Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- I (1864)
- Issue
- 1 (3.11.1864)
- Date
- 1864-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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den, in so greller Weise verletzten Rechten der Menschheit, und was wiegen Worte gegenüber einer That? Dennoch, in so lange nicht eine Garantie gegen die Wiederkehr ähnlicher Gräuel geboten ist, kann und dars mau auch nicht füglich sagen, daß das Thema abgedroschen, schon zum Uebcrmaße ventilirt sei. — Um die Thiere des Waldes von sich zurückzuscheuchen — so erzählt man — ist der Wanderer in den einsamen von Südamerika genöthigt, die ganze Rach' über Feuer zu unterhalten. Im Momem, wo dieses eelischt, lauft er Gefahr, überfallen und zerrissen zu werden. In ähnlicher Weise muß auch die öffentliche Stimme Europas ununterbrochen ihre Wächterrufe erschallen lassen; ja cs muß von Zeit zu Zeit selbst die Lärmtrommel gerührt werden, sollen nicht die Gemächer durch öftere Wiederholung der Unthat endlich stumpf und gleichgültig gegen den Eindruck derselben werden. Es in im hohen Grade angezeigt, hier die Taktik des römischen Senators gegenüber dem unglückseligen Carthago nachzuahmen, wiewohl jene Angelegenheit mit der unseren, bezüglich des moralischen Werthes, höchstens die Ähnlichkeit des Contrastes bietet. Gleich wie Cato nicht müde wurde, seinen Collegen im Senate sein eoterum eeiweo zuzurufen, bis er endlich seine unedle Absicbt erreicht hatte, so möchten auch wir es als eine der ersten Pflichten und Ausgaben der Journalistik zuweisen, die Gewissen wach zu erbalten, und sie recht oft an die Nothwendigkeit zu mahnen, aus ihrer Hut zu sein. — Nicht der odiöse Titel „ZeitungSgEchreG, mit dem von gewisser Seite alle Erörterungen öffentlicher Organe belegt werden, soll und wird uns daher zurückschrecken, wiederholt und abermals aus dieses Thema zurückzukommen. — Ja wir wollen vielmehr inSgesammtein,,Zeitungsgeschrei"erheben, daß allen Finsterlingen dies und jenseits der Berge davon die Ohren gellen, — und winden w r hinreichenden Lohn schon in dem Effekte finden, den einst ein, wo möglich noch geringer qualifieirtes Geschrei, als jenes der Zeitungen, vom römischen Kapitol herab erschallend, erzielte! Zwar haben wir es nicht mit naiven Galliern zu thun, sondern mit Leuten, die durch die seltsamsten und abenteuerlichsten sogenannten „philosophischen" Abstraktionen endlich dahin gekommen, die einfache Vernunft gradezu auf den Kopf zu stellen, die gar kein Hebt daraus machen, ja eS als ihre eigentlichste Mission proklamircn, alles zu verneinen, was aus der „Satansküche moderner Aufklärung" — um in ihrer Sprache zu reden — hervorgegangen, Allem, was der herrschende Zeitgeist als ehrwürdige und gleichsam heilige Satzung ausgestellt, mit der Faust gradezu in'S Gesicht zu fahren. Allein trotz der philosophischen Odeurs, in die sich die allezeit paraten Anwälte jedes von Rom ausgehenden, noch so schreienden Mißbrauches zu hüllen belieben, wäre es ein thörichtcs und eitles Beginnen, ihnen mit den Waffen wahrer Philosophie entgegen treten zu wollen; denn die Herren sind, cs ist nicht zu bestreuen, Meister der Dialektik, ihnen steht die Rüstkammer der Sofistik weiter offen als uns anderen Sterblichen. Niemand besser als sie versteht sich ans die Kunst, das Grade krumm, das Krumme in Grad umzudeuteln; wir geben daher den Versuch auf, ihnen zu beweisen, wie sehr sie sich an dem heiligen Geiste der Menschheit versündigen — und wenden uns nur an die Einfalt schlichter Gemüther, für die wohl der Satz noch unerschüttert feststeht, daß man, um vorgeblich dem Seelenheil zu dienen, nicht die zartesten Fasern des Gefühles verletzen, nicht das Familienband, den heikelsten Punkt unseres Daseins, zerreißen dürfe. Abgesehen jedoch von der humanen Seite, haben die beiden Fälle gewaltsamer Taufen, die in neuester Zeit so großes Aussehen in Europa gemacht, auch ihre politisch-prineipiclle Bedeutung für uns. Friederike Bremer — die Protestantin — erzählt uns in ihren Memoiren von einer an sehr maßgebender Stelle in Rom gegen sie geschehenen Äußerung, n ur de r K atholizismus sei conseg u ent. Niemand sicherlich wird die Wahrheit dieses Ausspruches in Abrede stellen, wenn man das dogmatische Gebiet allein in Betracht zieht. Pius den IX. umkleidet nach kath. Lehrbegrisse dieselbe unumschränkte geistliche Machtvollkommenheit, er übt dieselbe lösende und bindende Schlüsselgewalt im Himmel und aus Erden, wie einst Petrus, der unmittelbare Schüler und Nachfolger des Stifters der christlichen Religion. — Um so ausfallender tritt uns bisweilen die grelle Jnconsequen; in dem sogenannten Imperium seeulare (weltlichen Mgimente) des römischen Stuhles entgegen. Seit seinem nunmehr nahezu 1900jährigem Bestände war das Papstthum immer nur eine auf moralischer Basis ruhende Macht, und sollte es auch im Sinne der Gründer sein. Was man auch über die Nothwendigkeit des weltlichen Besitzes der Kirche sagen mag, die Geschichte zeigt aus jedem Blatte, daß der sogenannte Kirchenstaat stets mehr oder weniger der Spielball der auf der apenninischen Halbinsel eben primalirenden Mächte gewesen, während das Ansehen des Papstes als Vater der Christenheit nie ernstlich erschüttert werden konnte! „deicht durch Heeresn acht, nicht durch Kraft" wurde einst der Länderverwüster Attila, der sich selbst die „Gottesgeißel" nannte, von den Mauern der ewigen Scadt abgehalten. Nicht der Goldglanz der Tiara ließ den größten Monarchen des Abendlandes, den Sachsenbändiger, den Hort der Kirche und des Kirchenstaates, Karl den Großen, in Demuth zu den Füssen des päpstlichen Stuhles sich hinwerfen. — Der großartigste Kamps des Mittelalters, jener des Papstthums mit den deutschen Kaisern, wurde von ersterem sicherlich nicht dnrch Schwert und Lanze siegreich durchgeführt. Es bleibe eine ewig denkwürdige Thatsache, daß während Philipp der II. das Patrimonium Rotri mit allen Schrecknissen deS Krieges heimsuchte, er zugleich seinem Feldherrn Alba den gemessenen Auftrag erthcilte, in Demuth den Pantoffel des heiligen Vaters zu küssen. Ja selbst in unserer srivolenZeit, wo die höchste Begeisterung für den Glauben doch nicht mehr zum Fanatismus sich zu steigern vermag, trat der größte Eroberer der 'Neuzeit, Napoleon 1., scheu vor der pontifikalen Würde zurück, und das schwierigste Problem, das sein staatskluger 'Neffe zu lösen unternommen, aber noch nicht 1*