Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 7 (22.12.1864)
- Date
- 1864-12-22
- Page
- Seite 63 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 — .F' K n z l L e t o n. (§ine Winter-Plauderei. — . Endlich ist er da, „der todre Gast," der Winter, mitseinem Ile-idigen Gefolge von Schnee und Eis. — Auch der Winter hat selcsamer Weise sein: Sänger gesnnden; man pries ihn jedoch nur, wenn und wo man seine „lwbenswücd ige" Gegenwart eigentlich wicht fühlre, im traulichen Familienkreise, .am warmen Dien! — Da danken wir schön! —. Das erinnert uns an eine Redensart, die man oft von unrnhigen Kindern gebraucht, daß sie brav und folgsam seien — wenn sie schlafen! — Vom behaglichen Zimmer anS betrachtet ist der Winr : in der That kein so schlechtes Schauspiel — auch ließe man sich ihn noch gefallen, wenn er immer seine eigentliche und wahre Seite herauskehrte — gegen einen ernsten Frost ist Pelz und Mantel gut; unans'tel lich wird er aber —wenn er des „trockenenTones satt" — wie Mer.sisto, besonders auf die armen, ohnedies hart geplagten Stütze!: unseres Leichnams es abgesehen hat, und sie mit jenem „Humor" trakcirt — man erinnere sich, daß dieser Ausdruck zu deutsch eigentlich „Feuchtigkeit" heißt — der, wie die Engländer sagen „gut für Nichts" ist; nicht nu die Felder und Wälder) denn diese rnben nun alle, und haben ihre. Geschäftsrhätigkcil eingestellt — nicht einmal für unsere Bier- und Weinschänker, denn diese brauchen — zu ihre Ehre sei es geft.gt — doch wenigstens anständiges Wasser zu ihrer Manipulation — also höchstens zur Erregung von Rhetunatismen — zum Ruin von Schuhen und Strümpfen. — Er ist nun da, dessen Ankunst gerade so willkommen ist, wie der Besatzung einer Festung jene des Feindes, und den man auch, aller Complimence ungeackjret, gerade so empfängt. — So fühlbar ist schon dessen Anwesenheit, daß selbst unsere ConcordalSkämpfer, die doch in der Sofistik ihr Genüglichesleisten, sie kaum mehr weg zu demonstriren vermöchten. Doch wer weiß? — Schwören möchten wir just nicht darauf, ob nicht die Anwälte jenes Vertrages eines Tages sich im Reichsrathe erbeben, und uns beweisen werden — „klar und in unzweideutigster Weise," wie gewöhnlich — daß wir uns eben mitten im Sommer besinden! Die Herren sind ja gewohnt, Alles durch gefärbre Brillen anzusehen — für sie gibt es nichts festes, außer das Wankende — für sie behält Nichts seine natürliche Farbe und Gestalt, wie cs ja nicht selten geschiebt, wenn man durch eine schlechcgeschliffene Fensterscheibe blickt, daß Alles im Zickzack vor unseren Augen schwimmt, das doch faktisch so schnnrgrade ist — wie der schlichre, durch kein Vorurtheil befangene Menschenverstand!— Seit wir es erlebt haben, daß klerikale Blätter die Behauptung ankzusprcchen gewagt — daß Rom der eigentliche Hort der Ge- Willensfreiheit sei, seit dieser Zeit haben wir es zu verlernen begonn'n, uns überhaupt über etwas zu wundern. So kehret denn nur inunerhin die ganze Weltocdnung um, saget, daß der Mond bei Tag leuchtet und die Sonne das eigentliche Nacktgestirn sei; wir werden keine Miene mehr verziehen, nicht einmal ein Lächeln soll uns eine solche Naivität abgewinnen, die eigentlich der Unverschämtheit so ähnlich siebt, wie ein Ei dem andern! — Und warum sollte man steh auch solcher Lappalien wegen ans der rnbigen Gemnthsstimmnng — ohnedies ein rarer Anrbeil nur weniger guter Stunden — bringen lassen? — Die