Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 7 (22.12.1864)
- Date
- 1864-12-22
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 - 9.'ou dieser lieberZeugung cuiöjjc ctib, haben wir daher von vornherein cs uns als Richtschnur vergczeichnct, leine nach Form wie Inhalt berechtigte Darlegung einer Anschauung unseren Fern vorznenthaltcn, ohne aber je ein Hehl daraus zu machen, in wie fern wir mit derselben übcrcinstimmen oder nicht. — Mögen dann unsere Leser selbst prüfen, und sich für die eine, oder andere Ansicht entscheiden. — Das scheint uns der beste, zugleich aber auch richtigste und würdigste Weg, die öffentliche Meinung auszuklärcu und zu leiten; denn unsere Zeit ist nicht minder dem materiellen wie deni geistigen Terrorismus abhold. — Aus diesem Grunde ließen wir daher denn auch Ihre uns freundlichst zugesendctc kleine Arbeit, unbehelligt durch unseren Redaktionsstift pud unverkürzt, zum Abdruck gelangen. Was nun Ihre Auseinandersetzung betrifft — um endlich zu unserem eigentlichen Thema zu kommen — so läßt sich nicht in Akstede stellen, daß sie wenigstens die Bcrwandtschaft mit allen -philosophischen Deduktionen zeigt, als sie stark im Vcr- 'ueiucn ist. Sic wollen den Gemeinden nicht die Bcfuguiß cingeräumt sehen, die Oberaufsicht über ihre eigenen Schulen zu führen. — Allerdings steht der Pflicht, ziw Erhaltung einer Schule beantragen, die nach unserer Uebcrzeugung nicht blos den Eltern, sondern jedem, wenn auch un b e k i u d e rl e n Gcmeindcmitzlicde obliegt — weil ja au dem wohlthätigen Einfluß einer guten Schule Alle, ohne Ausnahme partieipiren — dieser Pflicht steht nicht auch unbedingt das Recht zur Seite, der Schule zugleich „den Weg vorzuzeichnen, den sic gehen solle." Wohlgemcrkt, wir sagen unbedingt, worüber wir uns später weiter erklären werden; denn von vornherein müssen wir einräumen, daß der Drang, die Schule gewissenhaft zu überwachen, doch offenbar bei jenen am stärksten sein muß, die unmittelbar an ihrem Bestände bcthciligt sind — bei denen daher, auch bei völligem Abgang der hiezu nöthigcn Befähigung, doch jedenfalls der beste Wille vorausgesetzt werden muß. — Nun wiegt uns guter Wille, der eben auch nicht immer der Befähigung zur Seite steht, jedenfalls so viel, wenn nicht mehr als die Befähigung selbst.— Bei alledem jedoch läßt es sich nicht läugnen, daß das größte Nebel, an dem viele P.ivatinstitute kranken, — ist, daß ihre Leiter, zu ängstlich besorgt um die Zukunft ihrer Anstalt, nicht Festigkeit genug zeigen, um den nicht selten höchst unvernünftigen Ansprüchen einzelner Parteien gegenüber mit Energie ihre bessere Ueberzeugung, ihre richtigere pädagogische Einsicht zu vertreten, und dadurch eigentlich erst in Wahrheit das Fundament ihrer Anstalt untergraben. — Ja selbst die besten und würdigsten Privatschulcu haben schwer genug gegen die Eonsequcnzen des mehr im Gasthause als in der Schule bcrcchtigien Grundsatzes anzukämpfcu: „Für sein Geld kann Jeder auch reden." Hierin sine nun die öffentlichen Schulen unzweifelhaft im Vortheile unc> müssen es selbst zum Heil der Privatanstaltcn sein, wenn nicht das ganze, gesammte Erzichnngswcscn eines Staates in eine chaotische Verwirrung gerathen soll. Göthc sagt: ' Man könnte wohlgezogcne Kinder gebären, Wenn nur die Eltern selbst erzogen wären. ^Ja, hätten die meisten Eltein selbst in ihrer Jugend eine gute schule durchgemacht, und einen systematischen Unterricht genossen, so würde sich mit ihnen eher reden und ein Einversiändniß leichter erzielen lassen. —■ Wie aber jetzt die Dinge stehen, erhebt jeder, je nach seinem eigenen Bildungsstande, nach den Absichten, die er mit seinem Kinde vor hat, ooer auch kurzweg nach seinen Launen eigene und besondere Ansprüche. — Schreiber bicses, selbst noch vor kurzer Zci! praktischer Lehrer und Leiter einer Lehranstalt, hat dies vielfach erfahren, uno er gesteht offen, nicht die bei den Kindern zu überwindenden Schwierigkeiten — fo lstcn; diese auch sind — haben ihm den Lehrcrbcruf verleidet; denn (Geduld und methodische Gewandtheit führen, wenn auch zuweilen langsam, doch endlich sicher zum Ziele, sondern die mituriter aller Ein- und Rücksicht baren Prätentionen der Eltern. a i;t z. B. das leidige Rechnen, ein Lehrgegcnstand, dessen Bedeutung für die Lchnlc wir keineswegs unterschätzen — aber gerade hier uiacht stch der Einfluß der Eltern oft in mngcbühri stier moeisc geltend. Wenn mancher