Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 1 (1912-1913)
- Issue
- 2 und 3 (1913)
- Date
- 1913-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8823644-8824829-8824835--040-8824690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18 Die Memoiren des Simeon von Geldern, Heinrich Heines Grossoheim. D—t. Auch wenn Simeon von Geldern keiner naher Verwandter von Heinrich Heine gewesen wäre, müsste eine Gestalt, wie die seine, die Aufmerksamkeit eines jeden erregen, der sich für das kulturelle Leben der Juden in der Aufklärungszeit interessiert. Und dies trotzdem eine Erscheinung, wie die seine, keineswegs typisch ist für die jüdischen Intellektuellen seiner Zeit, die sich meistens als Finanzmänner oder als rabbinische Gelehrte betätigten. Nicht das Wissen und nicht die Klugheit fehlte ihm dazu, wohl aber ein beharrlicher Sinn und ein gefestigter Charakter. Als ruheloser Wanderer durchzog er die halbe Welt, überall von den Unterstützungen seiner weit verbreiteten Verwandtschaft lebend. Doch er, der Lebemnnn und Abenteurer, wollte sich auch mit der Gloriole des asketischen Heiligen schmücken. Trefflich schildert dies David Kaufmann, sein erster Biograph:*) „Ein Zug schwärmerischer Frömmigkeit, die jedoch bedenklich mit Phantasterie und Abenteurersucht versetzt war, hatte Simeon v. Geldern in's heilige Land getrieben. Nachdem er durch viele Städte und Länder und manchen schlimmen Handel, der mehr nach der Romantik des fahrenden Ritters als nach der Askese des entsagenden Pilgers schmeckte, sich durchgeschlagen hatte, so dass daheim ein ganzer Legendenkranz und ein Nimbus nebelhafter Vorstellungen um den schlimmheiligen Simeon sich schlang, war er also endlich im Jahre 1751 in der alten Capitale der Geheimlehre, in Safed, dieser Hecke der Kabbala, angekommen, um auf dem Boden des gelobten Landes in frommen Busswerken und heiliger Entsagung seine Tage hinzubringen. Aber Simeon v. Geldern war viel zu sehr das verwöhnte Weltkind, das im Schoosse des Wohlstandes aufgewachsen war, als dass er am Fasten und Kasteien seines Leibes für die Dauer hätte Gefallen finden können. Eine Weile trieb er es damit ernst und wetteiferte mit den Frömmsten in redlicher Askese. Seine Heiligkeit hatte sich probebaltig genug erwiesen, um öffentlich bescheinigt zu werden. Er hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt; der fromme Wann, der Familie und Reichtum preisgegeben, um sich freiwillig in Armut und Entbehrung zu stürzen, musste bald Gegenstand schrankenloser Verehrung und Bewunderung werden. Aber nur zu lasch eiwachle der alte Wandertrieb; das Zigeunerblut in seinen Adern Hess sich nicht zurückhalten. Die Askese hatte am längsten gedauert. Sechs Monate waren ein genügender Zeitraum, um vom Rabbinate Safed eine Bescheinigung seines frommen Lebenswandels und seiner heiligen Bussfertigkeit zu erwirken. Ohne Unterstützung aus der Heimat, von der Familie angeblich ob dieser schwärmerischen Gelüste fallen gelassen, war der fromme Einsiedel auch noch der Märtyrer seiner Gesinnung, in den Augen aller Aussenstehenden ein Büsser und ein Dulder zugleich. Mit dieser Gloriole ums Haupt glaubte er beruhigt die Wan- *) David Kaufmann, Aus Heinrich Heines Ahnensaal. S. 120.