Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 8 (8.1918)
- Date
- 1918-08-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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32 Unser Jerusalem ist so weit, frafe sich niemand dort beengt fühlen wird: w’lau omar isch: zar li hamokaum scheolin bij’ruscholojim. Unsere Thora ist so reich, daß sie jedem, der in ihr sncht, Besriedigung geben wird: haloch boh w’hafoch boh d’chuloh boh. Wozu brauchen wir eine thoratreue Jugendorganisation? Dies ist die zweite Frage, die Sie von mir beantwortet hören wollen. Ich kann Ihnen aber die Antwort nur erteilen, wenn ich zuvor mit flüchtigen Strichen ein Bild zeichne von dem, wie es gegenwärtig um die Iudenheit bestellt ist, wenn ich die Fehler aufdecke, an denen sie krankt, die Lücken enthülle, die in ihr Klassen und bie von uns ausgefüllt werden sollen. Sie können aber die Gegenwart nicht verstehen, wenn Sie die Vergangenheit nicht kennen, und nur, wenn Sie wissen, was wir besessen, können Sie ermessen, was uns fehlt. Ich muß Sie daher bitten, folgen Sie mir für einige Augenblicke auf dem Wege durch die Geschichte unseres Volkes von dem Zeitpunkt ab, da es seine Selbständigkeit verlor, bis in unsere Tage hinein. Es ist kein freudvoller Weg, den ich Sie führen werde. Denn er beginnt mit den Tränen unseres Volkes — und er endet im Blut unserer um ihres Glaubens willen erschlagenen Brüder und Schwestern in unseren Tagen. Er beginnt mit den Tränen unseres Volkes. Unsere Ahnen hatten Grund zur Klage, denn sie hatten alles besessen, dessen ein Volk bedarf, um glücklich genannt zu werden, ein eigenes Land, eine eigene Sprache, einen eigenen Staat und als Krönung des Ganzen ein Heiligtum, in dem die Göttlichkeit aus Erden thronte. Und teuerer als das Land, als die Sprache, als der Staat war ihnen der Tempel, aus welchen die Blicke der Iudenheit von Babylonien! bis zu den Gestaden des Atlantischen Meeres!gerichtet waren, und nur über die Leichen der Jünglinge und Greise führte der Weg zu den Stufen des Heiligtums, in das der Römer den Feuerbrand schleuderte. Und als das Heiligtum gefallen war und Israel zerschmettert am Boden lag, da wurde das Gesetz der Mittelpunkt und Lebensnerv des Volkes, und von den Hochschulen von Sura und Pumpaditha strahlte ein Glanz aus, der jahrhundertelang die Diaspora erfüllte. Hier blühten die geistigen Führer, ihr Wort war Richtschnur, der lebendige Quell der Dhorasorschung speiste die in aller Welt zerstreuten Glieder des Volkes und hielt sie aufrecht in den Stürmen einer untergehenden Welt. Und als im Osten das Feuer langsam verglomm und endlich erlosch, da ging im fernen Westen aus Spaniens blühenden Gefilden für die Iudenheit eine neue Sonne aus, da entstanden dort Stätten der Thorawissenschasr, da erwuchsen ihr dort leuchtende Größen und wieder ward Israel nicht verwaist. Noch aber war das nationale Unglück, das die spanische Judenheit und damit die Gesamtjudenheit traf, nicht hereingebrochen, da war ein neues Moment in die Geschichte des jüdischen Volkes eingetreten, das vom Schicksal bestimmt war, seiner Erhaltung und der Rettung der Thora zu dienen. Noch sangen die Dichter ihre Weisen und schon loderten aus deutschem Boden die ersten Scheiter h a u s e n, fanden die ersten blutigen Judenverfolgungen statt und ein eiserner Ring ward geschmiedet, der jahrhundertlang die Iudenheit in Fesseln hielt. Es brachen finstere Zeiten herein, die nur erhellt wurden von der Glut der Thora. Im eisernen Schmelztiegel wurde die. Iudenheit geläutert und von allen Schlacken befreit. Hier im Ghetto gelangten