Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 1 (5.1.1865)
- Date
- 1865-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9050333-9088714-9050413--0085-9050416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ausgeprägt haben, wo die fremdartige Kultur, religiöse und politische Tendenz, wie das nationale Element die Scheidewände , immer mehr verstärken, welche Entfernung und Mangel an Verkehr unter den Menschen aufrichten; im Oriente, wo unähnlich europäischer. Bildung und ihrem gleichförmigen Durchschritte Religion und Regierungsform, die fossile Erstarrung aller moralischer Thätigkeitcn und die durch Revolution bewirkte Durcheiltanderschüttung mannigfacher Kulturen die geistigen Physiogno- ^mtrr^der Völker schon frühzeitig verschieden gestalten, im Orient, ' sa'genHvir, mußte die Isolirung der Nationen zuerst unerträglich und dte Nolhwendigkeit der Vermittlung zuerst fühlbar werden. Und wie es in der Natur kein Ucbel gibt, das nicht zugleich, wo nicht ein Heil-, doch ein Erlcichterungsmittel findet, und wie die Geschichte stets diejenigen Bildungen und Individualitäten aus fich erschafft, deren sie im Verlaufe ihrer Entwickelungen bedarf, so hat der Orient das charakteristische Kulturvolk aus sich selbst erzeugt, welches zugleich bestimmt war, die geistigen Kulturen desselben zu vermitteln und in sich selbst zur Einheit zu verarbeiten. So ist es wahrlich kein gleichgültiges Moment im Gange deS weltgeschichtlichen Genius, daß Israel zuerst von Aegypten aus, dem abgeschiedensten und engherzigsten aller alten Nationalcomplere sich bilden und im Widerstreite gegen dasselbe entstehen muß, es ist nicht gleichgültig, setzen wir hinzu, daß es seine Urtradition schon aus ägyptischen und alrsemitischcn Elementen zusammensctzt. Es bleibt ferner bedeutend, daß der Charakter des jüdischen Volkes sich, wie der keines anderen, zur Aufnahme und Vereinigung selbst des fremdartigsten Stoffes hinneigt, mit wie augenscheinlicher Gefahr dies auch für National- Eigcnrhümlichkeit und väterliche Sitte verbunden scheint, so wie auch dies keine unerhebliche Tbaisache ist, daß sein Nationalwesen nach einer nur zu kurzen und losen Eonzentrirung der Zertheilung und Zerstreuung verfällt, und seine abgerissenen Bestandrheile, wie die zuckenden Glieder des Absyrtus, nach Vereinigung strebend immer mehr der Trennung und Entfremdung unterliegen. Israel muß seine Eigenthümlichkeit nur retten, um sie immer um so unbedingter dahinzugeben; es muß sich erholten und finden, um sich scheinbar um so unwiederbringlicher zu verlieren. — Ein solches Volk kann nicht anders, als von einer besonder» individuellen Natrtt, von einer ganz unterschiedlichen Anlage des Geistes sein, die eS von anderen stammverwandten Nationen auch ohne Ideen und Traditionen unterscheidet. Das Merkmal der Gemächlichkeit nnfrdes Behagens, charakteristische Ursachen der orientalischen Verweichlichung und Versumpfung, muß Israel schon durch Wüstenwanderung und frühzeitige Beschwerde abhanden kommen. Die harmlose Gläubigkeit, welche die Zeit seiner Genesis, jener Genesis mit eigcnthümlichem Glanze umstrahlt, ist gewichen und hat sckon in seiner ältesten Urkunde dem kritisch-unrersuchenden Sinne einer sich auflehnendcn Natur Platz gemacht,, welche Israel in '"einer ganzen langen Laufbahn eigen geblieben ist. Diese Eigenschaften, wie zweifelhaft ihr Werth auch an und für sich und unharmonisch ihr Eindruck auch dem ästhetischen Beurtheiler und dem feinfühlenden Betrachter erscheinen mag, müssen um so mehr vermerkt werden, als sie das so beschaffene Israel fähig nlachten, das klassische Volk der Religion zu werden, und als Träger und Vermittler der religiösen Vorstellungen auf geistigem Felde seinen nationalen Ruhm zu begründen. Denn wer verkennt es noch, daß bei