Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 7 (22.12.1864)
- Date
- 1864-12-22
- Page
- Seite 64 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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64 ott geworden. Freilich ist es schlimm genug, wenn man sich eben anfS Gluck verlassen muß, denn dieser Ausdruck bildet im Grunde doch nur einen Nothnagel — in Ermangelung richtiger Einsicht und Liefern Verständnisses; ■— man spricht von „Glück," wenn nlan nicht eben Lust oder Fähigkeit hat, dem eigentlichen Grunde eines überraschenden Ereignisses nachzuforschcn. Steigen wir also herab von dem hohen Rosse der-Politik — und überlassen wir dieses unfern College», den Tagcsblättern, die sonst leicht gegen uns ben Vorwurf erheben könnten, daß wir ihnen „das Brod vor dem Munde weglchnappen." — Was braucht auch ein Wochenblatt lange nach Stoffen zu suchen? Da ist z. B. Prag und seine jetzigen socialen Zustände! — Welch' reiches Thema zu Betrachtungen für Einen, der gerade einen Ableiterseiner unbehaglichen Gefühle sucht! — In der That, was ist aus unserem -Prag im Laufe der letzten Zahre geworden? —Also mag es denn doch seine Richtigkeit damit baben, was Pessimisten uns stets in die Ohren geheult, daß der geistige Fortschritt meist von materiellem Rückschritt bedingt und begleitet sei? — Wir wollten es lange nicht glauben, nun fangen wir aber an uns zu bekehren. Scheint es nicht in der That, daß vor diesem übermäßigen Vordrängen sogenannter „gestriger" Interessen die liebe Materie scheu die Flucht ergriffen habe? — Sagen wir es unumwunden, wie sieht es in unserem Prag jetzt mit demjenigen aus, das denn doch im Grunde und zuletzt die Basis alles menschlichen Daseins bleibt — wie sieht es mit der Küche aus? Man verzeihe uns diese Frage, die man nur einer ehrsamen Hausfrau sonst zu Gute^hält, aber selbst auf die Gefahr hin, einer trivialen Gesinnungsweise beschul- .digt zu werden, können wir doch nicht umhin, ein wehmüthiges Klagelied um jene, wie es scheint, für immer entschwundene Zeiten anzustimmen, wo Prag noch das Eldorado aller Jünger Gambrini, so wie aller jener war, die den Werth und die Bedeutung eines tüchtigen Rindfleisches zu schätzen und zu würdigen wußten! — Geniren Sie sich nur nicht, mein freundlicher Leser! unter der Maske Ihres „Verschämtthueus" lese ich denn doch die volle Zustimmung zu dieser Elegie über das Verkommen alles „Irdischen", über das Hinschwinden materieller Wesenheit bei immer mehr sich anfblähender Form — der Speisezettel. — Es ist wahr, diese werden immer eleganter und größer, wahrend Quantum und Quäle der Cveisen aber immer kleiner wird. — So bewährt es sich auch h r, was man unserer Zeit so oft vorgeworfen, daß in ihr alles für Auge und Ohr geschieht — nichts fürs Gemüth. — Und wer wird es in Abrede stellen, daß der Behaglichkeit des Geisteö, die man mit dem Namen Gemüth bezeichnet, die Behaglichkeit des Ccntrums des menschlichen Universums vorausgeheu muß — die Behaglichkeit des MagenS. — Nie gab es prachtvollere Ear'e'S und Gasthäuser in Prag — nie waren Besteck, Teller und Schüsseln mehr auserlesen — aber was auf ihnen servirt wird, soll meist nur ein Memento, ein Erinnerungszeichen sein, daß man pflichtschuldigst vom Kellner sich die Rechnung zu erbitten, und ihn für seine Gefälligkeit mit einem Trinkgeld zu entlohnen habe— bevor nun vom Genuß — der prachtvollen Lokalitäten scheidet.