Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 6 (15.12.1864)
- Date
- 1864-12-15
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 50 — bi»den, klug zu sein; und religiöse Uebuug und Lehre, wie wir sie uugcschcur üben, wird wohl höher stehen als jedes philosophirende Wortgcplänkel. (5s vcrlangr uns also, wie gesagt, so wenig nach zweischneidiger Apologetik, die nur der eigenen Partei Genugthnung gewährt, die Gegner aber schwerlich überzeugt, as wir nach dem übrigen Apparat.religiöser Poleinik lüstern sind, welche finstere Zeitalter zur Unterstützung glanbcnswankendcr Gemüther und Uebersanatisirnng der Herzen ins Werk gesetzt haben. Dennoch aber bei aller friedliebenden Selbstvcrlängnung hieße es uns doch vielleicht zu viel zninmben, sollten wir Bekenner des Zndcnthnms die Ernten; und Lebensfähigkeit der jüdischen Kirche als eine bloße Thatsache hinnebmcn und uns begnügen, eine Idee zu kuldtivirerr, ohne deren Werth und Tragweite im Range moderner Entwicklung ernstlich zu würdigen. Niemand lebt gerne im llnkla-. 'ftcn, Unverstandenen und Halben; denn Klarheit, sich Rechenschaft geben von dem, waS man ist und will, ist eben ein Bedürfnis der menschlichen Natur. Ein Zudemhum als eine bloße Thatsache, als eine nackte, fremdartige Erscheinung, als ein blos Ueberliesertes und Ueberkommenes, als ein Bestand obne Wirksamkeit, erscheint uns nicht mit Unrecht als ein leerer Schatten, als eine Nichteristenz in der geistigen Welt. Wir könnten unmöglich einem religiösen Systeme unsere Sympathien erhalten, welches keinen andern Anspruch an uns hätte, als uns eine schwere Last, ein hohles Unterscheidungszeichen zu /ein. — Glücklicherweise ist eine solche Entsagung nie möglich, mit dem Wesen des freien Denkens unvereinbar, und würde eine solche Verlegenheit des aufrichtigen Anhängers des Iudentbnms nur so lange dauern, als er seine Religion nur in abstracto, nur in dem landläufigen Schematismus ins Auge faßte, nur etwa im Lichte theologischer Lehrbücher, und, wenn es hoch kommt, eines anphilosovhirteu Systembegriffes. Eine eingehende Betrachtung der Geschichte und der historischen Momente, d. h. der geistigen, Bewegungen der letzten Jahrhunderte,und des Wesens ihrer Mächte, müßte sie bald schwinden machen, und wer die Resultate der .^iMpfe ernstlich durchdachte und aus die letzten Ouellen der religiösen und politischen Erscheinungen znrückginge, würde bald wabrnebmen, daß die angebliche Absorption des Indenlhumö und sein Einschrumpsen in den engen, nationalen Schranken nicht so absolut zu nehmen, daß vielmehr das Iudcnthnm als ein geistiges Prinzip noch immer eine wirkende Kraft sei. Die Erfahrung und Beobachtung des wirklichen Ganges der Dinge gewährt auch hier wie in vielen anderen Dingen ganz andere Resultate als das tradirre Svstcm. Sebcn wir es nicht, daß das Indenthum, als solches so wenig genannt, und als Kirche ohne politisches Gewicht, doch durch seiner Bekenner geistige Fähigkeit und' Thätigkeit, durch die Denkmäler seines Genies lange Jahrhunderte gewirkt hat und noch immer wirkt? Das Indcnrbnm, das von den Systemen längst rödtgesagre, hat fast alle Systeme übörlebt und seine angebliche Verwahrlosung und Verkrüpplung ergab sich nur als eine Maske, hinter der das ffrische, warme Leben nur um so voller pnlfirte! Die Tharsache, .nicht wie im Altcrthnme eine äußere politische Nolle zu spielen, wird durch die aridere, viel prächtigere ausgewogen, daß san alle gcinigen Bewegungen der letzten Jahrhunderte, mit Ausnahme der Naturwissenschaften, rheilS durch das klassische Alterst"" in seinen Nellen, rheils und noch mehr durch die kaum fühlbare, aber nichts desto weniger wirksame mittelbare Einsinl.nabittdes lebendigen Indcnthnms veranlaßt und