Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 5 (8.12.1864)
- Date
- 1864-12-08
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 35 Geschäftswelt so hochgefcierteu Diantcn icncn des M oses Weil an, ein?ianie zwar nicht von europäischem, aber doch von gutem Klange innerhalb der cngern Grenzen Böhmens und des österreichischen Lmates, ja sonderbarer und seltsamer Weise dürste die Firma Kloses Weil und Comp, bekannter sein in Aleppo, Smyrna und Cairo, überhaupt in der ganzen Levante als in Mamburg, Paris und London; denn dieser Mann und sein ihm vollkommen ebenbürtiger und würdiger Rivale, der bereits vor Jahren verstorbene Wolf Fürth, Stammvater des wohl rennomirtcn> Hauses Fürth in Strakonitz, ist es,-der in eben genannter Stadl die Fabrikation orientalischer Kappen, sogenannter Fes, in Aufnahme und Flor brachte, und diesem sonst nicht sehr bedeutenden Orte den ehrenvollen Beinamen einer „orientalischen" Fabrikösladt verschaffte. Doch wenden wir jetzt dein Avanue mehr und ausschließlicher unsere Aufmerksamkeit zu. lieber ein halbes Jahrhundert ist bereits verflossen, seit in der sogenannten Judengasse zu Strakonitz ein kleines unansehnliches Hänschen gestanden, das man füglicher „Hütte' nennen konnte. Hier lebte noch im Beginne des Jahrhunderts ein eben so schlichter, wie derber und ehrlicher jüdischer Fleischbauermeister Namens Maier Weil, e t Mann von achtem Schrott und Korn, den die Lorsehung n . keinem andern Reichthum bedacht hatte, als mit einer kns Vaters würdigen, gleich ihm derben uns kräftigen Nachkommenschaft. Seine Frau war das im vollen Sinne des Wortes, was man nach der damaligen Redeweise eine Znueh nannte, ein einfaches Weib, wacker und bieder und selbst wohlthätig so weit die eigenen, höchst beschränkten Mittel es erlaubten. Der jüngste Sprosse der Familie war unser Moses, den dw Vorsehung, so wie oft schon, doch dazu ausersehen hatte, das Haupt derselben zu werden. Moses Weil ist geboren im Jahre 1778, steht also heute bereits in dem höchst respektablen Alter von 86 Jahren. Seine Erziehung war natürlich dem patriarchalischen Sinne jener Zeiten gemäß so einfach und schlicht, als man nur denken kann — und der Unterricht, der ihm zu Theil wurde, so mangelhaft und unvollständig als nur immer möglich bei dem im Juventhmne nie ganz erloschenen Sinn für Bildung der Jugend. Allein der kleine Moses Hütte mit vollem Rechte von sich sagen können, wie jener S chäfer in dem bekannten Schwank vom Bürger: „ Versteh' ich auch keine lateinischen Brocken, „So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken/' Denn frühzeitig zeigte er schon eine solche Anstelligkeit und Rührigkeit, die den Vater zu der vollen Hoffnung berechtigen mochte, es werde ans ihm ein guter Bai mase maten werden. Kaum daß also unser Moses in der Normalschule zu Strakonitz nothdürftig Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt, als er schon angehalten'wurde, sich fein Brod zu verdienen. — Dazu ließ er sich denn auch sehr bereitwillig finden, gedrängt durch eine damals allerdings nicht seltene kindliche Liebe und Hingebung an die Eltern, und mit dem festesten Vorsatze erfüllt, das harte Loos derselben nach Kräften zu erleichtern. Stelle sich der Leser einen frischen, zwölfjährigen Jungen vor, wie er mit einem tüchtigen Knotenstocke bewehrt eine Waarensendung auf den Prager Markt begleitet, ein trockenes Stück Brod in der Tasche, dessen letzte Rinde, um nicht ganz unbenutzt weggeworfeu werden zu müssen, endlich in der Hauptstadt in einem Seidl Bier aufgeweicht und zum Genüsse tauglich gemacht wurde, wobei vielleicht nicht selten gar noch überdies Gewissensskrupel in der jungen Brust sich regten, daß man sich eine stv seltene Verschwendung erlaubte, während doch der liebe Gott gratis das Wasser zum Trünke gespendet — und er hat das Bild des künftigen Fabrikanten, dem Hunderttausende von Gulden zur Disposition stehen, und in dessen Auftrag nahezu taufend Menschen geschäftig die Hände zur Arbeit regen. — Zur Complettiruug des Bildes hat man sich noch den Jungen barfuß zu denken, höchstens mit einem Paar Stiefeln über die Schulter gehängt; denn eine Fußbekleidung bildete damals noch einen äußerst raren Lupus, wie folgende Anekdote beweist, die gleichfalls in Strakonitz spielt, und