Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 5 (8.12.1864)
- Date
- 1864-12-08
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 - Angehörigen, cm den heiinathlichcn Heerd, und ließ sich von! der heitern Aussicht, vielleicht ein großes Handlungshaus in! Poris bcgri'mdcnzu können, nicht verlocken. 2b er nicht kurze Zeit nachher die Ablchnnng des Antrages bereut haben mag? Denn cs kam daö besonders in der Geschichte des österreichischen Finanzwesens so vcrhängnißvolle Jahr 1811, und in dem allgemeinen Ruin ging auch sein kleiner, mühselig anfgcsührtcr Ban in Trümmer. DaS berüchtigte Finanzpatent brachte auch ihm um sein ganzes kleines vermögen. Aber er verzagte deshalb nicht, und bewährte in glänzender Weise die dem Inden durch den Drang der geschichtlichen Entwickelung tief cingcpflanzte Zähigkeit deS Charakters. Die stürmischen Kricgsjahrc gingen vorüber, es kam die Zeit, wo endlich alle geistigen Kräfte auf daS würdigste Zi.l, nänilich die Materie immer gefügiger zu machen;um Dienste der Menschheit, hingclenkt wurden, mit! andern Worten, cs kam die Periode eines beispiellosen Auf-! schwungcS der Industrie, vor Allein in den westlichen Ländern i Europas. Daß unser Oesterreich nicht ganz müßiger Zuschauer bei dieser allgemeinen Hausse der wahrhaft praktischen Tendeni zcn blieb, wie man ihm so oft vorgeworfen, könnte unter andern auch der kleine Ort Strakonitz beweisen, denn hier wurde,! kaum daß die KriegSfurie vorübergezogen, ein Industriezweig I begründet, um so bedeutsamer in national-ökonomischer Hinsicht,! als er ausschließlich auf Absatz im fernen AuSlande angewiesen! ist, daher mit einen Faktor des in Oesterreich noch so spärlich vertretenen Exportgeschäftes, die wahre Quelle alles Nationalrcichthnms ansmacht. Wir meinen natürlich die Fabrikation orientalischer Kappen. Einer der Haupthebel derselben war unser Moses Weil. Welcher Energie und Ausdauer es bedurfte, wie man mit der äußerst mangelhaften technischen Borbildung nicht nur der Arbeiter, sondern auch ihrer Leiter und der fast läcker-! lichen Unbeholfenheit der in der ersten Zeit angewcnderen Ma-! schinen zu kämpfen hatte, —war man doch sogar lange nicht im j Stande die Kappen selbst zu färben, und mußte sie ungefärbt j nach Wien gehen lassen, — daS zu beschreiben und näher anSein-! ander;u setzen, würde gewiß ein höchst interessantes Kavitel j in der Geschichte deS österreichischen FabrikswcscnS ansmachen, l besonders wenn man den heutigen Stand der Fabrikation in Berücksichtigung zieht: allein uns intcressirt hier vorläufig nur der Mann und dessen merkwürdiger Lebensgang. Moses Weil also waw wie bereits gesagt, Mitbegründer > dieses Industriezweiges in strakonitz. Unterstützt von den gro-! ßen türkischen Häusern in Wien, gelang es ihm endlich sich! emporzuringen, und wie man sagt, sich endlich fest im Sattel! zu behaupten. Es ist eine in der Geschäftswelt allgemein geltende Maxime, daß es „nur um die ersten Zehntausend zu thuu sei." Diese Maxime, im Grunde bloß eine Paraphrase des Sprichwortes: „Aller Anfang ist schwer," war damals noch viel wahrer als heute. Denn damals raubten die ersten Zehntausend noch nicht, wie heutzutage leider so oft geschieht, dem Manne seine Nüchternheit und ruhige Besonnenheit, rissen auch nickt ihn zu immer schwindelnderer Höhe waghalsiger Spekulationen empor, sondern waren ihm vielmehr ein warnendes Me- > mento, auf dem bisherigen» Wege zu verharren, die bisherige Wachsamkeit und Aufmerksamkeit nur zu verdoppeln, jedes leichtfcnige und leichtsinnige Gelüste von sich abzuwehren. DaS that denn auch unser Moses Weil, und wirklich bietet sein Leben von nun an blos eine fast ununterbrochene Kette von Triumphen. .namoem er jchon im Jahre 1815 in der Lage war, ärmliche Hütte seines Vaters in ein stattliches Haus umzu ftalten, gi nbcte er im Jahre 1820 ein für die damaligen 8 ten zehr umfangreiches Fabriksgcbäude. Dieses erweiterte > nach Zwischenräumen von nur wenigen Jahren immer m jl* ,l' lJtIlllcr mc^l‘ Häuser wurden anncktirt, und Gcbandceoniplcx. den heute daS Etablissement von Well r .omp. in ,-trakomtz umfaßt, würde wohl auch dem Bewob einer mdusiriellcn Großstadt „ehrlichen" Respekt einflößen - konnte nicht fehlen, daß Moses Weil bald die Aufmerksam der hohen und höchsten Kreise auf sich zog. Aus den zahlreicl Audienzen, wo der schlichte einfache Jude die ^nannigsachs Angelegenheiten mit einem Takte und einer Sicherheit des praktischen Urthcils zu vertreten verstand, die dem „geriebensten" Divlomaten Ehre gemacht haben würden, wollen wir nur die interessanteste hervorheben, nämlich seine Begeg .ung mit Kaiser Franz. Bekanntlich machte das österreichische Kaiscrpaar Franz und Caroline Auguste im Jahre 1833 zum lctztcnmale seinen Triumph/m durch Böhw:n. Strakonitz, auf der Berkehrsstrasse zwischen B idweis und Prag gelegen, hatte die (.