gebildet find. Man wird uns hoffentlich keiner nllzugroßen Kühnheit in unfern Behauptungen bezichtigen, wenn wir ein solches Verdienst für das mißachtete Indenthum in Anspruch nehmen, da die Facta selbst in Aller Bewußtsein sind, nur i» anderer Form gefaßt, dargerhan und dem Bewußtsein übermittelt; dieser Umstand aber wohl keine Tathsache ändern oder ncgiren kann. Oder hat jemand gelängner, daß Lurbers Bibelübcrsetznzigtn ans dem Originale das Hauptwerk, der Hanptgrnndstcin, die Urbasis des deutschen wie jedes Protestantismus überhaupt bilden? oder daß Spinoza, bis zum vorigen Jahrhundert der größte moderne Philosoph, der erste freie und konsequente Denker gewesen? Kann man behaupten, daß die moderne Bildung im Gegensätze zum proreitantischen ans dem Urquell der Tradition schöpfenden Geiste steht, und daß moderne Freiheit und Reckt im Widerspruche zum philosophischen Ideale der ewigen Rechlsnorhwendizkeit und Mensckgottähnlichkeir entstanden find? Im Gegentheile! Und hat mau jenes nie gelängner und dieses-nie behauptet, so wird man auch consequcnterweise wohl nichrverweigern, den Einfluß des jndischenElemenreS zuzugcstehen, das an diesen Tchatsachen einen Haupttheil har. Wir wollen uns deutlicher erklären: Der Protestantismus in seiner ursprünglichen Natur (und er hat diese Ursprünglichkeit nirgend ganz abgelegt) — ist offenbar nichts als ein Znrückgreiftn von einer neuern Tradition ans eine ältere reinere Tradition gewesen, nichts anderes sagen wir, als ein Vertauschen dieser neuen Tradition gegen eine ältere, eines weniger gebilligten gegen ein bester geglaubtes Positives. Er mußte dies sein, wenn er seinen rechtlichen Prozeß, seinen rechtlichen Protest bewähren, nicht in eine offene Empörung ausarten, wenn er seinen Charakter als religiöse Bewegung aufrecht erhalten und schützen wollte. Aber diese Taktik und die Möglichkeit derselben setzt das Dasein und die Erhaltung einer altern Tradition neben der neuern voraus: setzt voraus, daß dieses Positive dein andern entgegengehalten und mit ihm verglichen werden konnte. Wir stehen keinen Augenblick an auszusprechen, daß das Verdienst der Erhaltung dieser Tradition für sich wie rür die moderne Welt ein speziell jüdisches Verdienst ist: ein Verdienst, das in seiner ganzen Größe nur anS den Verfolgungen und Anfeindungen ermesten werden kann, die das Indenthum während des MiltelalterS erleiden mußte. ' Die hebräischen Schriften des Alterthnmcs, auch des ersten Mittelalters, ans welchen uns die freie Bibelforschung, die Entbindiliig des Gottesworts, das freie und klare Denken über religiöse und andere Dinge geworden find, nären wohl mit dem Iudeilthnme untergegangen und beseitigt, wenn dcffen Widerstandskraft geringer, hiirgegen »'ein Hängen an der Welrlust größer gewesen wäre. Dem Laien völlig nilbekannt, als ketzerische Monumente mißachtet von der Unwissenheit; —■ von der hierarchischen Politik gleich den heiligen Schriften der ältesten Anhänger deS Ehriirenthnms, gleich den Schritten der geistbegabren Gaostiker verpönt, wären sie nur in kümmerlichen Ueberreslen und in aneroritativen vielleicht intcrpolirrcn Uebertragnngcn :,nd Auszügen zugänglich. Das Indenthum in seinem felsenfesten Ansharren bewahrte sie ftlr die Zeit, die sie hervorholen und als Waffe benützen sollte-, es hütete den Schatz, den Nieniand kannte uitb über den sich die Well in fremmcv Unwissenheit hinwegfttzre, mir der Treue eines an seinem Platze sterbenden Postens^ Nun der Schatz nach »'einem besten Weitbe in nirser Eigcnthnm gebracht ist, »'pricht man wohl »ilit Gleichgiltigkeit, ja mit geringschätzigem Mitleid von der Bewahrung eines Gutes, daS sich uns »'o voii selbst verirehr! Aber wenn L iroer, der Fn'orer der Reformation