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Das Abendland · 1864-11-10 · 2 (10.11.1864) · p. Seite 10

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Journal
Das Abendland
Volume
I (1864)
Issue
2 (10.11.1864)
Date
1864-11-10
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
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10 — ✓ -am In den, der aus einem Fanatiker schnell in einen Mann des Jahrhimdcrtes sich entpuppte, und mit ein Träger moderner Zivilisation geworden, der all' das düstere Rabeugckrächzc zu Schanden gemacht, das an den Augenblick seiner Entfesselung ans dem Banne des Mittelalters nichts weniger als den Untergang der ganzen moralischen Wcltordnung prophetisch knüpfen zu dürfen glaubte, nicht am Juden liegt die Schuld, wenn wir noch immer bei sich ergebenden Anlässen aus unserem gesonderten Lager gesonderte Promcmoria einzurcichcn gcnöthigct sind. Trotzdem nun vierzehn Tage ein gar bedeutsamer Zeitraum im Jahrhunderte des Dampfes und der Telegrafen; trotzdem die TageSlitcratur athcmloS hinter! jedem Ereignisse einhcrreucht, um wo möglich zuerst! den Heißhunger des Publikums mit brühwarmen Re- , fleltioncn zu stillen; trotzdem endlich in unseren Zeiten man vor keiner Gefahr mehr zurückbcbt, als vor der,! sich lächerlich zu machen: so haben wir cs doch un- > tcrnommcn, trotz Alledem und noch manch' anderer; Bedenken, hier, gleichsam post festum, unverhohlen; auszusprcchcn, welche Gedanken die Nachricht in uns geweckt, daß nunmehr ein neuer Mann berufen worden,! um die altehrwürdige Firma des Hauses Oesterreich! im großen Nölkcrvcrkehre zu vertreten. | Sprechen wir zuerst, um nicht allzusehr gegen i die herkömmliche journalistische Gepflogenheit zu ver-! stoßen, von dem abgetretenen Minister Rcchbcrg. — j „Er war ein treuer Diener seines Herrn, ein Staats- > mann voller Redlichkeit und Loyalität, der ein Her;; hatte für Oesterreichs Wohlergehen, ein gewandter Mann, i maßvoll und taktvoll in: amtlichen Verkehr mit dem! Auslande, von dem feinsten aristokratiichen Wesen und! den gewinnendsten Manieren im Umgang mir aller Welt."! So etwa lautet der allgemeine, dem Minister Rechberg | gewidmete, wie mar. sieht, höchst ehrenvolle Nachruf,! in den wir natürlich von Herzen eiustimmcn, so weit! uns, als den der Person des Ministers allzusern j Stehenden, ein Unheil überhaupt über seine P er sö n -! lichkeit zukommt. Allein, wann hätte es in un-! serem Oestereich an redlichen, loyalen Staatsmännern 1 gefehlt? — War nicht selbst der vielgeschmähte Clemens j Lothar, Fürst von Metternich, dem noch heut zu Tage! man so gern aller Ucbel Ursprung in die Schuhe I schiebt, ein Mann voll des reinsten Eifers für die Größe und Machtstellung Oesterreichs? — Und wo gäbe es einen gewiegt, rcn und gewandteren Diplomaten, einen Mann, gewinnender im persönlichen Verkehr,! als ihn, den allzu freundlichen und znthunlichcn Arrangeur des großen Spcktakelstückes, bekannt unter dem Namen des „Wiener Eongrcsscs?" Jedoch, „man ist so blutwenig, wenn man nur ein redlicher Mensch ist," sagt Lcssing. 'Nicht an aufrichtigem Willen, an redlicher Gesinnung gebricht es uns wahrlich, sondern ein bischen Genialität, ein Hinwegfctzen über herkömmliche Form und bloö durch Vlitcr sauklionirte Gepflogenheit thut uns Noth in erem guten Staate Oesterreich!