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Das Abendland · 1865-01-05 · 1 (5.1.1865) · p. Seite 3

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Journal
Das Abendland
Volume
II (1865)
Issue
1 (5.1.1865)
Date
1865-01-05
Page
Seite 3 (sequence 4)
Language
German
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— 3 Der Äaiioiiaütätenkampf in IZöhmen und das Indenthum. Ein geschichtlicher Rückblick. Ul. In dem zweiten Artikel, den wir unter obiger Uebcrschrift in Nro. ö d. v. Iahrg. d. B. gebracht, l aben wir ans den Gegensatz hingewiesen, der s ch zwischen der jüdischen Bevölkerung der Stadt und des Landes in der Streitsache der Nationalitäten Böhmens herausgcstellt. — Es ist bemerkenSwerth, daß dieser bedeutsame Umstand bisher völlig der Beachtung unserer Journalistik sich entzogen, trotzdem man von.dieser Seite sonst gern die Miene annimmt, als hörte man jedes Gräschcn wachsen. — Und doch mußte dieses Vcrhältniß jedem bald klar werden, der wirklich redlich bemüht war, sich eine Anschauung der wahren Sachlage zu verschaffen, und wo möglich das Seinige zur Klärung und Lösung der äußerst fatalen und verhüngnißvollen Situation beizutragen. — Eigentlich wiederholte sich hier nur eine Thatsache, die aus der Eulturgeschichte aller Zeiteu und Völker hervorleuchret. — Stets hatte das Land andere Bedürfnisse, andere Wünsche und Ansichten als die Stadt. — Wenn es nicht bei den vorgeblichen Stimmführern der Cechen bereits zur Regel ge. - wen wäre, sich Illusionen hinzugeben, und Ideologe zu treib.n, statt die nackte Wirklichkeit ins Auge zu fassen, so hätte auch ihnen es längst kein Geheimniß bleiben können, daß auch der Kern des böhmischen Landvolkes stets in thatsächlichem Widerspruche gegen ihre, in Wahrheit alle geschichtliche Entwickelung negirenden, statt auf dieselbe fußenden hochstrebendcn und daher um so eitlern Pläne sich befunden. — Was nun den Juden betrifft, so haben wir auf die nahe liegenden Gründe bereits hingewiesen, warum nur die, den berechtigten — wir legen den Ton auf dieses Wort — Ansprüchen der Cechen abholden Ansichten sich meist geltend zu machen vermochten. Ter :Grund lag einfach darin, daß Prag denn doch hervorragend der Sitz der Intelligenz in Böhmen ist; bei Christen sowohl wie bei Juden, bei Cechen wie bei Deutschen. Talent und Lust sich auszusprechen, nicht minder die Gelegenheit hiezu, fanden sich namrlick: mehr in der Stadt vor. während auf dem Lande wieder, wie stets und überall, mehr gehandelt als gesprochen wurde. — Dennoch fehlte es auch nicht an Kundgebungen von dieser Seite. Die erste uns bekannt gewordene war gleichsam ein Echo der gleichfalls ersten Manifestation jener cechischen Partei, die die Närodm Listy ausdrücklich als ihr Organ bezeichnete, und deren -Programm, in der ersten Nummer jenes Journals mitgetheilt, folgenden auf die Inden bezüglichen Passus enthielt: „Den Juden wünschen und gönnen wir dieselben Rechte und dieselben Freiheiten, die wir selber anstreben. Sie sind unsere Brüder ui.d nur durch die Confession von uns geschieden. Daß wir aber auch jenen unter ihnen alles Gute wünschen mögen, die unsere nationalen Bestrebungen begeifern und verdächtigen und unsere heiligsten Interessenbeschimpfen, das gebietet uns selbst die Lehre Christi nicht." Schon in ihrer Nummer 18 vom 18. Jänner 1861 brachte dasselbe Blart aus der Feder eines Israeliten einen Artikel: „Ilias zida”, den wir hier in der Kürze wiedergeben wollen. „ES hat bisher' so heißt cs dort, „seit der Zeitz daß in Oesterreich eine neue Aera des politischen LcbenS begonnen, noch kein Hude auf die Stellung seiner Nation zu den Bestrebungen der Cechen hingewiesen, trotzdem dies gerade die jetzige .Zeit erfordert, wo niemand diese Bestrebungen mit Gleichgültigkeit übergehen kann. Besonders ist dies aber bei uns Juden der Fall, die wir unter der Last des bisherigen verrotteten NegirungSsystens am! meisten zu leiden halten, und deshalb sind wir eS schuldig,! jener Partei unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, welche in : ihrem Programme auch unsere Interessen vertreten zu wollen ' in so entschiedener Weise verspricht. Pftichtgenläß wollen wir! daher auch mit derselben Offenheit und demselben! Freimuthe antworten. Das alte Sprichwort: „Durch Eintracht werden kleine Dinge groß, aber durch Zwietracht gehen selbst große Tinge zu Grunde," sollte namentlich unter den jetzigen Verhältnissen der erste und wichtigste Grundsatz des gegenseitigen ContakieS der verschiedenen Völker Oesterreichs sein. Wir haben bisher nur das Wort unserer Negierung, daß uns ein neues politisches Leben erstehen soll, und dieses Wort ist vorläufig auch blcS die einzige Garantie dieser Freiheit. In welchem Maße die Regierung ihr Wort erfüllen werde, wird nnS die Zukunft lehren; bedauern-aber müssen wir es freilich, daß wir mit Mißtrauen die Schritte betrachten müssen, zu denen die Regierung durch politische Verhältnisse gezwungen wurde, die aber gewiß die Dankbarkeit der Völker geerntet hätten, wäre sie ihren Wünschen ohne Zwang entgegenkommen. Wir befänden uns alle alsdann auf jenem rein gesetzlichen Boden, ans dem sich bisher die heimtück'sche Reaktion aufblühte. Doch wir haben nun mindestens eine Aussicht auf einen bessere Zukunft, wir haben den Landtag vor der Thür, wenigstens den verheißenen; aber trotzdem dürfen wir uns keiner Täuschung hingcben; es hängt alles von der Art und Weise ab, wie man das kais rliche Wort, das Diplom vom 20. Oktober ausfassen wird. Das beste Mittel, das Jnslebentreten der verheißenen Verfassung zu hindern, wäre freiltc. die Uneinigkeit unter den Nationen, welche vor noch nicht lange verflossener Zeit der Regierung als Vorwand diente, uns alle als unartige, unreife Kinder unter Schloß und Riegel in das einförmige Gebäude des Absolutismus zu sperren. Sollen nun die so oft getäuschten nicht neue Besorgnisse hegen? Wir mahnen"deshalb zu allseitiger Versöhnung, zur Eintracht und gegenseitiger Mithilfe. Rom ist nicht in Einem Tage erbaut worden, auch wir werden nicht alles in einer Stunde erlangen. Aber durch gegenseitige Verständigung werden wir vieles beitragen zur Lösung unserer so ernsten j Aufgabe. I v Ist vielleicht die Erhaltung d r nationalen Eintracht zwilchen | Cechen und Deutschen in unserein Vaterlande unmöglich? — j Auf der Grundlage nationaler Freiheit ließe sich dies gewiß l erzielen. I Warum sollte also auf derselben Basis nicht auch Eintracht und Brüderlichkeit unter Cechen und Juden angebahnt werden-können? Von diesem Prinzip geleitet, boten die böhmischen Nationalen den Juden ihre Rechte dar, wir zögern nicht, ihnen.auch die unsere entgegen zu strecken, denn wir sehen, daß es anerkannt wird, daß auch unsere Hand zu kräftiger Mithilfe geeignet ist, daß auch wir Juden im Staatsleben ein wichtiger Faktor geworden, dessen Thcilnahme und Mitwirkung nicht verschmäht werden kann. Man möge von ihren Religion und ihrem Charakter denken und urtheilen wie man immer wolle, Geist, Energie und Thatkraft kann und wird ihnen sicherlich Niemand absprechen. Und was das nationale Gefühl anbelangt, ist es wahrlich nicht so schlimm mit ihnen, als man zu glauben sich gewohnt hat. Wir kennen den Juden besser als jeder andere, besser als diejenigen, die ihn verketzern (Schreiber dieser Zeilen ist selbst ein Jude,) und deshalb machen wir aus ihm weder ein Ideal, noch auch können wir im Gegentheile zu geben, daß der Jude ein Geschöpf sei, ohne Gesinnung, ohne Gefühl für die heiligsten Interessen der Menschheit. für Freiheit, Recht, und Vaterland. Thacsachen inögen beweisen. Blicken wir auf das benachbarte Deutschland. Fühlt und wirkt dort nicht jeder Jude als Deutscher? Betheiligt er sich nicht an allen Interessen und Bestrebungen der Deutschen — ans dem Gebiete der Litera ur, sowohl als der Kunst und Politik? Spricht nicht zu den Deutschen der voin Vaterlande entfernte und in dem Bewußtsein trauernde Börne, daß Deutschland in den Abgnmd des politischen Nichts versunken wie ein achtes Kind Deutschlands? Blickt nicht feibjt 1*

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