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Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen · 1913-01-01 · 2 und 3 (1913) · p. Seite 19

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Journal
Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
Volume
1 (1912-1913)
Issue
2 und 3 (1913)
Date
1913-01-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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19 derung nach Europa antreten zu können, das ihm helfen solle, seinen Unterhalt im heiligen Lande zu decken. So machte er sich denn als sein eigener Sendbote, ein Pfründner seiner Askese, ein Geschäftsreisender in Entsagung, auf den Weg. Ohne Gefühl dafür, was er den Seinen damit antat, als Pilgrim mit dem Wohnsitze in Safed durch alle Gemeinden Europas den geachteten Namen seiner Familie zerren zu lassen, zog er, ein neuer Ahasver, von Land zu Land, von Ort zu Ort, von den Rabbinern Zeugnisse, von den Begüterten milde Gaben und Unterschriften für mehrjährige Unterstützung einsammelnd. Es war ihm offenbar bei der Rolle eines Parasiten der Frömmigkeit völlig wohl." Man glaube aber nicht, dass Simeon von Geldern nicht doch die Haltlosigkeit seiner Existenz erkannt hatte. Seine in hebräischer Sprache — die damals noch allen literarisch gebildeten Juden geläufig war — abgefassten Memoiren, die wir zum erstenmal in deutscher Uebersetzung bringen,*) zeigen uns einen seelisch zerrütteten und gebrochenen Mann. Er grämte und härmte sich über sein verpfuschtes Leben und bereute bitterlich seine Sünden, unter denen man sich aber keineswegs strafgesetzliche Vergehungen, sondern Uebertretungen der rabbinischen Speisegebote und erotische Seitensprünge vorstellen muss. Für uns sind seine Memoiren auch deshalb von Interesse, weil sie grossen genealogischen Wert haben. Der Mann, dessen einziges Kapital seine Familienbeziehungen waren, hat der genealogischen Forschung durch Erwähnung seiner Verwandtschaft, durch Angabe seiner Reiseadressen u. s. w. unbewusst reiches Material geliefert. Doch versuchte er auch mit Erfolg eine zusammenhängende genealogische Arbeit abzufassen; dabei gelang es ihm, einen Teil seiner Vorfahren bis ins 16. Jahrhundert zurückzuführen. Wenig bekannt dürfte es sein, dass die Erzählungen von den Abenteuern und Irrfahrten des Grossoheims auf den jungen Heine nachhaltigen Eindruck machten; in seinen Memoiren**) findet sich darüber folgende charakteristische Stelle: „Wie dem auch sei, dieser Grossohm hat die Einbildungskraft des Knaben ausserordentlich beschäftigt. Alles, was man von ihm erzählte, machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mein junges Gemüt, und ich versenkte mich so tief in seine Irrfahrten und Schicksale, dass mich manchmal am hellen, lichten Tage ein unheimliches Gefühl ergriff und es mir vorkam, als sei ich selbst mein seliger Grossohm und als lebte ich nur eine Fortsetzung des Lebens jenes längst Verstorbenen!" * \ Frohlocken wird der Leser und zittern, der es sich zu Herzen nimmt, denn mit jedem Tage nähert er sich dem Tage der schrecklichen Bitternis dem Tage des hohen und furchtbaren Gerichts; und vor dem Angesichte dessen, vor welchem er wird Rede stehen und Rechnung legen müssen, *) Die Uebetsetzuug besorgte Herr H. Rubin. **) Memoiren (VIT, 384 f.)

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