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Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen · 1913-01-01 · 4, 5 und 6 (1913) · p. Seite 20

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Journal
Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
Volume
1 (1912-1913)
Issue
4, 5 und 6 (1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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20 Nicht nur, daß eine ungewöhnlich große Zahl von Juden in unserer Zeit nicht zur Ehe gelangt und dadurch für die Fortpflanzung nicht mitzählt; nicht nur, daß die jüdischen Jungen Leute erst verhältnismäßig sehr spät heiraten und darum nur wenige Nachkommen haben, infolge der Abkehr vom überlieferten Judentum und der damit verbundenen Uninteressiertheit am Fortbestande der jüdischen Gemeinschaft — einer Folge der Massenkonzentration der Juden in den großen Städten mit ihrem nivellierenden Einfluß — haben die Juden das Zweikindersystem mit beinahe bewunderungswürdiger Konsequenz durchgeführt. Sehen wir uns von diesem Gesichtspunkte aus unsere 3 Stammbäume an! Die* heutige Generation — darunter verstehe ich die Personen, die nach 1870 geboren sindr also etwa nach 1895 geheiratet haben, umfaßt unter Anschluß aller Ehen, in denen ein Teil nichtjüdisch ist, Ehen : Familie R. Familie Fr. Familie Fe. 66 6 15 Ehen Aus diesen Ehen stammen Kinder: Familie R. Familie Fr. Familie Fe. 119 8 26 Deutlicher kann das Minus an jüdischen Geburten wohl kaum noch illustriert werden, und es leuchtet auf den ersten Blick ein, daß die Durchführung des Zweikindersystems, in der Theilhaber die Wurzel des Übels sieht, zur Erklärung dieses starken Sinkens der Geburtenziffer nicht ausreicht. Hier müssen noch stärkere Faktoren wirksam sein. So ist's in der Tat. Ein Blick auf unsere Stammbäume lehrt, daß das Einkindersystem ebenso stark verbreitet ist, wie das Zweikindersystem, und daß Kinderlosigkeit nicht mehr die Ausnahme ist, sondern überaus häufig vorkommt. Von den 66, beziehungsweise 6 und 15 Ehen der 3 Familien haben in Farn. R. Farn. Fr. Farn. Fe. Ein Kind : 12 Ehen 0 Ehen 2 Ehen Ein Kind: 16 Ehen 3 Ehen 5 Ehen Zwei Kinder: 22 Ehen 1 Ehe 4 Ehen Mehr als zwei Kinder: 16 Ehen 1 Ehe 4 Ehen Wir sehen also in allen 3 Fällen, daß die Zahl der Ehen mit einem Kind der der Ehen mit 2 Kindern nicht sehr viel nachsteht, in zwei Fällen (Farn. Fr. und Fe.) ist sie sogar größer — und wir sehen ferner, daß die Zahl der Ehen mit mehr als 2 Kindern — der für die Erhaltung einer Gruppe von Menschen normale Fall — in keinem Verhältnis dazu steht, daß die Ehen mit mehr als 2 Kindern die Ausnahme geworden sind. Wenn nun die Behauptung Grassls1) richtig ist, daß in einer Gemeinschaft deren Fortbestand gesichert sein soll, jede Ehe mindesten 3 bis 4 Kinder haben muß, so drängt sich uns ganz von selbst die Frage auf: welche Zukunft hat das jüdische Bevölkerungselement Deutschlands, wenn die Zahl der Nachkommenschaft weiter so gering bleibt, wie es aus den obigen Zahlen zu erkennen ist? Oder, die Frage auf unseren speziellen Fall gewendet: wie sollen die 122, beziehungsweise 10 und 30 Eltern einmal ersetzt werden, wenn sie nur 119, beziehungsweise 8 und 26 Kinder haben; wie sollen ferner all* die Personen der 3 Familien ersetzt werden, die aus irgendwelchen Gründen überhaupt nicht zur Ehe gelangen? Nun könnte man mir vielleicht einwenden, ich hätte gerade Familien ausgewählt die sich von jeher durch eine Unterbilanz der Kinderzahl ausgezeichnet haben. Darauf wäre zu erwidern, daß ich ja, wie oben erwähnt, überhaupt keine planmäßige Auswahl getroffen habe, sondern durch einen Zufall dazu gekommen bin, mich gerade mit diesen Familien zu beschäftigen. Der von mir selbst erhobene Einwand wird aber *) Soziale Medizin und Hygiene 1907 (zitiert nach Theilhaber, S. 59).

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