Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 5 (8.12.1864)
- Date
- 1864-12-08
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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— 34 — Aufklärung, jede liberale Strömung geschaffen. Allein das ganze mit so viel Eifer und solchem Aufwand errichtete Gebäude ruhte' auf morschen Füssen; ein Windhauch, ein NcujahrSgruß von der Seine her. warf cs in Trümmer. Das Jahr 1839 zeigte unseren Staatsmännern, wie weil sie cs mit ihrer bisherigen politischen Weisheit gebracht; sie hatten bisher nichts gelernt und nichts vergessen. Nun aber waren sie gezwungen zu lernen und zu vergessen. Das Oktobcrdiplom vom Jahre 1860 und das Fcbrnarstatut vom Jahre 1861 waren die Früchte des JahreS 1839. Sine neue politische Aera begann, die Böller Oesterreichs wurden wieder zu erneneter Thätigkcit berufen. Böhmen, das in der Enltnr vorgeschrittenste Land des östcrr. Kaiscrstaates, vor allem dazu erkoren, der Wcsthälfte des Reiches den Ton anzugcbcn bot uns gleichfalls von Neuem das traurige Schauspiel von 1843, wenn auch in etwas milderer Schattirung. Auch hier brach der alte Antagonismus wieder los und die Parteien sonderten sich von Neuem in zwei scharf geschiedene Gruppen, die sich überall, im Gcmcindcrathc, im Landtage und im Reichsrathc heftig bekämpften. Die beliebten Schlag- Wörter „Föderalismus^ und „Centralismus" wurden wie einst „Hie Wels" und „Hie Waiblingen" die Schlagwörter des Tages, und wer nicht in das eine oder andere mit einstimmte, wurde als Regierungspuppe oder politisches Amsibium verketzert und von beiden Parteien gleich angefeindet. Die schwierigste Stellung in dieser neuen Epoche hatten wohl die Juden. Durch Sprache, Tradition und historische Ueberlicscrungcn mehr dem Dcutschthumc zugeneigt, sahen sie gleichwohl, daß es nicht blos die Gerechtigkeit und Billigkeit, sondern auch die politische Nothwendigkeit erforderten, dem Ecchenthume Conzessionen zu machen. In Böhmen geboren und erzogen, zwischen, und mit Ecchen lebend, fanden sie cs dringend geboten, ihre Sprache zu lernen und zu sprechen, und wir sahen in der That auch viele unserer Glauoensg'enossen sich mit Eifer dem Studium der böhmischen Sprache hingebcn, mit Vorliebe die cechische Literatur pflegen, und mit Wort und That ihre böhi i misch-nationale Gesinnung manifcstircn. Daß aber trotzdem der Kern, die große Masse der Juden deutsch blieb, ist nicht so sehr £ er Neigung zum Dcutschthume, dessen Toleranz ohnehin sehr viel zu wünschen übrig ließ, als vielmehr der politischen Indolenz und der bisher ziemlich berechtigten Abm.gnng gegen das cechische Element, das ihnen nur durch seine ri-teMen'S luchten bekannt war, zuzuschreiben. Indessen hatten fiel) ll.er anck unter den Israeliten zwei verschiedene und ziemlich scharf gesonderte Parteien gebildet, cs waren dies die Juden der Provinz und die der Stadt. Während erstcre in ihrer großen Mehrheit zum intelligenten Ecchenthume hinneigtcn. da sie es durch nahen Eontakt kennen und schätzen gelernt hatten, blieben letztere durchaus deutsch. Es war dies auch ganz natürlich, denn die Ecchcn, mit denen der Prager Jude m Berührung kam, waren durchaus nicht danach angcthan, Propaganda für das Ecchcnthum zu machen. Wo bisher in Prag böhmische und jüdische Bevölkerung zusaincutrasen, geschah cs meist im feindlichen Sinne. Es kam zu Reibungen und Neckereien, die endlich in dem berüchtigten Fcnstersturm vom Jahre 1861 ihren Ausdruck fanden. Daß man diesen letzteren dem Ecchenthume in die Schuhe schob, darf nickt Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß sämtliche Etymologen das damalige Feldgcschrei: „At se pinkl häzi“ für rein slavisckcn Ursprungs erklärten. Am Lande wiederholten sich derlei Excesse weniger schon aus dem Grunde, weil da wirklich zwischen Ecchen und Juden ein freundschaftlicheres Bcrhältniß Platz gegriffen hatte. Daß man aber von cechischer Seite bisher immer noch das Wort „Jude" mit der Bezeichnung „Deutsche" identifizirte, mag wohl daher rühren, weil dem Inden der Provinz keine Mittel und Wege zu Gebote standen, seine politische und nationale Gesinnung zu documentiren. Es fehlte ihm an publizistischen Federn und auch an Organen, die seiner Überzeugung Worte geliehen hätten, während es dem Stadtjuden rnehr als hinreichend möglich war, seine deutsche Gesinnung offen auszusprechen. (Ein dritter Artikel nächstens.! Moses weil. .Ein Lebens- und Charakterbild. ' „Ehre Vater und Mutter, damit deine Tage lang werden, und es dir wohl gehe auf Erden." Wie oft auch schon dieser biblische Kernspruch sich bewährt hat, so glauben wir doch nicht, uns zu deujcnigen zählen zu müssen, die bei jedem Anlasse gleich ein unmittelbares Eingreifen der himmlischen Vorsehung in die menschlichen Geschicke wittern, weil nach unserm Dafürhalten ein solcher Vorgang mehr geeignet ist, das religiöse i Gefühl zu verwirren als zu heben und zu kräftigen; denn wie j viele gute Kinder gibt es nicht auch wiederum, denen es „Herz-! sich schleckt geht aus Erden", und glauben wir vielmehr, anstatt die Gottheit in chrnöthige Eontribution zu setzen, und ihr zweideutige Complimcnte, deren sie wabrlich entrathen kann, zu machen, einen natürlichen Erklärungsarnnd jener Thatsache darin^ finden zu können, daß gute, treue, daher dankbare Kinder in der Regel auch tüchtige Menschen sind, die, wie man sagt, Herz und Kops auf dem rechten Flecke haben, daher auch ihre Carricre im Leben zu machen verstehen.—Der Mann, dessen Biographie wir hier flüchtig zu skizzircn im Begriffe stehen, und von dem uns erst jüngsthin die Zeitungen berichtet, daß Seine ^Majestät der Kaiser geruht habe, ihn durch daö goldene Bcrdicnstkreiiz mit der Krone auszuzeichncn, ist ein glänzender Beleg nickt nur für die Richtigkeit dieser Ansicht, sondern auch einer andern, vielfach geäußerten Behauptung —- j 1er Behauptung nämlich, daß unsere Zeit, trotz der allgemeij neu, in ihr vorherrschenden Bildung — oder grade deswegeit —! doch nicht im -Stande sei, die großen und starken Charaktere! aus sich zu zeugen, und in ihrem mit den Bedingungen des ' Wackslhnms und Gedeihens scheinbar besser «^gestatteten zur Reise zu bringen, wie dies bei den Generationen! i der Vergangenheit so vielfach der Fall gewesen. Bildung, in! der That, stumpft ab die rauhen Ecken des 'Wesens, aber auch I nicht selten dessen Schneiden und Schärfen, sic glättet und po-; lirt, verwischt aber auch bisweilen jene derbe und natürliche Frische des Colorits, die keine Kunst zu ersetzen vermag, sie maßregelt und dressirt den Menschen so lange, bis er ocqucm und „mit Anstand" in eine gewisse Schichte der Gesellschaft cingcreiht werden kann, ohne aber selbstständig etwas zu repräsentiren. Man könnte sagen: Bei so vieler Menschheit sowenig Männer, und während Alles meist den corrckten Stempel der Gattung an sich trägt, sucht man sich müde nach einer Specics, mit einem Worte nach dem, was man mit vollem Rechte eine r „Charakter" nennen könnte, nach dem wohlrhuenden Wechsel von Originalität bei dem ewigen Einerlei, bei der abspannenden Monotonie der Farben und Gestalten. Gleich verpönt wie die Eigenheiten sind auch die Ei g enth ümlich keiten, die doch den Menschen erst zum Individuum im moralischen Sinne des Wortes machen, und die nivellirendcn Tendenzen der Zeit, so wohlthätig im Ganzen und Großen, erleichtern nur in dem Sinne das Studium der Menschheit, das dieses fast bedeutungslos wird; denn — greift Einen aus der Gattung heraus — und ihr kennt so ziemlich die Meisten. — Ai an muß billige Zweifel hegen, ob wohl aus dem so sorgfältig cnltivirtcn Boden der Gegenwart solche kräftige Stämme hcrvorzusprossen vermöchten etwa wie,Anselm Mayer 'Rothschild, Salomon Heine, Simon Lämel und wie sie alle heißen mögen, diese Eoryphäen der Handelswelt, die'mit Groschen begannen, und als Gebieter über Milliarden ihre Laufbahn rnhn.voll beschloßcn?-Nicht unwürdig und unverdient wabrlich reihen wir diesen, in der