Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 3 (17.11.1864)
- Date
- 1864-11-17
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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13 gleichwie jenem Feldhcrrn, der mitten in der ^cklacht' mit klarem, sicherem Blicke den endlichen -L-ieg seines .weercs erschauet, aber noch immer den Feind uuers'chüttcrt nicht wanken und weichen sieht, daher jeden Nerv seines geistigen wie leiblichen Wesens anspannt, um sich keine Blöße zu geben, so ist cö auch den wackcrn Kämpen für die Ideen der Zeit zu Muthe. — Zwar verzieht sich allmählich der Pulverdamps, immer klarer und voller fallen die Strahlen der Sonne verklärend und versöhnend auf die düstere Scene — aber noch glauben die allen Parteien nicht vom Platze', weichen zu müf'en — noch tragen sie, die Bannerträger verrotteter Anschauungen, eine Zuversicht zur Schau, als ob wir mitten in dem beseligenden Zeitalter der Hexcnprozesse der sogenannten Gcmüthsübcrschwänglichkeit ständen, die Schlacht ist verloren, unwiederbringlich verloren: sie jedoch letzen ihrer Thorhcit die Krone auf, daß sie die Welt nicht sehend glauben, weil sie selbst blind sind, und den Sieg dadurch aufzuhaltcn meinen, daß sic ihn noch nicht wahrzuuchmen, heuchlerisch simulircu. Um aber die bisherigen Ergebnisse des Kampfes zu überblicken, gibt cs keinen geeignetem Gesichtspunkt, als den aus der Mitte des Iudenthums, auf dessen Banner die Zeit mit Fcnerzügcn all' ihre Wahr- und Wahlspruche geschrieben, in dessen bildsamen, geschmeidigen Stoff jede Phase der Schlacht ihre Siegel geprägt. In den vordersten Reihen der Streiter fechtend, ja nickt selten als dessen Führer kühn voran stürmend, hatte der Jude vom Beginn an sich keinen Moment der Ucberzeugung verschlossen, daß eigentlich um sein Loö hier gewürfelt wurde, daß an das Sein oder Richtfein £ct modernen Ideen auch sein ganzes Geschick, feine ganze Zukunkt geknüpft sei. — So mannigfach und bunt das Völkerbild Europas, so mannigfach stellt sich denn auch das Schlachtfeld von diesem Standpunkte, dem Standpunkte des Indenthumes ans, gesehen dar; denn fein ungeheurer Schauplatz erstreckt sich ja eben so weit die leiseste Spur moderner Aufklärung und Gesittung reicht. Der -crühmte Chemiker Liebig stellt bekanntlich als Maßstab der Cultur den Verbrauch der Seife auf. — Dieses mehr eines französischen bel-esprit als eines gründlichen deutschen Gelehrten würdige Avper<.-u, könnte man sagen, stempelt den Seifensieder zum hervorragendsten Träger und seine, eben nicht im besten Gerüche stehende Werkstättc zur Urquelle unv zum Born aller Eivilisation. So mag ein Mann denken, für den es zwischen den beiden Extremen eines chemischen Laboratoriums, wo man bekanntlich nicht immer mit den angenehmsten Düften regalirt wird, und der parfümirtcn Hofluft keine Zwischenalhmosphüre gibt. Wir glauben ein anderes und richtigeres Kriterion der Eultur aufstellcu zu können. — Es ist das Verhaltet! gegen den Juden, die Stellung, die man ihm in der bürgerlichen Gesellschaft anwcist, mit einem Worte die gegen Andersgläubige geübte Toleranz, das sich Loswinden voll den lhicrischen Gefühlen deS Raceuhasies, die den sichersten Zeiger ans der Uhr des Fortschrittes bilden. — Jene Ration, die den ersten Impuls zur Bcfreiuug der Geister von religiöser wie politischer Fessel gegeben — wir meinen natürlich die niederländische — war auch die erste, die dem bedrängten Hause Jakobs ein weites, unbeschränktes Asyl eröffnet. Und gibt es ein herrlick, reo Volk, dessen Raine glänzender in den Annalen der Zeiten prangt, als eben dieses niederländische, das, so klein es ist, doch bis in die entlegensten Gegenden der Erde den Ruhm seines Namens, das Banner der Gesittung getragen, den 'europäischen Welthandel. die Lebensader der Eultur, eigentlich inaugurirt, und selbst den mächtigsten Rivalen durch die glorreichsten Hcldenthateu zu Wasser und zu Lande furchtbar zu imponiren verstanden? Als noch, die tiefste Nacht der Barbarei auf dem ganzE/i^rigen Welttheilelag, die Begriffe,,Iudc" und „Thiek^in dem durch Wahn und ^orurthcil verdunkelten Bewußtsein der Völker noch nicht allzustreng geschieden waren, da strahlte schon in jener Oase an der Zundersee lieblich die Sonne der Humanität! —Ob Holland wohl je die Protektion bereut hat, die es dem Träger des ewigen Buches angedeiheu ließ, dem bejammeruSwcrthcu, verkannten Stamme, der doch, kaum daß ihm ein freierer Athemzug auf freiem Erdreich gestattet war, schon einen Spinozza aus sich zu zeugen vermochte, nicht blos ein Licht seines Jahrhunderts, sondern aller Zeiten. Und so sehen wir denn auch noch heutzutage, je weiter wir dem, seltsamer Weise dem Sonnenläufe entgegen gesetzten Zuge moderner, civilisatorischer Ideen folgen, den Juden auf eurer desto tieferen Sprosse der Gefellschaftöleiter stehen, je weniger Land und Leute selbst noch in das europäische Völker -- (Sonccrt, um im Diplomatenstyle zu reden,, cingetrcten. — Im Westen ist der Sieg des guten Principes allenthalben entschieden, hier wiegt der Name „Jude" eben nicht schwerer und nicht leichter mehr als der Name ,.Protestant" oder „Katholik," während im Ost und Nordost des Welttheils erst die Morgenröthe einer bessern Zeit anbricht. Oesterreich, geographisch in der Mitte zwischen Ost und West gelegen, nimmt denn auch in dieser Hinsicht wie in den meisten andern jene unerquickliche Mittelstellung ein, die eigentlich nach keiner Seite hin recht befriedigt und zu herzlicher Anerkennung aufrichtigen Strebeus nach Besserem verpflichten möchte. Es ist das eigenthümliche Geschick dieses Staates, von dem in den großen politischen Welthändelu so oft der erste Impuls ausgegangcn, der so leicht und rasch zuweilen die Initiative ergreift, wenn seine äußere Machtstellung, seine Ehre und Würde als Großmacht gefährdet scheint, daß er in dem Culturleben der Völker es stets vorgezogen, bequem iu's Schlepptau genommen zu werden, lieber langsam nachzufolgen auf schon breit getretenem Pfade, als auch einmal bahnbrechend voranzugehen. Charakteristisch in dieser Hinsicht ist das Wort eines bekannten österr. Staatsmannes: „Neue Erfindungen machen, ist kostspielig; sie uachahmen und ausnützen, desto billiger unv leichter; überlassen wir daher jenes dem Auslände, und halten wir uns au das letztere." Wie weit wir mit diesen „billigen" Grundsätzen gekommen, wer im Grunde denn doch,