthum bietet seinem sehnsuchtsvollen Auge eine wechselvolle Reibe der glänzendsten Bilder dar, denen allerdings der tiefe Schatten nicht fehlt? Zu diesen Bildern emporstrebender innerer Hoheit gesellen sich im scharfen Eontraste die vielleicht noch hinreißenderen des i .mer ticfeen äußern Verfalls der al m Welt und Roms, ihres Hauptes. So spinnt sich für AhaSver ein Lebensfaden von 32-5 Jahren ab, Leid und Lust wechseln in natürlicher Folge, bis das-' jenize, was Ahasver schon von der Persönlichkeit Jesu selbst in weiccr Kluft aus einander hielt, nunmehr zu einer für ihn grauenhasten, allgemein anerkanriten Thatsache wird, es ist die feierliche Bekanntmachung des Nicänischen Symbols. Wie unser Poet aber überhaupt die gewaltsamen Situationen nicht zu lieben scheint, sorgt er auch am Schluffe dieser ersten Wanderung dafür, daß sein Held in der Wüste, wohirr er entflieht, unerwartet Trost, Ruhe und Frieden genießt. „GlaubenSkamps" oder: „Ahasvers Schuld und Sühne" nannte der Poet diese Wanderung, und wollte wahrscheirilich damit die verhältnismäßige Enge und Beschränktheit des Schauplatzes andeuten, den fern Wanderer darin beschreitet und zugleich