Mannheim
Compact Memory

Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen · 1913-01-01 · 4, 5 und 6 (1913) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
Volume
1 (1912-1913)
Issue
4, 5 und 6 (1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8823644-8824829-8824836--077-8824727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das sind doch wirklich, besonders für die Familien Fr. und Fe, ganz erschreckend niedrige Prozentsätze, und um das Minus an Geburten auszugleichen, das durch diese Ehescheu, wenn ich so sagen darf, entstehen muß, hätten nun die anderen Ehen dementsprechend umso reicher an Kindern sein müssen. Wie es aber in diesem Betracht in Wirklichkeit aussieht, haben wir ja oben gesehen. Wir haben feststellen können, daß Kinderlosigkeit, Ein- und Zweikindersystem in allen 3 Familien an der Tagesordnung sind. Es bliebe uns noch die Frage zu untersuchen übrig, durch welche Umstände, wenn man nicht von vornherein physiologische Ursachen annehmen will, dieser Mangel an Kindern in den Ehen hervorgerufen wird. Da wird es nun ohne weiteres einleuchten, daß die Ermittlung aller (nicht physiologischer) Ursachen des Geburtenmangels Untersuchungen und Nachforschungen notwendig gemacht hätte, die über den Rahmen diejrtsr bescheidenen Arbeit weit hinausgehen und wahrscheinlich auch infolge der Delikatesse der Fragen, die an die einzelnen Familienmitglieder hätten gerichtet werden müssen, ergebnislos geblieben wären. Nur aut 2 Tatsachen, die ich mit den anerkanntesten Autoritäten der Volkswirtschaftslehre and mit Theilhaber als ätiologische Momente des Kindermangels ansehe, möchte ich an der Hand der mir zur Verfügung stehenden Zahlen hier hinweisen. Das ist erstens die berufliche Gliederung: von den verheirateten oder in heiratsfähigem Alter stehenden männlichen Personen der 3 behandelten Familien gehören mit einer einzigen Ausnahme alle dem Kaufmannsstande oder einem akademischen Berufe an, also gerade denjenigen Berufen, die das größte Kontingent zu den Spätehen stellen. Und das zweite: die Angehörigen der 3 Familien sind in ihrer überwiegenden Majorität Großstädter. Von den 66, beziehungsweise 5 und 15 Familien, die die heutige Generation der 3 Familien repräsentieren, leben in großen Städten (wobei ich unter diesem Begriff nur diejenigen Städte fasse, die als Plätze für Massensiedlungen der Juden in Betracht kommen, also Berlin, Breslau, Frankfurt a. M.v Hamburg, Königsberg, Nürnberg etc.): Familie R. Familie Fr. Familie Fe. 36 4 6 Oder wie oben in Prozenten ausgedrückt: 54% 80% 40% Der Abstrom aus den Provinzstädten nach den Handels- und Industriezentren4 hat also wie in der gesamten deutschen Judenheit, so auch in unseren 3 Familien stattgefunden. Man vergleiche nur einmal mit den eben zitierten Zahlen die anderen, welche die Wohnsitze der Angehörigen der 3 Familien in der vorigen Generation beleuchten. Von den 27, beziehungsweise 11 und 14 Familien der vorigen Generation lebten in großen Städten 6, beziehungsweise 3 und 6, d. h. in Prozenten ausgedrückt, 22*2, beziehungsweise 27*2 und 42*9%; der Prozentsatz ist also nur in der Familie Fe; ein anormal hoher. Nun ist gewiß das Zusammenströmen der Juden in den großen Städten in der Gegenwart keine spezifisch jüdische Erscheinung, es hat seine Parallele in der interterritorialen Bewegung der Gesamtbevölkerung Deutschlands. Aber eines kommt bei den Juden als erschwerendes Moment hinzu. Bei ihnen tritt mit und durch die Übersiedelung in die Großstädte fast regelmäßig ein völliger Umschwung in der Stellung zum überlieferten Glauben, eine fast völlige Abwendung von der Religion und deren sittlichen Anschauungen ein. Es braucht aber hier nicht des näheren ausgeführt zu werden, welchen Einfluß die Aufgabe der Religion und ihrer ethisch-sozialen Forderung auf dem Gebiete der Sexualethik hat. Treten dann noch all' die anderen die Geburtenzahl vermindernden Momente hinzu, die eine Folge des Wohnsitzes in der Großstadt sind (Rationalisierung der gesamten Lebensführung, Erschwerung des¬ Daseinskampfes u. a. m.), so wird ohneweiteres klar, wo die hauptsächliche Ursache des Geburtenrückganges auch in unseren 3 Familien zu suchen ist. Man wird vielleicht gegen meine Ausführungen einwenden, der von Theilhaber behauptete, von mir. wie ich glaube, mit aller Deutlichkeit am Einzelfall nachgewiesene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.