Mannheim
Compact Memory

Das Abendland · 1864-11-17 · 3 (17.11.1864) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Abendland
Volume
I (1864)
Issue
3 (17.11.1864)
Date
1864-11-17
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/9050333-9088672-9050352--0023-9050355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 19 — vom volkswirthschaftlichcn Standpunkte ans, die bc>- Partie ergriffen. das lehrt ein Blick aus die lerc Fiuanzzusländc des.. „sparsamen" Oesterreichs und .des „verschwenderischen" Auslandes. Nur äußerst schwer und bcräclnig entschließt man sich in unsci'cm Oesterreich zu Eoncessiouen an die Zeit, und das immer nur um Reserven; eine vellc ungeschmälerte Gabe, so zu sagen eine Portion, an der der Mann sich völlig genügen und sättigen könnte, ist noch niemals aus der österreichischcnStaatSküchc den Völkern dargcreicht worden. Bis zum Jahre 1847 waren die Spuren des Jahrhunderts in der bürgerlichen Stellung der österreichischen Juden höchstens in der mildenGcrichtspflege, die ja überhaupt in Oesterreich seit Joses dem'II. auf dem Boden geläuterter Humanität stand, in ungetrübter Anerkennung ihrer Menschenwürde, wenn auch lauge nicht ihrer Menschenrechte wahrnehmbar. Da kam der kaiserliche Gnadenakt der Aushebung der Judcnsteucr, aber wie umzäunt und verklausulirt!—Diese Schmach, ärger als die Schmach Egyptens, dieses gräulichste Muttermal an dem mündigen Leibe des Judcnthumes sollte diesem eigentlich nicht abgenommen, sondern von ihm erst dem Staate um eben nicht mäßigm Preis ebgekauft werden! So wenig großer Sinn herrschte in der österreichischen Staatskanzlei, deren Chef doch mit dem Heros des Jahrhunderts, Napoleon, eine und dieselbe Luft geathmet, ja diesen' durch diplomatische Kunst sogar zu besiegen vermocht! Je ungünstiger aber die äußeren Verhältnisse waren, desto herrlicher bewährte sich auch hier die innere Elastizität des IudenthumeS: aller geistigen Continerualfperre gegenüber dem Auslande ungeachtet, waren doch die modernen Ideen der Freiheit und Dcrbrüdcrung des Menschengeschlechtes zündend auch in die Gemüther des önerreichischen Juden gefallen, und als plötzlich die Sturmglocken des Jahres 1848 erdröhnten, da erkannte man, wie im Stillen, aber mit aller Entschiedenheit auch sie mittlerweile eine Emancipation an sich selbst vollzogen, eine Häutung vollbracht hatten, die die reinen heitern Züge des Menschenbildes auch in dem lcidensgetrübten Antlitze des Jakobssohncs enthüllten. — In der That mußte auch die innere Emaneipatiou der äußern, bürgerlichen voraugehcn. Ein höchst merkwürdiges Vibriren der Zustände, ein unheilvolles Schwanken zwischen Fort- und Rückschritt, nehmen wir nun seit jener Zeit wie im Allgemeinen so insbesondere in den Verhältnissen der Juden Oesterreichs wahr, wiewohl Manches, selbst Vieles .schon geschehen, um der Zeit gerecht zu werden. Trotz des unverkennbar guten Willens der leitenden Kreise kann man denn doch nicht sagen, daß die Emancipation der Juden in Oesterreich eine nur halbwegs vollendete Tha.sache ist. — Nicht der Jude ist im Grunde emancipirt in Oe st erreich, sondern blos sein Kapital; ber materielle Druck, der freilich am unerträglichsten und schwersten ist, hat nachgelassen, die Geister aber liegen noch in demselben Banne wie im Vormärz. Umwillkührlich fällt uns hier der Vers aus Bürgers Leonore ein: „Des Leibes bist du nun ledig, Gott sei der Seele gnädig!" Die Mission des Staates ist keine blos negative, noch ist kein Lehrer des Staatsrcchtes so kühn 'gewesen, den Grundsatz aufzustellen, der Staat habe blos die Bürger nicht zu drücken. Dem Staate liegt es vielmehr auch ob. und zwar in hervorragendster Weise, das Wohl seiner Angehörigen zu fördern, ihre legalen Bestrebungen zu schützen und zu stützen, der Entfaltung aller ihrer geistigen wie materiellen Kräfte den günstigsten Boden zu bereiten. — Wird nun der Jude in seinen geistigen Bestrebungen gefördert, sind hier Pflichten und Rechte in gleicher Weise vertheilt? Eine eingehendere Beantwortung dieser Frage bleibe einer andern Gelegenheit Vorbehalten. Professor Ar. Wolfgang Wessely. Eine biografische.Skizze.*) Wolf gang Wessely ist zu Trebitsch im Jahre 1804 von nicht sehr wohlhabenden, aber frommen und ehrlicbcndcn Eltern geboren. Wie der Prophet Samuel wurde er gleich bei seiner Geburt zum Dienste Gottes, d. b. zum Rabbiner bestimmt, um den Ruf seiner mütterlichen Familie, die seit jeher durch das Ansehen der aus ihrer Mitte hervorgcgangenen talmudischcn Eclebritäten glänzte, fortzupflanzen. Sein Jugcndunterricht war der dazumal gewöhnliche Ehederuntcrricht, der sich ausschließlich auf das Hebräische — Unterweisung im Pentateuch und *) Das herannabende 25jährige Jubiläum der Lehrihätigkeir Professor Tr. Wcsselrps glauben wir nicht würdiger begehen zu können als durch Berössciulichung einer ausführlichen Biografie desselben. — Das Leben des Mannes spricht beredter als alle Lobeserhebungen. Rafchi, Mischna und Talmud — beschränkte, den er von einem blinden Rabbi. Namens Ephraim Jamnitz, erhielt. Ein gründlicher Unterricht, vorzüglich in hebräischer Grammatik,Bibel,den Schriftendes Maimonides „mbtt "rois ward ihm erst in seinem 12. Jahre von einem andern Lehrer, Namens Gcrson Löw Mekler, zu Theil, einem sehr tüchtigen, im Talmud und in der biblischen Literatur sehr bewanderten Manne, der durch seine äußerst anregende Methode die Selbstthäligkcit in ihm weckte, zum Denken ihn anrcgte und ihm die Richtung für sein ferneres Leben gab. Am Tage seiner Eonfirmation "72J hielt er öffentlich eine talmudische Disputation, der wegen seiner Gcwandheit und dialektischen Fertigkeit, mit der er Einwendungen resutirle, Fragen und Zweifel löste, ungetheilter Beifall zu Thell wurde, und die ihm das "2^-Diplom von dem da- Eryämmg oer muylam errungenen polttlMiGkrelyeit, voren, uns.> velzlegungwe^cnc.^m.r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.