Wahrheit — bleibt ewig doch wahr — rrotz alle DiSpntirkünste, trotz aller Purzelbäume der Dialektik; — ihr Fundament ist zu fest; t; . und stark, um durch den tückischen Zahn der im Dunkeln wühlenden Maulwürfe im mindesten wankend zu werden. Das sei unser Trost — mit dieser Ueberzcugung bewehrt — lassen wir die Greuter's und Hasselwandrer's unseres ReichSrathe nur immer walten und gewähren — und „salbungsvolle" Reden halten. Zwar den faktischen .Bestand eines „Dezember-Tages" wegzuleugnen, dazu bedurfte es eben keines besonderen Aufwandes von Scharfsinn und Sosistik. — Der Tag scheint jetzt eigentlich nur da zu sein, um uns reckt fühlbar zu machen, wie unendlich lang die Nacht ist. — Die Natur scheut bekanntlich die sprunghaften Uebergänge — daher wohl ihr Ruf als konservative Macht, aber mansche sich sie nach längeren Zwischenräumen an — welche Gegensätze, welche äußersten Ercreme! — Zm Grunde ist es also mit ihrem Eonservatismus nicht so weit her — sie scheut nur den Eklat, den allzu augenfälligen Skandal — und vollführt ihre Revolutionen im Stillen und sachce, aber um so entschiedener und sicherer. — „Tag und Nacht sollen nicht aushören," so lauter die dem Vater Noah errheilte Zusicherung — aber hast du es, freundlicher Leser! schon einmal ernstlich zu G emüthe gezogen, daß in der gegenwärtigen Jahreszeit die Nacht eigentlich zweimal so lang ist wie der Tag? — Doch wer rechnet ’ auch so genau nach, die Welt will betrogen sein — wenn man nur sie geschickt zu betrügen versteht; — hierm besitzt nun unsere Mutter Natur unzweifelhaft die größte Meisterschaft. — Wie geschickt weiß sie uns von Stunde zu Stunde zu locken, über die Kindheit, . das Jugendalter und alle die Phasen oes Lebens hinweg, bis sie uns mir einem sanften Rucke in jene Wiege schiebt, aus der wir uns nur — wie der Gla ibe lehrt'— einst am Tage des Gerichtes erheben werden. — Wie gut ist es doch im Grunde, daß es so ist! — Wie könnten wir sonst leben vor dem Gedanken des Todes, wenn wir nicht aus einer - Täuschung in die andere allgemach hienüber gaukelten. — Das sind eben keine anfheirernden Betrachtungen! Ja wer kann auch dafür, daß die Wirteruug mit der Gemüthsstimmuilg stets in so engem Eonnere steht? — Der Engländer nennt sie demeigenrlichenEinbrüche des Winters vorangehenden Tage bekanntlich „hanging clay's“ „Hängetage", — vermnrhlich oder eigentlich nicht vermuchlich, sondern bestimmt — deswegen, weil um diese Zeit die Nationalkrankheit der Brirten, der spieen, die üble oder richtiger böse Laune, am heftigsten grassirt — wogegen kein besseres Präservativ eristircu soll, als — sich mit eigener Hand auszuknüpfen! — Das gehört mit zu den liebenswürdigen Charakterzügen dieser Nation — die ihre Sitten und Gewohnheiten so gerir in den allgemeinen Gesetz-Eoder der Eivilisation aufnehinen lassen möchte, unter der, selbst für die leichtfertigen Gallier verlockenden Kapitelüberschrift — Anglomanie l — Wie hübsch würde sich hier von den Engländern der liebergang auf das Gebiet der Politik macken — dem: wo wären mehr trübe An- und Aussichten, melancholische Kost für winterliche Gemülhsstimmung. zu ernten? — Allein so fatal die Situation besonders für unser Oesterreich, so versehen ivir uns doch zu den: guten Genius desselben, daß. er, wie schon so oft, auch diesma iuterveniren werde, wenn die Gefahr am größten; t]t dock „das österreichische Glück ' beinahe eine sorickwörtliche Redens-