Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 1-3 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 45 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Verschiedenes. Jüdische Fiirstengeschlechter im Kaukasus. Wie berichtet wurde, ist Grossfürst Nikolaus von Kussland bei seiner Ankunft in Tiflis von einer Abordnung der kaukasischen Fürstengeschlechter unter Führung des Fürsten Bagration-Imeretinsky begrüsst worden, die ihm ihre Treue und Anhänglichkeit an den Czaren zum Ausdruck brachte. Ob Grossfürst Nikolaus, der in diesem Kriege die Juden Westrusslands und Galiziens so unmenschlich behandelte, bei diesem Empfange wohl daran gedacht haban mag, dass ihm in den kaukasischen Fürsten, deren Huldigung er gnädig entgegennahm, Abkö umlinge der ältesten jüdischen Familien des russischen Eeiches gegenüberstanden? Denn es gibt — so schreibt man der „Frankfurter Zeitung" — im Kaukasus kein Fürstengeschlecht, das seinen Stammbaum nicht bis in die fernsten Zeiten der jüdischen Geschichte zurückführt, und es ist eine historisch beglaubigte Tatsache, dass die Juden vor mehr ah zweiundeinhalb Jahrtausenden in den Kaukasus kamen. Nachdem der assyrische König Tiglat-Pileser das israelitische Nordreich niedergeworfen hatte, verpflanzte er nach der Kriegssitte der damaligen Zeit die Ueberwundenen nach einer entfernten Gegend seines Reiches, und er wählte dazu die Gebirgsthäler des Kaukasus, der damals zu Assyrien gehörte. Durch Zuzug aus Babylon, später auch aus Palästina, wurde die Zahl der im Kaukasus lebenden Juden ständig vermehrt, und ihr Ansehen wuchs ganz ausserordentlich, als mehrere der eingeborenen Völkerschaften, darunter die wichtigen Chazaren, den jüdischen Glauben annahmen. Als der Islam auf seinem Eroberungszug &uch nach dem Kaukasus kam, fielen die bekehrten Völkerschaften vom Judentum ab, mit ihnen aucii ein Teil der jüdischen Stämme, die sich nach der Eroberung des Kaukasus durch die Russen dem orthodoxen Glauben zuwandten. Die Osseten, Tschetschenzen, Zacchuren, Minglerier u. A. gelten als Abkömmlinge von Juden, und ihre mediatisirten Häuptlinge nehmen in Bussland Fürstenrang ein. Die Fürsten von Mingrelien führen den Titel Dadian, der ihre Abstammung von König David bezeichnen soll, und ein Dadian von Mingrelien war nach dem Sturz des Fürsten Alexander von Bulgarien und vor der Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg russischer Kandidat für den bulgarischen Fürstenthron. Auch der Sprecher der vom Grossfürsten Nikolaus empfangenen Abordnung, der Fürst Bagration-Imeretinsky, stammt aus jüdischem Geschlecht, denn die Familie der Bagratuni (woraus der Name Bagration entstand) wird schon vom Historiker Moses von Chorone als eine der angesehensten jüdischen Familien des Kaukasus in den Jahrhunderten vor Christi Geburt erwähnt. Bezeichnend für die ernste Auffassung dieser Ueberlieferung erscheiut der Umstand, dass der „Annuaire de la noblesse de la Bussie contenant les princes de l'empire", der in der kaiserlichen Druckerei in Petersburg gedruckt wird, sich auf das ausführlichste mit der jüdischen Abstammung des Fürstengeschlechts Bagration-Imeretinsky beschäftigt und dabei ausdrücklich hervorhebt, dass die Fürsten Imeretinsky an ihre Abstammung vom König David glauben und dass keine andere souveräne Dynastie einen so alten Ursprung nachweisen könne. In der Genealogie der Bagration kommt der Name David in früheren Jahrhunderten nicht selten vor, so gab es 881 einen David I. dann einen David IL „le Beparateur* u. s. f. Wie der erwähnte Annuaire bemerkt, bekannten sich die Träger der Fürstenkrone der Bagration Jahrhunderte hindurch zum jüdischen Glauben, und erst durch Verfolgungen aller Art sind sie gezwungen worden, ihren Väterglauben abzuschwören und Christen zu werden. Die Frankfurter Zeitung, der wir diesen Aufsatz entnehmen, veröffentlichte hierauf folgende Berichtigung: Dem Einsender der Notiz über „Jüdische Fürstengeschlechter im Kaukasus" (Nr. 297, Abendblatt) sind einige Irrtümer unterlaufen. Die Chazaren sind nicht eine im Kaukasus eingeborene Völkerschaft, sondern ein westtürkischer Stamm, der erst im 7. Jahrhundert, als schon mohammedanische Herrscher in die Kaukasusländer eingedrungen waren, von seinen Stammsitzen am Ural nach Süden verdrängt wurde und später von der Krim aus ein grosses