Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 1 (1912-1913)
- Issue
- 1 (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 3 — sie in nachbiblischer Zeit, wenn man J osephus Flavius glauben darf, dazu geführt hat, ein Archiv- und Matrikelwesen auszubilden. Die große Rolle, die die Genealogie in der Literatur der Diaspora gespielt hat, ist den Fachmännern bekannt und wird den Laien in dieser unserer Zeitschrift des öftern noch auseinandergesetzt werden. Die rationalistische Aufklärung der Mendelssohnzeit brachte der genealogischen Forschung weniger Interesse entgegen, und Graetzens Werk, die gewaltigste und umfassendste Leistung der jüdischen Geschichtsforschung, berücksichtigte die Genealogie nur in äußerst geringem Maße. Erst im letzten Viertel des 19. Jahrh. war es Prof. David Kaufmann, der das Aschenbrödel Genealogie wieder zu Ehren brachte und in fast jedem seiner meisterhaften Werke familiengeschichtliche Zusammenhänge erforschte. Dieser Bahnbrecher der familiengeschichtlichen Forschung hat glücklicherweise Schule gemacht und unter den heutigen Historikern gibt es manche, die außerordentlich Wertvolles auf diesem Gebiete leisten. Man könnte nun einwenden: Wozu bedarf es denn einer Zeitschrift für Familienforschung, wenn dieses Wissensgebiet ohnedies von so Berufenen gepflegt wird? Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir einige theoretische Bemerkungen einschalten. Man kann bei der Genealogie die formale und die angewandte unterscheiden. Die Aufgabe der formalen Genealogie ist es, Stammbäume zu entwerfen, Ahnentafeln zusammenzustellen und überhaupt so viel als möglich familiengeschichtiiche Zusammenhänge aufzuhellen. Die Quellen für den jüdischen Genealogen fließen ziemlich reichlich. Zahlreiches wertvolles Material bieten die Maskirbücher, die jeue Namen enthalten, die bei dem Seelengedächtnisse genannt werden sollen, die Chewrabücher (Protokolle der Beerdigungsgesellschaften) und die Mohelbücher, das sind die Aufzeichnungen der Zirkumzisoren. Grabsteininschriften liefern ebenso genealogisches Material wie das Vorwort eines auf seinen „Jichuß*4 *) stolzen Autors, der den lieben Leser mit seinen sämtlichen Vorfahren bekannt macht. Doch auch dort erschließen sich heutzutage neue Quellen, wo man sie früher nimmermehr gesucht hätte. Die Archive der Inquisition s tri bunale, die Gewerbücher einer mittelalterlichen Stadt und die Finanzurkunden einer fürstlichen Kammer bieten wichtige Behelfe zur formalen Genealogie. Doch sind damit die Hilfsmittel noch nicht erschöpft. Zur Aufhellung der Genealogie einer jüdischen .Familie der Renaissancezeit bedarf es manchmal der Medaillenkunde, und selbst in späterer Zeit kann man Heraldik und Siegelkunde als wichtiges Hilfsmittel der familiengeschichtlichen Forschung heranziehen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist man bei uns über dieses primäre Stadium der formalen Genealogie, über die Tätigkeit des Materialsammelns noch nicht zur M Vornehme Abkunft. 1*