Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 1 (1912-1913)
- Issue
- 4, 5 und 6 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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19 'Gegenstand des Streites, die Frage des Geburtenrückganges nur vorübergehend streifte. So hat man sich in den Kreisen, die es angeht, wieder beruhigt, und die Erörterung des Problemes, wie das deutsche Judentum seinem kontinuierlichen Auflösungsprozeß, begegnen soll, ist langsam wieder eingeschlafen. Schon aus diesem Grunde dürften die folgenden Ausführungen, wenn man ganz absieht von ihrem allgemeinen wissenschaftlichen Wert, auf weitgehendes Interesse rechnen können. Es war nicht mehr als ein Zufall, daß ich mich kurze Zeit, nachdem diese Kontroverse zwischen Theilhaber und Segall ausgetragen worden war, in meiner beruflichen Tätigkeit mit der Anfertigung der Stammbäume dreier deutsch-jüdischer Familien beschäftigen mußte.1) Die Beobachtungen, die ich dabei machte, waren überraschend. Alles was Theilhaber aus allgemeinen Bevölkerungsstatistiken der deutschen Juden entnehmen zu können geglaubt hatte, land sich hier am Einzelfall mit überzeugender Deutlichkeit bestätigt. Gewiß, die 3 Familien, deren Stammbäume sich untersuchen konnte, sind nur Einzelfälle, und es liegt mir durchaus fern, aus ihnen weitgehende allgemeine Folgerangen ziehen zu wollen. Aber andererseits konnte ich mir doch eins nicht verhehlen: die Auswahl der 3 Familien ist ganz willkürlich erfolgt; durch einen Zufall geschah es, daß ich mich gerade mit ihnen beschäftigte. Eben darum aber, weil der Auswahl gar kein Prinzip zugrunde liegt, ist es wohl nicht zu weit gegangen, wenn ich sage: diese 3 Familien sind typisch für eine ganze Reihe, wenn nicht für die Majorität der jüdischen Familien in Deutschland. Die Beobachtungen die ich bei ihnen machte, werden sich bei einer großen Zahl deutsch-jüdischer Familien in derselben Weise ergeben. Noch eine zweite Vorbemerkung sei gestattet. Segall hat in der oben zitierten Kritik Theilhaber den Vorwurf gemacht, er habe bei seinen Berechnungen die Verschiebungen nicht in Anrechnung gebracht, die sich zahlenmäßig alljährlich durch Abwanderungen und Zustrom von Ausländern im deutschen Judentum vollziehen. Um diesen Rechenfehler zu vermeiden, habe ich meine Nachforschungen auch nach dieser Richtung hin ausgedehnt. Durch persönliche Erkundigungen bei Angehörigen der in den Stammbäumen behandelten Familien konnte ich feststellen, daß Auswanderungen nur in einer der 3 Familien und auch hier nur in ganz geringem Maße vorgekommen, daß andererseits Verbindungen mit außerdeutschen Juden nur in einem einzigen Falle eingegangen worden sind. Aus diesem Grunde kann man die 3 Familien in diesem Sinne als „rein deutsche" ansehen und das Argument Segalls trifft auf sie nicht zu. Umso weniger, als ich die wenigen Personen der Familie R., die außer Landes gegangen sind, und die eine nicht ,,rein deutsche" Familie aus meinen Berechnungen gänzlich ausgeschieden habe. Bei meinen persönlichen Erkundigungen konnte ich mir in einem Falle auch noch über einen anderen Punkt Klarheit verschaffen; ich konnte feststellen 1 i daß die Tendenzen, die Theilhaber als die Hauptursachen des Bevölkerungsrückganges der deutschen Juden ansieht, die Abwendung von den überlieferten Religionsanschauungen in der lebenden jüdischen Generation auch in den 3 Familien, denen meine Untersuchung gilt, die herrschenden sind. Mehr noch, ich machte die Wahrnehmung, daß der Geburtenrückgang gerade in den Familien am deutlichsten zutage tritt, die sich religiös vom Judentum am weitesten entfernt haben, während die im traditionellen Sinne gut jüdischen Familien den alten jüdischen Kinderreichtum auch heute noch aufweisen. Auch in diesem Punkte finden also durch meine Untersuchungen Theilhabers Vermutungen ihre Bestätigung. Der Inhalt des Theilhaber'schen Buches vom „Untergang der deutschen Juden" läßt sich in wenigen Sätzen dahin zusammenfassen: die Zahl der deutschen Juden nimmt von Jahr zu Jahr ab. Das hat seinen Grund, wenn man absieht von der sattsam bekannten Tatsache der zahlreichen Übertritte zum Christentum und den vielleicht noch häufigeren Mischehen in der fortgesetzten Verminderung der jüdischen Geburten. l) Von den 3 Stammbäumen befinden sich die der Familien R. und Fr. i «Gesamtarchiv der deutschen Juden, Berlin, der dritte in meinem Besitz.