Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 7 (22.12.1864)
- Date
- 1864-12-22
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/9050333-9088672-9050395--0066-9050398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
59 — anschmicgcn, bei* Lebrcr vermag hier iirir mittelbar einzuwirken; der Stil kann'eben auch nicht gegeben werden; — er ist gleichsam die letzte Frucht der ganzen, gcsammten Erziehung, des ganzen, gelammten Unterrichtes. — Auch das wollen viele Eltern durchaus nickt ciuschcn und begreifen, 2o wenig den Haien zu gravitätischen, würdevollem Gange, so wenig ist man oft im Stande das 5tind zu bedächtiger Neslexion zu veranlassen. Was Wunder also, wenn der Ausdruck meist den sprunghasten, verworrenen Eharakter deö Ideenganges zeigt?— Mit der Inspektion von Seiten der Gemeindenist es also jedensalls eine mißliche Sache, wie wohl wir sie nicht mit ihnen, mein lieber Herr B. i. D! unbedingt perhorreseiren. — Unsere Gemeinden repräsentiert leider ein vielköpfiges Regiment, das jeder strassen Centralisation ermangelt/— Einem solchen die Oberaufsicht anvertraucn, hieße allerdings dem ungeziemendsten Einflüße Thür und Thor öffnen. — In so fern aber jedenfalls bei den Mitgliedern der Gemeinde der beste W i ll e vorausgesetzt werden kann, und..sie in erster Reihe bei t-. ■ Sache intercssirt "sind, in so fern muß auch in dieser Frage ihnen jede mögliche Derüchsichrigung werden. — Sehen wir nun, ob wir diesem guten Willen nicht auch vielleicht die Befähigung beigesellen können! — Ta fällt natürlich unser Blick zuerst aus die Rabbiner. — Aber auch von einer Oberaufsicht von Seiten der Rabbiner wollen Sie nichts wissen, und Sie meinen hierin der Beistimmung aller ihrer Collegen sicher zu sein. Auch wir möchten Ihrer Ansicht beipflichten — aber in noch weit weniger unbedingter Weise.! — Die faktische Ausschließung der Rabbiner vom Jnspektionsrechte beschränke sich aus die Personen, treffe aber nicht den Stand. — Freilich, in so lange der größte Theil unserer Rabbiner einem ganz andern Felde seine Thätigkeit zuwcndet, wo allerdings Lorbeeren reichlicher und zugleich billiger zu ernten sind als auf dem etwas steinigen Baven der Schule, so lange er seiner Mission nur von der Kanzel herab genügen zu können vermeint, so lauge werden wir, uns gegen eine bloß formale, aller Wesenheit bare Beeinflussung der Schule von ihrer Seite sträuben. — Aber vergessen wir bei alledem nicht, daß Natur wie geschichtliche | Entwickelung— besonders im Iudcnthum—- gerade den Rabbiucn j die Pflicht der Iugcndbildung auserlegeu. — Sollte je bei unseren Rabbinern die Eiitsicht eine allgemeine werden, daß cs eben so unmöglich ist, ein bereits auf Abwegen begriffenes Geschlecht selbst durch die glänzendste Beredsamkeit wieder aus die Bahn des Rechten zu leiten, wie wiederum verhältnißmüßig leicht, in > jugendliche Gemüthcr dauernden Samen des Guten zu senken, so werden sic — acht im Geiste des Talmuds und unserer Weisen — wiederum die Synagoge in die Schule verlegen, und zu der ältern, richtigern Anschauung zurückkchrcu, vermöge welcher das Gotteshaus nicht bloö „Schule" hieß, sondern auch war. Also weil weder die Gemeinden noch unsere gegenwärtigen Rabbiner ihrem größeren Tbeilc nach befähigt, daher auch nicht berufen sind, bie Oberaufsicht über unsere Schulen zu üben, darum meinen Sie, lieber Herr B. i. D., kurzweg, solle cs bei dem Status quo bleiben, und die katholische Geistlichkeit ferner mit dem Ehrenrechte bekleidet sein, auch den jüdischen Schulen Norm und Haltung vorzuzeichncn! .