Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 1 (1912-1913)
- Issue
- 4, 5 und 6 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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27 Angolakolonisation für die Juden hätte, deren Wesen Sie ja gar nicht kennen und nicht verstehen." Der Gelehrte erhob sich von seinem Sitze und antwortete heftig: „Wie können Sie sagen, dass ich die Juden nicht kenne und nicht verstehe. Sie wissen ganz gut, dass ich, wenn ich auch in erster Reihe- Portugiese bin, aber doch selbst auch Jude bin. Wohl kein Religionsjude, aber immerhin Rassenjude. Ich stamme von den Marannen ab. Meine Familie hatte in einer amerikanischen Kolonie vieL zu leiden und wurde dem Judentume entfremdet. Ich habe wohl heute gar keine Beziehung mehr zur jüdischen Religion. Aber ich habe ein starkes Mitgefühl mit dem grossen jüdischen Volke geerbt, und das lebt stark in mir. Und ich bin nicht der einzige; ein Drittel der Portugiesen in Brasilien befindet sich in derselben Lage wie ich. Ich würde vielleicht dies noch stärker betonen, aber mehr als alles ärgert es mich, dass gerade die wahren Juden, denen ich begegne, zum Beispiel gerade Herr (er nannte einen in Lissabon lebenden russischen Juden), sprechen mit Verachtung von uns, die wir selbst nach 40O Jahren noch uns als Kinder des jüdischen Volkes fühlen." Ich habe den Gelehrten beruhigt. Keiner unter uns Juden, der diejüdische Geschichte genau kennt, verachtet die unglücklichen Marannenr die wegen ihrer treuen Anhänglichkeit zum Judentum so viel gelitten haben Und nicht wie landläufige Täuflinge zu behandeln sind. Ich empfahl ihm das Studium der jüdischen Geschichte, in welcher er nahezu hundert Seiten finden wird, die von den Leiden der Marannen erzählen. Und ich fügte noch hinzu: „Wenn die jüdischen Geschichtsschreiber der letzten Generation aufgehört haben, Berichte über die Marannen zu bringen, so seid Ihr daran schuld, und nicht wir. Man hört nichts mehr von Euch, noch weniger fühlt man, dass in Euch noch jener verborgene jüdische Funke lebt, von dem Ihr sprechet. Vielleicht wird das Angolaprojekt Euer schlummerndes jüdisches Gefühl erwecken, vielleicht wird es dem jüdischen Volke viele wichtige und, wie es scheint, nicht ganz verlorene Kräfte zurückführen!..'.* Am selben Abend besuchte ich mit einem Bekannten ein Konzert. Ich sah dort viele Damen in feinen, modernen Toiletten. Ich betrachtete ihre edlen jüdischen Gesichtszüge, blickte in ihre glänzenden, fast wie leidend rührenden züchtigen Augen und sah ihre matten melancholischen Gesichter; da vergass ich ganz, dass ich mich in Lissabon inmitten einer katholischen Gesellschaft befinde, glaubte einen Moment lang auf einem jüdischen Balle in Warschau oder noch richtiger in Smyrna zu sein. Was bedeutet das? Ich will keine Schlüsse ziehen. Ich erzähle bloss die Tatsachen.