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Das Abendland · 1864-11-10 · 2 (10.11.1864) · p. Seite 11

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Journal
Das Abendland
Volume
I (1864)
Issue
2 (10.11.1864)
Date
1864-11-10
Page
Seite 11 (sequence 3)
Language
German
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1] / Lin Wort über religiöse Kreiheit. In der vorigen Kummer dieses Blattes wurde ein genugsam anS den Zcitungöblättern bekannter Fall näher beleuchtet, der die in Rom erscheinende „Unita cuttolica“ in einer Weise, die ihrer gan; würdig ist, veranlaßt, jubelnd auszurufen: „Der junge Coen wird i sclwn nächstens getauft, er wird in die christliche Kirche eirigeben, trotz aller Freidenker des Erdballes, trotz aller Grundsätze von 1780 und trotz'der ganzen, ans die Prineipicn sich,steifenden Diplomatie." — Diesem schroffen Faktum hat sich gleich darauf die andere, weit erfreulichere Thatsache entgegengestellt, daß im katholischen Italien von italienischen Katholiken eine Subskription eingeleitet wurde, um allen unter römischer Herrschaft lebenden Inden die Auswanderung auf italienisches Gebiet zu ermöglichen. Wie ungemein stechen diese beiden Vorfälle von einander ab! Der eine wirft uns in die Barbarei des Mittelalters zurück, der andere zeigt unö die praktische Uebung wahrer religiöser Duldung, die eben religiöse Freiheit ist. Drese religiöse Freiheit! wie viel hat man sich um sie gestritten, wie viel edles Blut ist ihretwillen vergossen worden, und wie falsch hat man sie oft ansgelegt und legt sie noch aus. Jene Partei der katholischen Kirche, die sich berufen hält, das große Wort für sie zu führen, nicht selten aber — wie wir bald aus einem eklatanten Beispiele ersehen werden, — von wahrhaft religiös fühlenden Männern dieser Eonfession entschieden desaoonirr wird, ^isi keineswegs die letzte gewesen, sie als Stichwort sehr oft in den Mund zu nehmen. In protestantischen Ländern, wo man sich, nicht selten leider durch Mittel, die gegen die Basis jeder geläuterten Religion, Menschenliebe und Acklung ihrer Rechte geradezu verstoßen, wieder Bahn brechen will, oder im schiömatischen Rußland, an welches man das katholische Polen nicht gern verlieren möchte, da kann man du ch die vorgeblich eifrigsten Verehrer der rein römischen Kirchen- und Staatspolitik Re allerschönsten Tiraden über religiöse Freiheit zu hören bekommen. Natürlich. wo man nicht herrscht, da will man für sich Freiheit haben, aber wo man herrscht, da ist man eo ipso entschieden frei, also da brauchen es die andern nicht zu sein. Dieser Grundsatz ist natürlich nicht christlich und nicht moralisch, aber politisch ist er, wenn man anders etwas, das an sich nicht logisch ist, mit diesem Namen benennen darf. » Die Freiheit existirt nur da, wo sie ein Gemeingut Aller ist; religiöse Freiheit kann also nur da vorhanden sein, wo es einem jeden Bekenntniß unbenommen ist, seinen sittlich berechtigten Cnltus auszuüben. Wie sich ohne nationale Unabhängigkeit keine eigentliche staatliche Freiheit denken läßt, so hört auch die religiöse Freiheit da auf, wo ein Bekenntniß das andere, um den gelindesten Ausdruck zu gebrauchen, annektiren, d. h. ihm Angehörcnde im Guten oder im Schlimmen oder auch durch List zu sich herüber ziehen will. Und da kommen wir eben wieder auf die Grnnd-! läge aller Religionen, auf das rein sittliche Gebiet. Nur wer die^ Unabhängigkeit Anderer zu achten vermag, ist selbst der Unabhängigkeit und Freiheit wcrth. Wer andern mißgönnt, wonach er selbst strebt, ist noch zu keiner Hähern sittlichen Entwicklung gelangt, ist noch im polttischen wie in: moralischen Sinne unfrei, ja knechtisch. Ter Umstand, daß die mosaische Religion sich nie auf Prosclytenmachcrei gelegt, ja den Eintritt Andersgläubiger in ihr Bekenntniß geradezu möglichst erschwert hat, spricht im hohen Grade für die reimsittliche Basis ihrer Anschauungsweise. Wer seinen Glauben, in dem er als Kind aufgewachsen, in dem ihn seine Mutter beten gelehrt hat, verleugnet, um ihn gegen einen andern auszutauschen, ist gemeiniglich nicht viel werth. Wer aber Andere dazu verleitet, verführt oder gar zwinge, ihren Glauben zu ändern, der taugt jedenfalls noch weit weniger. Sein Verfahren mag vielleicht aus wohlgemeinter Absicht stammen,' aus alle Fälle ist es, vom rein humanen Standpunkt aus betrachtet, irrig und an sich unmoralisch. Es zeugt in der That von einem hohen Fortschritt unserer Zeit, daß in allen civilisirten Staaten Europas — Spanien ausgenommen — doch dies hat überhauvt auf das Prädikat „civilisirt" keinen zu großen Anspruch — die Religionsfreiheit gesetzlicb garantirt ist, und von den Bürgern aller Confessioncn auch praktisch respektirt wird. r Es bat lange, sehr lange gedauert, daß die Bekenner v.rschiedener Religionen einander mit tiefer Verachtung ansahen und sehr oft mit dem Pharisäer dachten: „Ich danke dir/ Herr! daß ich nicht so bin, wie dieser da." Jetzt sehen wir diese häßliche, aus tiefer Dummheit und Unbildung entstandene Unsitte immer mehr schwinden. Jetzt ist der Grundsatz im bürgerlichen Leben, Gott sei Dank, ziemlich allgemein geworden, daß eö eben so unschicklich ist, wenn man von der Mutter eines Anwesenden übel redet, als wenn man sein religiöses Glaubenöbekenntniß zu verdächtigen oder in den Staub herab zu ziehen sucht. Was kann dieser oder jener dafür, daß er ein Christ oder ein Jude ist, weil er in einer Familie geboren wurde, welche christlich oder jüdisch :/ar? Werden wir etwa vor dem JnSlebentreten gefragt, welcher Confefsion wir bei unserer irdischen Wallfahrt anzugehören wünschen? Nur hem Barbaren ist die Familie nicht heilig. Die Familie aber bringt uns als Kind schon ein religiöses Bekenntniß bei, an dem wir ebenso, wie an anderen viel lieben Erinnerungen der Kindheit für das ganze Leben hängen bleiben. Philosophie und Leben können uns später gegen 2* Vl‘ "'“V!U,1I flUCll/'UHV ‘ VHjUijuiivJ wi Vivuurvvil f «uvx ■*>•«»—

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