-- Großer Kühnheit, einer in unseren Zeiten leider so seltenen Thatkraft, kurzum einer Energie, die nicht gelähmt ist durch ewige Bedenklichkeiten, dnrch ewige Rücksichten auf Bestehendes, bedarf cs, um den im weichen Erdreich so tief verrannten Staatswagcn Oesterreichs wieder auf trockene und feste Bahn zu briiigcn. — Sind wir nun berechtigt an den Namen Meusdorfs.Ponilln solche schmeichlerischen Hoffnungen und Erwartungen zu Lunpfcn? — Fast möchte es so scheinen! — Meusdorff- Pouilly ist vor allem Soldat, folglich ein Mann der That; er ist, so viel wir bisher von ihm wissen, liberal, folglich ein Mann der zeitgemäßen, der in der Zeit berechtigten That; er ist endlich auch Oesterreicher, folglich fehlt zur guten That ihm sicherlich auch der gute Wille nicht. — Bedarf es mehr, um jeden Ocstcrrcickcr, der so leicht zu befriedigen ist, wie ihm das Blut leicht durch die Ädern fließt, mit Vertrauen zu erfüllen, und ihn in die gcmüthliche Behaglichkeit von ehemals einzuwiegeu? — Was nun uns Juden betrifft, so ist es nicht mehr, - wie wir bereits nachgcwicscn, ein Vorwurf, sondern ein Mißgeschick für uns, immer etwas Appartes haben, ‘ immer etwas Appartes wünschen zu müssen. — An, den Grafen Mensdorfs-Pouilly, der im Rufe stehst zu den vielen andern seltene nEigcnschaftcn auch die unbestritten seltenste zn fügen, nämlich aufrichtiger Sympathien fürdas Judcnlhum, wie sein Vcrhältuiß zu der Gemeinde Proßnitz und sein überaus humanes Benehmen gegen die Juden Galizicu's beweist, hätten,, wir nun den Wunsch zu richten, als Minister des Äußeren doch auch dem Geiste des Auslandes größern und freiem Zuzug in unser inneres Staatsleben zu ermög lichen. — Tie Befür-cht'rng, hier IN der Art miß verstanden zu werden, daß man unter Ausland errw unfern lieben moskowitischcn Nachbar meinen sollst dessen allerdings im besten Rcnommc und Eonsume sie hender „Geist" bekanntlich mit dem „Geist der Zeit' nichts gemein hast hegen wir nicht im mindesten, d wir es mit einem Manne zn thun haben, der ab Gesandter am russischen Hofe die Segnungen der Despotie wohl in nächster Nähe zu betrachten Gelegenheit hatte. Fast scheint es daher überstüssig. erst ausdrücklich hervorzuhcben, daß wir hiemit auf den Westen hingedeutet haben wollen, auf den daselbst herrschenden Geist wahrer und voller Gleichberechtigung aller Stände und Eonsessioncn, den besonders wir Juden in Oesterreich noch immer eben schmerzlich vermissen.— Was wir hier sagen, geht natürlich nicht bloS an die Adresse Mensdorff-Pouiilys, sondern des gesammteu Ministeriums — in specie an jene unseres Ministers des Innern. Auch hätten wir, Akt nehmend von einer Bemerkung des Journal de Dcbats, daß der Stur; Rechbcrgs die Vernichtung der letzten Hoffnungen der Kämpen für die weltliche Macht des Papstes bedeute, unserem neuen Minister ans Her; zu legen, wie sehr und wie viel grade wir Juden, seltsamer Weise, durch! die Verträge Oesterreichs mit Rom, namentlich durch! das Eoncordat, welches — um nur einen Gesichtspunkt j hervorzuhcben — unser gesammtes Unterrichts- und Erziel hungswescn, also auch das jüdische, den Händen der ka- > tholischen Geistlichkeit überantwortet, behelligt und beein-! trächtigt werden—doch hievon in einem nächsten Artikel.

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