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Das Abendland · 1864-12-15 · 6 (15.12.1864) · p. Seite 51

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Journal
Das Abendland
Volume
I (1864)
Issue
6 (15.12.1864)
Date
1864-12-15
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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- 51 — fcurdj Ncnchlin, jedenfalls ein Schüler der Inden, es in feinen Briefen nnninwnndcn allsspricht, welche Vorlheile ibm feine Kenntnis der hebräischen Sprache bringen, wie er ihr feine eigentliche Ueberlegenbeic über feine römischen Feinde verdanke und wie er wünsche, kaß alle seine Anhänger eS ihm in seinen Bemühungen gleich kenn möchten, so dürfte wohl der Werrh der vom Iudenlhmn ciiiö Liebe aufbewabrten Tradition nicht geringe anzuschlagen sein. I>r der Thac — nur durch seinen Hebraismus wurde Luther'für die Neuzeit daö, was er wirklich ward, nur durch ihn wurde aus dem scharfen und derben Pvleiniker der große und positive Reformator. Tenn, wenn die Argumente, die er - gegen Rom losließ, zwar den scharfen Spitzen glichen, die dessen gepanzerte Haur, wie empfindlich auch, doch immer nur ritzten, so diente dagegen der benutzte Hebraismus ihm bald zum wuchtigen Schafte, mit dessen mächtigem Nachstöße er das Herz und die Lebensrheile des Feindes erreichte. Tie Phtlosophie, sagt man, ist 'dem Protestantismus eoahlverwandt, und dessen natürliche Conseauenz, sie ist es nicht minder dem Inderrthmn als dem Protestantismus. Freilich nur bis zu jenem Grade, wo sie mit seinem strengen, icharsgefaßten und unerbittlichen Deismus zusammenfallc, freilich nur bis zu jener Stelle, wo sie in den negativen, alles auflösenden Materialismus zerfließt: bis zu dem Punkte, wo Glauben wie Wissen in gleich unfaßbarem Skeplicismus untergeben. Innerhalb dieser weiten Gränzen (und sie umfassen Staat, Sittlichkeit, Gesellschaft, Recht und Kultus^ war die Spekulation und auch die Grübelei seit Kohelecb dui.b keine Schranke gehemmt, und gibt es keinen Glaubenssatz .selbst über die Narur der Engel und die Unsterblichkeit der Seele bis zur abergläubischesten Volksmeinung berab, welcher nicht zu Zeiten als Gegenstand der Disruralion und als offene Frage behandelt wurde. So war Freiheit des Denkers wahrend des ganzen Mirrelalrcrs im wahren Sinne des Wortes nur im Iudenthume einheimisch, und nur das Iudenrhum erzeugte philosophische Spekulation, welche an Tiefe und Feinheit wie an Freiheit nicht unwürdig des alten Plaronismus war. Und in der neuern Zeit—brauchen wir an Spinoza zu erinnern? Spinoza, dieser nüchterne, belle, aller Schwärmerei abgewandre und doch so begeisterungsfähige Denker ist Jude und kann nur vom Standpunkte des Iudenthums aus eigentlich begriffen imb verstanden werden. Man weiß, daß Spinoza und seine Philosophie den christlichen Denkern viel zu schaffen machte, und wie jede neue philosophische Generation ihn stets hervorgezvgen und bewundert har; nicht minder bewußt ist es, wie die neuere klassische Literatur der Deutschen in Lessing und Herder, Göthe wie Schelling vom SpinoziSmus so zu sagen durchrankt ist. Man har Spinoza lange nur im Gegensätze zum Iudeurbum und seinem Prinzipe anfgefaßt,— mit Unrecht denken wir. Tie Denktreiheir und Rücksichtslosigkeit des Spinoza sind nichts Exzeptionelles im Iudenlbum; es gab freie Denker, ja Soinozisten im Iudenthume vor Soinoza, und eS gab bereit nachher. Die eventuellen Verfolgungen, nicht eben häusig und mebr aus Leidenschaft deml aus Prinzip entsprungen, werden von den Betroffen u nicht selten berausgesorderr, und das gerc zle System rächte sich au seinen Beleidigern, was wir beklagen, doch bei Kenntniß der menschlichen Natur zugleich begreifen. ' Das uralte Prinzip des Mosaisnrns, den Menschen äußerlich zu fesseln, um ihn im Innerit bis zu einem gewissen Grade um so sicherer zu emanzipiren — und die äußere