aller scheinbaren Primitiviläl des religiösen Elementes im Menschen doch die Religion selb» wie Kunst und Philosophie eine der Spätfrüchte des menschlichen Geistes ist, die nur nach langer Vorarbcittttlg und verschwenderischer Zuführung des geistigen Stoffes zum Vorschein kommt? Wer vergißt es, daß der barbarische, von dem Bedürfnisse gebeugte Mensch in seiner Geisteskindhcit und Dummgläubigkeit ebenso unreligiös ist, als der civilisirte sich gerade im Gegerttheile durch Würde und Gehalt der Religion unterscheidet? Kann man zweifeln, daß zur Herstellung, der besten Religion es ebenso vieler Inspirationen imb erhabener Ideale bedarf, als zur Verfassung eines Epos oder Hinstellnng einer olymischcn Statue? — Die Entwicklung der Civilisarion entwickelt auch fortsch eilend den kosmischen Sinn im Menschen (den Sinn für die Weltordnung), der stets in demselben Maße zum freieren Gefühle seiner selbst gelangt, als sein irdischer Sinn durch Befriedigung seiner Bedürfnisse beruhigt ist. Es scheint übrigens, als ob im Osten überhaupt der Einfluß -jener Ideen, die den Menschen als Glied eines großen, unzertrennlichen Ganzen sich zu fühlen veranlassen, stärker sei als im Westen, unb als ob er dort größeren Antrieb fände für sich und seine Gattung im Weltganzen einen Platz zu beanspruchen, als seine Stelle auf Erden zu . verfechten. Jedenfalls sind derartige/Bedürfnisse nirgends auf Erden lebendiger und nachhaltiger als im Oriente, und ist nirgends als da contemplative Betrachtung und gläubige Befriedigung ein so unerläßliches Gebot des politischen und socialen Lebens." Welchem physiologischen oder localen Grunde aber auch dieser psychische Zug des Orients entspringen mag, gewiß ist es, daß er ebenso als die Ouelle der Religionen und der Gottesdienste, als zugleich als Ursache ihrer Entartung anzusehen ist. Denn, indem derselbe der Religion, welche wesentlich ein Produkt des ethischen Geistes, ein kosmosophisches Gepräge ausdrückt, indem er in st en Bestrebungen, die Welt in Beziehung zum Menschen zu setzen, und eine Zweckthätigkeit der Weltobjekre für das Dasein zu ergründen, weiter geht, als das moralische Bedürfniß des Menschen erfordert, indem diese kosmosophische Tendenz mannigfach: Phantasien erzeugt und das phantastische Element in den Religionen des Orients, an welchem auch der Monotheismus des Mahomed krankt, gefördert hat, indem ferner dieses phantastische Element, gleich den Ungeheuern der Fabel, eine außerordentliche Fruchtbarkeit bekundete: hat eS das ethistve Element frühzeitig verdeckt und bis zur Verdunkelung abgeschwächt und verkümmert: hat es das Einfachreligiöse in ein solches Dirrsal von Fabeln und Subtilitäten verwandelt, daß eine Auflösung und Klärung des rein Ethischen ein frühzeitiges Bevürfniß erscluinen mußte. Wie sehr ist hier die Thätigkcit Israels zu preisen, die durch den ganzen Verlauf seiner Geschichte keine andere ist, m diesem Bedürfnisse genügen, dieser Nothwendigkeit entspreche' die Religion des Orients vereinfachen, - das Ethische auszufcheiden und es bestimmt und klar hinzustellen; eine Thätigkcit, in welcher gerade die kritische und skeptische Natur, welche die Propheten tadeln, und deren sic selbst so voll sind, gerade die Unruhe urid Beweglichkeit sich weit nützlicher erwiesen, als die gepriesene Frömmigkeit und Gläubigkeit ihrer orientalischen Nachbarn. Denn eS ist unbestreitbar, daß die einfachen, gelätifigcn, sich gleich bleibenden, halb abstrakten, halb im Gcmürhe ruhenden Vorstellungen, welche die- Bibel in uns anregt, nimmer hingestellc worden wären, nimmermehr das Phantastische in solcher Weise beschränkt und vereinfacht wordenwäre, wäre nicht die natürliche Nüchternheir und Verständigkeit deS hebräischen Stammes hier eben in starker Weise berheiliget. < Schluß folgt.)