Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 1 (1912-1913)
- Issue
- 4, 5 und 6 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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30 Jüdisches Museumswesen. Im vorigen Hefte wurde darauf hingewiesen, dass wir eine Anzahl von Zuschriften erhielten, die sich mit den Zuständen in Wiener „Jüdischen Museum" beschäftigen. Die meisten Einsender weisen darauf hin, dass die Bestände des Museums keineswegs in wissenschaftlicher Weise geordnet sind und dass die Anordnung der ausgestellten Gegenstände nur nach äusserlichen Effekten eher den Eindruck eines Malerateliers oder Antiquitätengeschäftes als einer wissenschaftlichen Sammlung erwecke. Insbesondere wird darüber geklagt, dass in dem s. g. Wiener Zimmer ein durchaus ungehöriger Personenkultus getrieben wird, dass z. B. fünfmal das Bild eines und desselben Mannes, eines allerdings berühmten Kantors zu sehen ist. Im übrigen sind alle Einsender darüber einig, dass den Präsidenten sowie die überwiegende Mehrheit der Curatoriumsmitglieder keine Schuld an diesen Misständen trifft, da sie von einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe terrorisiert werden. Diese haben es auch gegen den Willen aller übrigen Curatoriumsmitglieder durchgesetzt, dass seit der Wiedereröffnung im Museum ein Bild hieng, das das religiöse Gefühl der Besucher aufs ärgste verletzte und erst, nachdem es monatelang öffentliches Ärgernis erregt hatte, entfernt wurde, als Dr. M. Grunwald drohte, sonst aus dem Curatorium auszutreten. Ein Einsender, der sich am ausführlichsten äussert, bittet uns auch, folgenden Sanierungsvorschlag zur Diskussion zu stellen. Da es bisher nicht gelungen sei, das Museum finanziell zu fundieren, noch auch auf den entsprechenden wissenschaftlichen Rang zu erheben, möge die Wiener jüdische Gemeinde, die ja auch jetzt schon einen grossen Teil der Kosten trägt — nach Berliner Vorbild — die Sammlungen übernehmen und durch ein Departement ihres vorzüglichen Beamtenkörpers verwalten lassen. Sollte dies aber nicht möglich sein, so möge der „Oesterr. Gemeindebund", der ja ohnedies die Errichtung eines Gesamtarchivs beabsichtigt, das Museum übernehmen und im Anschluss daran das Archiv gründen. Wir wollen uns heute zu diesen Vorschlägen noch nicht äussern, hoffen aber, dass Hofrat Prof. A. Politzer, der ein ausserordentlich kunstverständiger Mann ist und sicher die geeignetste Persönlichkeit zur Leitung des Museums ist, baldigst in jeder Bez iehung Ordnung machen wird, wobei er bei allen Freunden des Museums rege Unterstützung finden wird. Wir haben uns ferner an den Berliner Kunsthistoriker Karl Schwarz, den Redakteur der Kunstzeitschrift „Ost und West4', gewandt, um seine Meinung über das Wiener „Jüdische Museum" zu hören und erhielten daraufhin folgende Antwort: Sie wollen von mir hören, welchen Eindruck auf mich das jüdische Museum in Wien gemacht und was ich über die Anlage jüdischer Museen im allgemeinen denke. Da ich mich seit vielen Jahren mit der wissenschaftlichen Bearbeitung dieser Materie beschäftige und zur Beschaffung und Zentralisierung des allenthalben zerstreuten Materials in Berlin das Jüdische Kunstarchiv gegründet habe, das in Verbindung mit dem Gesamtarchiv der deutschen Juden eine Zentralstelle für die Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und jüdischer Künstler bilden soll, so sind mir natürlich alle Institute willkommen, die — meistens in uneigennützigster Weise und unter grossen privaten Opfern — Sammelstellen und Belehrungsstätten jüdischer Kunstdenkmäler sind. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Museen mehr kunstgewerblichen Charakter tragen, daß die Kulturdokumente in ihnen einen breiten Raum einnehmen. Auch ist es infolge der wenigen wissenschaftlichen Bearbeitungen und der noch ungenügenden Sachkenntnis oft sehr schwer, die vorhandenen Stücke einwandfrei zu bestimmen. In den letzten Jahren sind in mehreren Städten jüdische Museen entstanden. •Es wäre sehr zu wünschen, wenn diese Institute sich hauptsächlich auf Lokalforschungen beschränkten und ihre Mittel für die Beschaffung von Dokumenten ihres Landes verwendeten; es könnte so leichter und schneller eine abgerundete Übersicht geschaffen werden. Das noch junge jüdische Museum zu Budapest z. B. verfolgt dieses Prinzip mit gutem Erfolg; ebenso beschränkt sich das Prager jüdische Museum auf Nordböhmen. Vor allem muss aber davor gewarnt werden, daß übergrosser Sammeleifer zu einer