Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 1 (1912-1913)
- Issue
- 1 (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 — angewandten Genealogie, zur Verarbeitung des gesammelten Materials vorgeschritten. In diesem Antangsstadium der Entwicklung war nun eine Zeitschrift noch keine absolute Notwendigkeit, wäre aber dennoch schon sehr ersprießlich gewesen. Das durch die formale Genealogie gewonnene Material wird nun vom Statistiker geordnet und gesichtet und ist der Rohstoff, der nur der Bearbeitung in den verschiedensten Wissensgebieten harrt und ausgiebig Gelegenheit bietet, hergebrachte Leitsätze zu überprüfen, sie, falls nötig, durch neue zu ersetzen. Das ist die angewandte Genealogie, und dieser die Wege zu bahnen ist der hauptsächlichste Zweck dieser Zeitschrift. Wenn man nun den theoretischen Wert der Familienforschung zugeben würde, aber den aktuell praktischen Wert bestreiten wollte, so genügen einige kurze Hinweise, um die Hinfälligkeit dieser Behauptung darzutun. Der großen Oeffentlichkeit wurde erst durch Ignaz Zollschans treffliches Buch klar, welche hohe Bedeutung Mischehe und Inzucht für das Problem der Lebensfähigkeit des Judentums haben. Wie unendlich wichtig wäre es da, genau zu wissen, ob die bei Juden so häufigen Verwandtenehen wirklich für die Volksgesundheit so verhängnisvoll sind und wie man allgemein annimmt, den großen Prozentsatz von Geisteskranken erklären. Es ist ferner niemandem unbekannt, welche Verluste das Judentum durch zwangsweisen und freiwilligen Abfall im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat. Die Nachkommenschaft solcher Täuflinge — wenigstens für dieletzten2 — 300Jahre — zu ermitteln und in Evidenz zu führen, ist trotz vielfacher Schwierigkeiten möglich und eine dankenswerte Aufgabe der Familienforschung. Denn der damit erreichte praktische Erfolg ist ein doppelter. Vor allem können wir dann mit wissenschaftlicher Genauigkeit feststellen, ob und welchen Verlust das Judentum durch den Abfall erlitten hat, wenn man sich die Leistungen der Konvertiten und ihrer Nachkommenschaft vor Augen hält. Man war nämlich in dieser wichtigen Frage mangels jeder exakten Untersuchungsmethode bisher auf Vermutungen angewiesen, die kein irgendwie genaues Resultat ergeben können. Und weiter versprechen wir uns von dieser Evidenzhaltung der Täuflinge auch einen heilsamen Einfluß auf diejenigen, die heute auf dem Sprunge zum Abfall stehen. Denn gar mancher wird erkennen, daß seine Absicht, für sich und seine Nachkommen dem Judentum zu entrinnen, vergeblich ist, da die genealogische Forschung diese Absicht vereiteln kann, wie sie es bei den Marannen früherer Zeiten getan hat. Zum Schlüsse wollen wir nicht unterlassen, auf den wichtigsten praktischen Nutzen der Familienforschung, auf die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls, hinzuweisen. Wie die mangelhafte