Vater endlich gar nichts j hat und weiß, womit er Lehrer wie Schule ncrglc und quäle, > so wirft er sich aufs Einmal Eins. — Hierin glaubt nun Jeder j kom petent zu sein.! Sollte man nicht meinen, daß schon selbst ans dieser j Thatsache, daß Jeder über den Rechenuntericht sich ein Urihcil, > demnach wohl auch die nöthigc Kcnntuiß des Gegenstandes | zutraut, Balsam genug für die wunden Herzen jener Eltern! fließen müsse, die das ganze künftige „Soll" und"'„Haben" ' ihres Sprösslinges schon derangirt scheu, weil für den Moment I noch ihm die Geheimnisse der wälschen Praktik gerade so ver-! schlossen sind, ustc jene einer andern Praktik, von der in den Ge-'! richtSsälen so häufig die Rede ist? — Run ist cs aber eine j Erfahruiig, die jedem denkenden Pädagogen sich bald ausdrängt, j daß der L-iun eines lindes noch zu flüchtig und unbeständig sei, j sein Geist, so zu sagen, noch zu ivenig Beharrungsvermögen besitzt,! um auch das einfachste Rechcnercmpel mit Ruhe und Nüchternheit; durchzudcu:it und zu erwägen. — Mit einem glücklichen Jni stinkie begabt wehrt das Kind den Ernst des LcbeuS so lange! von sich ab, als es nur kann und vermag; mehr in der lufi tigen Welt der Phantasien als in der prosaischen Wirklichkeit j heimisch, zu flatterhaft und sorglos, fühlt es noch nicht die! ganze gewaltige Differenz zwischen Addition und Subtraktion; —! mit einem Worte, noch hat an dem harten Wetzsteine der Noth- ' wcndigkcit sich sein praktischer Sinn nicht gerieben und geschärft. — j Warum soll man nun mit aller Gewalt und austürmcnd gegen j jeden natürlichen Entwickelungsgang den kindlichen Geist auf ein j Ziel hiudrängcu, das er einst bestimmt und sicher erreichen wird, . sobald nur die Zeit dazu gekommen. — Solche und ähnliche j Vorstellungen machten wir oft den Eltern, die sonst mit allem; zufrieden zu fein erklärten, nur nicht mit dem „Rechnen;" wir! wiesen auf das Beispiel des gemeinsten „Höcklerwcibeö" hin, das I trotz des ersten Buchhalters seine Kassa m Ordnung zu ballen! verstehe, und wiewohl es ihm leicht passiven könnte, den Namen! „Regel de Tri" als Bezeichnten eines amerikanischen Dorfes zu; nehmen, doch mindestens sich nicht so , leicht zum eigenen j Nachtheil verrechnen werde, — woraus eS doch im praktischen! sieben^ eigentlich nur ankomu'e. — Mi: allem Eis.r nahmen wir! die Sorglosigkeit, den meist teichsertigen Sinn des Kindes in > Schutz, und boten unsere ganze Kenntniß der Psychologie auf, um nachzuweisen, daß es in der Regel nicht anders fein könne,; daß Roth nicht nur beten, sondern auch rechnen lerne; — ver-,! gebens. Um des ewigen Disputes los zu werden, mußte man sich i zu Conzesfiouen verstehen, sich und das Kind abmartern, ohne! ein anderes Resultat zu erzielen, als das vorauszuschen war. —! Das Kind lernte endlich mit Sicherheit die Ziffern behandeln — | das sogenannte mechanische Rechnen — die Frage aber, wieviel j dreißig Aepscl kosten, wenn man für drei Kreuzer sünfe bekömmt, > blieb ihm, aller angewandten Mühe und methodischen Kunst un-! geachtet, in der Regel so transccndental, wie diestch cre Berech-! nung der Komctenbahn dem Astronomen. — Daher dann die j vielen Klagen über mangelhaften Unterricht besonders im Rechnen,! wobei es doch nur zu verwundern, daß trotz alledem der Ruf i unserer Nation — eine eminente Begabung für den Geschüsts- und Handels-Verkehr zu besitzen — noch keinen Abbruch gelitten. I Die praktische Sicherheit im Rechnen erlangt man eben ' erst im praktischen Leben; — keine Schule kann diese gewähren, da sie, ihrer Natur nach, wie überhaupt alle Lehranstalten, von! der Volksschule bis hinauf zur Universität, eben auch ciue bei j weitem überwiegende theoretische Richtung hat uud haben muß.—! Erlangt nicht auch der Jurist erst in der Kanzlei die sichere Gewandtheit in Behandlung der Geschäfte, die vielleicht seinem j Professor selbst abgeht, — und muß nicht selbst der theoretisch : dnrchgebildeteste Techniker ziemliche Zeit bei dem „Maschinenführer" noch in die Schule gehen, bevor man ihm die Leitung eines^ Eisenbahntrains anvcrtraut? Ein ähnliches Bewandtniß wie mit dem Rechnen hat es auch mit dem Briefstils — Auch dieser ist das sichere Ergcbniß des langsam gereisten Sprach- und — wa? man meist übersieht — Den tvermogcnö; zuerst muß das Kind Gedanken haben, daun diese sichten und ordnen lernen, daun wird auch der Ausdruck sich regeln und dem Gedanken eng wie ein kuapves Gewand