die wir uns um so weniger versagen können, hier zur Erregung der LachmuSkeln unserer Leser mitzutheilcn, als gerade die beiden Großväter des Schreibers dieser Zeilen darin die agirenden Persönlichkeiten sind. Des Biografen Großvater, von väterlicher Seite nämlich, war wohlbestallter Khilerebbe zu Strakonitz, mit einem Gehalte von ganzen zwei Gulden "„Schein" wöchentlich, also nach heutiger Währung 84 Kreuzern, womit er nicht nur sich und seine Frau, sondern auch eine zahlreiche Nachkommenschaft zu ernähren und zu versorgen hatte. Freilich verstand man sich damals in seltener Weise auf Oekonomie, ohne erst Vorlesungen an einer Unversität darüber gehört zu haben, oder wie man zu sagen pflegt, sich nach der Decke zu strecken. — Als nun dem gutem Rebbe einmal die Decke denn doch gar zu kinkpp wurde, schritt er flehentlich bei der Gemeinde um Aufbesserung seiner Revenüen ein, mit der Bemerkung, daß er nicht einmal im Stande sei, „Schichlech (Schuhe) für seine Kinder anzuschaffen; der Großvater von mütterlicher Seite, ein durch seine Jovialität und die Schlagfertigkeit seines Witzes wohlbekannter Mann, that bei dieser Gelegenheit die äußerst charakteristische Äußerung: „Wo hat man das sein Lebetag gehört, daß eines Rebbes Kinder sollen Schichlech tragen?' — Unter Entbehrungen und stetem Kamps mit des Lebens Noth wuchs so unser Moses heran. Bezeichnend aber ist es für ihn und stine Gesinnung, daß er heute im höchsten Greisenalter an nichts lieber denkt, von nichts lieber spricht, und in kemen Erinnerungen süßer schwelgt, als in denen aus eben jenen Tagen, wo er nichts war, als ein allenthalben gestoßener und hintangesetzter Jndenknabe und nichts weiter hatte, als einen frischen Kopf, eine kräftige Hand und einen — der besten Verdauung fähigen Magen. Es kam eine schwere, bange Zeit, die Zeit der Franzosenkriege — wo unter schrecklichen Geburtswehen neue Ideen und Anschaungen sich an das LichtderWelt emporrangen. — Unser Moses verstand nun natürlich sehr, wenig davon, was die Zeit in ihrem Innersten erregte und bewegte, aber um so besser, das Nächstliegende zu ergreifen und zu feinen Zwecken zu verwenden. Durch glückliche Benützung der Umstände hatte er ''ich denn auch bald ein kleines Kapital gesammelt, welches bei geschickter Verwendung immer bedeutender zu werden versprach.— Damals war es, im Jahre 1809, wo der junge Moses Weil, im besten Mannesalter stehend, nachdem ein Theil der österreichischen Armee vor Regensburg zersprengt worden und in wilder Flucht sich zurück nach Böhmen gewendet halte, die Aufmerksamkeit des ln Budweis mit demNachlrabe des französischen Heeres lagernden Marschalls Davoust erregte. Der kluge Franzose, dessen Blick nicht durch Vornrtheil getrübt war, fand Gefallen an dem rüstigen und rührigen Israeliten, und machte ihm die Proposition, mit ihm nach Frankreich zu gehen. — Dieser Zug ist bezeichnend für die Gcsinnungsweise, die in der französischen Armee herrschte, und bietet mit einen Schlüssel zu den ganz unerhörten und beispiclslosen Erfolgen derselben. —. Man steht, wie es in der That dem gewaltigen Eorsen gelungen war, seinen praktisch sichern Blick allen jenen mitzutheilcn, die er in blinde Werkzeuge seines Willens umzugcstaltcn wußte. Napoleon!, war bekanntlich kein Freund der Juden; dies geht aus sehr vielen Äußerungen hervor, die in seinen Briefen uns anfbehalten sind. — Aber seine persönlichen Antipathien durften keinen Eiustuß auf seine Politik nehmen. — Er erkannte die Bedeutung des Judenthumeö für den Verkehr und Handelsflor eines Staates, und hatte sogar die etwas epentrifche Idee, alle Juden nach Frankreich zu transferireu und sie, die in allen Th eilen des Festlandes schmählich Unterdrückten, durch bürgerlich unbeschränkte Stellung für seine großen Pläne zu gewinnen. Man sieht, es waren nicht die von der Constituante dekrelirren „Menschenrecht/', die ihn influirten, sondern Egoismus, aber ein Egoismus, wahrhaft eines großen Staatsmannes würdig. In diesem Geiste handelte denn auch Davoust. Aber er vergaß, daß nicht blos Geldgier die einzige Triebfeder der von den Juden entfalteten Energie und Gewandtheit im Geschäftsverkehr sei, sondern eine, von Nichtjudeu selten in ihrer ganzen Tiefe und Innigkeit erfaßte Familienliebe. Moses Weil dachte an seine