^üugthunng, daö geliebte Herrscherpaar in dem dortigen Schlosse der Malthescrrittcr einen ganzen Tag cinquartirt zu sehen. Unter den ersten, die zur Audienz bcschiedcn wurden, war unser MoseS Weil. Kaiser Franz, selbst ein Mann von schlichter bürgerlicher Art in Denk- und Handlungsweise, verhehlte das Wohlwollen nicht, das ihm der natürlich mehr praktisch als formell in feinem Weltverkehr gewandte Fabriksherr cinfloßte, und ließ sich von ihm in längerer Unterredung über die ganze Manipulation feiner Fabrik aufklären. Endlich klopfte er ihm freundlich und mit dem Ausdrucke unverkennbarer Huld auf die Schulter. War eö ein Wunder, daß dem nüchternen Israeliten der Kopf etwas schwindlig wurde und er sich zu einer kleinen Unbedäcktigkeit hinrcißcn ließ?—Er bat nämlich den Kaiser um die Gnade, die Mühle, „die er bisher auf eines Christen Namen führe/' als eigenen Besitzstand grundbücherlich eintragen lassen zu dürfen. Das war nichts mehr und nichts weniger als das naive Sclbstcingeständniß einer Gcsetzübcrtrctung. Denn vor Allem war es damals uoch eben so streng gesetzlich wie durch herkömmliche Anschauungsweise verpönt, daß ein Jude mit einem Mehlmühlgcschäfte etwas zu lhun habe; das leidige Auskunftsmittel, daß Juden eine Realität „auf eines Christen Namen besaßen," war wohl vielfach stillschweigend tolerirt. nichts desto weniger aber im höchsten Grade nicht blos dem Wortlaute, sondern auch-dem ganzen Geiste der österreichischen Gesetzgebung entgegen. Man kann sich daher denken, mit welchen verlegenen Blicken die bei der Audienz gegenwärtigen Pisekcr Krcisbeamtcn sich bei dieser Äußerung des Israeliten ansahen. Kaiser Franz aber ließ ein gutmüthiges Lächeln seine ohnedies väterlich milden und gewinnenden Züge umspielen, und sprach, indem er mit einer Art Schalkhaftigkeit sein Auge auf den ziemlick verdutzt dastehenden damaligen Pisekcr Krcisbauptmann Maschka richtete: „Nun mem lieber Moses Weil, keine Regel ohne Ausnahme, schreiten Sie ein; wir werden schon machen!" Erst nachträglich erfuhr der Angeredete, welche Unbesonnenheit er begangen, die nur gegenüber der ersten Autorität dennoch von so günstigem Erfolge begleitet sein konnte. Als Erinnerungszeichen an diese Scene überreichte ihm die Kaiserin Caroline Auguste eine silberne, mit dem Datum des Audienztageö versehene Denkmünze. ' Die Folge dieses Ereignisses war, daß Moses Weil, vermuthlich der erste Jude in Österreich, das Reckt erlangte, eine Mahlmühle „auf eigenen Namen führen zu dürfen." Börne sagt irgendwo: „Frei sein ist nichts; nur frei werden ist Wonne." Aber im Grunde ist es mit allem im Leben so. So intcressirt uns wohl auch ein Mann am meisten in der „Sturm- und Drangperiode" seines Lebens, weniger schon, wenn er fein Ziel endlich erreicht, sich seine Stellung in der Gesellschaft gesichert hat. Bon dieser Ueberzeugung ausgehend, wollen wir daher auch dieses „Lebens- und Charakterbild" hier schließen, indem wir nur noch beifügen, daß Herr Moses Weil erst vor wenigen Jahren und im höchsten Greisenalter, durch Kränklichkeit genöthigt, sich von den Geschäften zurückgezogen hat, und die Lorge für dasselbe jünqern Kräften übertragend, heute der wohlverdienten Ruhe im Streife seiner Kinder und Enkel pflegt. Daß ihm jüngsthin die Auszeichnung zu Theil geworden, von Sr. Majestät unserem Kaiser, Franz Josef, den er bereits als Prinzen im Jahre 1847 in seiner Fabrik zu empfangen und in Begleitung höchst dessen erlauchter Brüder in derselben hcrnmzuführcn die Ehre hatte, mit dem goldenen Berdienstkreuze mit der Krone dekorirt zu werden, haben bereits alle Blätter und atich das „Abendland" in seiner zweiten Nummer gemeldet.