■— So präocupirt scheinen Sie von dieser Ansicht, daß'Sie selbst das Prineip der Gleichberechtigung zu Hilfe rufen. — Du lieber Himmel! „Katholische Geistlichkeit" und „Gleichberechtigung!" Wenn es wahr ist, was Sie en passant bemerken, daß unser Unterrichtsrath sich jetzt ernstlich, mit dieser Frage beschäftige, so können wir unsere! Freude darüber — die Sie vielleicht Schadenfreude nennen werden — nicht verhehlen, ihre Ansicht durch so schwache Gründe gestützt zu sehen, daß dieselbe wohl nickt Aussicht hat, sich'''nr den maßgebenden Kreisen geltend zu machen. Sie meinen, der Geistliche erscheine nicht als solcher in unseren Schulen, sondern als behördliches Organ, und so wenig es ein ausschließlich jüd.; Gerichtsverfahren geben dürfe, so wenig gebe es auch eine ansj schließlich jüdische Schulinspektion! — Sehen Sic nun lieber! Herr B. i. D., ohne „Bollblutsemancipationsrittezu sein, wie Sie sich ausdrücken, Hütten wir doch hiergegen allerhand! Bedenken, die wir Ihnen auch offen und unverholen in einem j nächsten Briefe aussprcchen werden. - . Litt Wort über Denk dir ein Bild aus Nosenglurh und Lilienschnee ge-! woben, und du hast —'däs^Prager jüdisch-theologische Semij mir. Es gab eine 'Zeit, und diese liegt uns nicht gar ferne,; wo jüdische Theologie, d.i. Talmud und Wissenschaft, zwei Be- 5 griffe waren, die einander vollkonunen ansschloßen, die Bearbei-! ter des Talmud dachten 'nicht an die Wiffenschasr, und die Wis-! enschasr wußte von dem Talmud keineu Gebrauch zu machen.! Als daher in der zweiten Halste des vorigen Jahrhunderts das Licht der Aufklärung in die bis dabin hermetisch geschlossenen Ghettos zu bringen begann, waren die Jlluminaren darüber einig, daß der Talmud mit Haut und Haar, je eher je lieber, über j Bord geworren werden müsse. j Bieter Standpunkt ist nun, Gort sei Dank! ein nberwnnj bcucr. Gelebrre, die der Wiffenschasr ibr Leben geweiht und im! Stlldium deS Talmud ergraut sind, haben nach manchen mühj fmn durchwachten Nächten gefunben, daß der Talmud nicht nur; eine wipenichafrliche Behandlung geüarcer, soridern eine solche! sogar brirrenb fordert. Wir können den Talmud in allen seinen j agadischen und in den meistert seiner halachischen Partien nur ' dann erst recht verneheu, wenn wir uns mit der ganzen Bildnngsstrlse der damaligen Welr, der Griechen, Römer und Orientalen, j hinlänglich vertraut machen. Nie c minder ist es klar geworden,! daß beinahe alle Zweige der Wissenschaft, die Philosophie,, die j Philologie, die Archäologie, die Geographie, die Geschichte u. s. w. in dem Talmud eine reiche Ausbeute finden.! Waböinerschulen. . - Tie innige Bereinigung des Talmud mir der Wissensckaf derjenigen. Elemerrre, die ehedem für die heterogensten gehalten wurden, hat zu den schönsten zu den herrlichsten Ergebnissen ge» führt, wie nach der ralmudischen Kosmonogie der schölte blaue Himmel ans Feuer und Waffer geschaffen wurde, und wie die Zend-Avesta die HimmelSgnelle „stnrigeS Wasser" nennt. — Die erste Aufgabe einer jüdisch-theologischen Scknle der Gegenwart wird es nun sein, ihren Jüngern die Urkunden des traditionellen Judenrhumes nicht in ihrem srüheru schroffen Gegensätze zur Wissenschaft, sondern vielmehr in ihrem nnmnehrigen freunt'Iuten Verhältnisse zu derselben zu zeigen. Oder sollen wir es darauf ankommen lassen, daß unsere angehenden Rabbiner den harten, gefährlichen Kampf eines ganzen Jahrhunderts in der eigenen Brust noch einmal durchkämpfen? soll marr ihnen den Weg nicht zeigen, der eigens für sie gebaut untre? So beiläufig dachten die Gründer theologischer Lehranstalten in neuerer Zeit, unb darum ließen sie es sich angelegen sein, in idren Lebrsälen Talmud und Wissenschaft in gleicher Weise zu pfiegen. Ganz anderer Ansichr siird die Fondaroren der prager Talrnud-Tora, sie sorgen nur für ben Talmud-Unterricht und zwar in der Weise, wie er vor hundert und vor zwei hundert Jahren geleister wurde, irr Bezug ans die Wissenschaft aber verweisen sie den Zögling an die Universität. Ans Feuer und Wasser ist dereinst der Himmel hervorgangen, aber es bedurfte dazil der schöpferischen Hand, welche die verstchiedenarrigen Elemente mir gleicher'