Fessel gilt der menschlnoen Beschränktheit, die Freiheit dem ewig ttnfaßb areri, immer über den Dingen schwebenden Geiste — dieses Prinzip galt zil Spinozas Zciteir wie früher und nachher, und cs wird wobl gelten, so lange cs gesunde menschliche Neunren gibt. Freilich wird der Ucberschuß des Geistes selbst bei vollziigemcssener Freiheit des Gedankens sich stets voraussichtlich gegen das Positive auflehnen, es als Fessel seiner Freiheit zu vernichten streben; beim der Gein ist stets die Negalion des Positiven, der überlieferten Lehre. Aber erleben wir es nicht täglich, daß eben dieser aufschäumende Geist im zweiten Stadium ooch inlnier wieder zürn Positivere zurückkehct? So. rvie der Geist der positiven Basis bedarf, um von ihr ans seiner! Flug zu nehmen, so bedarf er wiederum des positiven Boderrs, nm auf ihm sich niederzulassen und auszurnhen. Die Frage ist ali'o nienralS zwischerrdern Geist nrrd dem Positiven, sondern zwischen dem einerr Positive!! und dein andern. — - , ,Die Wichtigkeit der Eristenz und Erhaltung einer uichtchristlichen Tradition und Cultur für das Prinzip der Toleranz selbst und ihre Einführung in die religiöse Politik der Staaten hat unser tolerantes Zeitalter noch immer rricht recht begriffen. Weil das Prinzip der Toleranz uns jetzt so natürlich klar und sich von selbst verstehend erscheint, so meint man sie als absolute Nolhwendigkeit zu üben, und vergißt es, daß gerade das.Einfache und Klare erst nach vielen Unklarheiten und Verwirrungen zum Durchbruche kommt. Die religiöse Toleranz in der Verwaltung der Staaten ist kaum ein Jahrhundert alr, und ihre unbedingte Uebung dattrt erst seit einem Iahrzehcnde. *—>. Früher hielt man religiöse.Einheid für ein so unbedingtes Ersorderniß der Eriftenz der Staaten, wie jetzt aus gleichen Gründen die Einheit der Nationalität. Das Ehristenthurn aber konnte den Begriff der religiösen Toleranz' wie der religiösen Freiheit nie aus sich selbst erzeugen; beim die Toleranz setzt etwas Tolerirtes voraus, und das Christenrhmn tendirt zur allgemeinen Verbreitung. Jede seiner Setten behauptet die allgemeine Wahrheit für sich allein zu besitzen, den Anspruch auf allgemeine Seligkeit allein zu vergeben. Jede ist ihrer Natur nach daraus angewiesen, die aridere zu beeirtträchligen und zu absorbiren; 'hiezu kommt noch, daß sich die christlichen Sekrerr nicht bloS als religiös, sondern auch fals politische Parteien gegenüberstehen, und der dogmatische Streit durch Rivalitäten und Eristenzfragen stets geschärft und vergiftet wird. Man weiß, welchen Aufruhr die Hussiten- Bewezung, welche Umwälzung und Zerstörung die Reformation in allen Ländern in ihrem Gefolge hatte. In Deutschland, Frankreich, England und Polen gibt die religiöse Opposition das Signal zum Bürgerkrieg, und ward der Frieden stets nur durch Trenrrung und Unterdrückung heroeigeführt. Tie Staaten werden zu exklusiven Sektenstaaten gestempelt, und das Toleranz- Prinzip, irnmer nur vott kriegerischer: Religieusparteien vorgeschützt und dann verläugner, mußte unwirksam bleiben. Nur die Eristenz einer Sekre ohne politische Bestrebimgen, einer Kirche ebne kirchliche Erpansionslust lehrte die christlichen Völker praktisch. daß religiöse Verschiedcnheiter: die soziale Vereinigung nicht uvthweudig beeiiurächtigeu, und machte selbst christliche Sekten und ihre Lehrer die Bedingurlgen erkeuueu, unter welchen aita? sie die Religion ohne politische Eingriffe überall üben durf-- Das Indeitthum, das seine Eristenz ans dem Alrerthum in die Neuzeit hinüber rettet und der Ehristianisirung irr: Mittelalrer widersteht, hat auch die Toleranz der christlichen Welt gerettet, an ihm lernten sie zuerst dieses Prinzip erproben und schätzen, lernten sie es üben. Mitter: unter den Gräueln des spanischer: Krieges öffnen die Staaten Hollands Häferr und 7*

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