— Wie leicht erfüllt ein Erinneruligszeichcu nickt seinen Zweck, so unbedeutend, io klein es sonst ist, das scheint jetzt allgemein giltige Ganwirtbslogik geworden zu fein. -—Vom Cafe oder Gasthaus in's ^bcater, so will es ächte Bonvivant-Manier! — Sieht cs hier etwa sommerlicher 'aus? — Ach, wer gibt uns die Zeiten zurück, wo man noch auf Sedlnitzky schimpfte und seine Theaterccn sur! — Die Censur ist geschwunden — ist es deswegen besser geworden? — Glaube nicht, guter Leser, daß wir hier in den allgemein beliebten Ton einstimmen, und uns jenen anreihen werden, die stets gegen unsere hiesige Theatcrdirektion zu Felde liegen. — ES ist wahr, sie sind nicht eben erquicklich, unsereTheaterzustände— aber was ist denn überhaupt erquicklich in unserem „aufgeklärte i" Zeitalter? — Es geht dem Leiter unserer Bühne vermuthlich wie unserem Ministerium, das immer zuletzt das Bad ausgießcn,— zuletzt immer an allem Unheil die Schuld tragen muß. — 23er es weiß, welche bedeutenden, ja selbst schweren Geldverluste der gegenwärtige Pächter unseres Mmcntempels in der kurzen Zeit seiner hiesigen Wirksamkeit bereits c.littcn, wird ihn gewiß nachsichtsvoller beurtheilen. — Nckt an gutem Willen mag es auchdem Manne fehlen, aber an kräftigerer Thcilnahme und Unterstützung von weiten des lieben Publikums. — Wer möchte über- Haupt die Stellung eines Direktors des deutschen Theaters in Prag in jetziger Zeit beneiden? — Summa Summarum, trenn, wir aufrichtig sind „in unserem kritischen Bestreben," so werden wir für alle die Uebelstände, an denen die Gegenwart unleugbar krankt, in den trüben Zeitverhältnissen die letzte Wurzel und Begründung finden. „Es fehlt an Geld unter den Leuten — die Bedürfnisse werden immer größer, der Säckel immer knapper. Was Wunder, wenn alle Behaglichkeit schwindet und alle Gemürhlichkeit, deren in sxeeie unser Prag nie eine sonderliche Dosis besessen." — So etwa würde der schlichte, praktische Mann über die Situation urtheilen. — Und aller Wortkram unserer Professoren, alle wohlgedrechselten Phrasen dersclbeir dürftet! am Ende keinen tiefem Gehalt haben als die leidige Thatsache: „ES fehlt halt anfGeld." — *Zst das das Resultat unseres Fortschrittes? — Mit dieser Frage schließen wir wohl am würdigsten unsere trübe Winterbetrachtung! — : ' ' Z Inserate. Eine bekannte Persönlichkeit erbietet sich Kinder besserer Häuser entweder dort oder in seiner Wohnung im Hebräiischen u n: rerrichten. Näheres in der Redaktion dieses Blattes. — Eoncnrs. . An der hiesigen Meiselsynagoge ist die Stelle eines Cauwrs, mit welcher ein ^'ala.r von 600 fl. jährlich nebst freie Wohnung und den üblichen Emolumenten verbunden ist, zu besetzen. Geeignete Bewerber, die den bereits eingefiihrten Chor zu unterrichten und zu leiten verstehen, wollen sich unter Beibringung ihrer Zeugnisse über Befähigung und bisherige Verwendung in diesem Fache unter der Angabe, wann sie zu einem Probevortrag hier eintrefsen könnten, bis zum 3t. Jäner 1865 an den gescrrigten Vorstand wenden. Reisekosten werden nur dem Angestellten veegüter. ' Ter Borstand der Meiselsynagoge. Prag, 18 Dezember 1864. Eorrcspondcnz der Redaktion. ' ' ' ' Herrn I. K. in Tcplitz. '/, jähr. Abonnement benagt 1 st. Hz fr. Mit der Zusendung deö Betrages har es übrigens keine Cile. Eigeulhümcr, vcranlw. Nedaltcu>.u. Herausgeber: vr. I. Nosenancr. — Druck v. S. Frennd'S Witwe u. Comp, in Prag.