Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 50 (14.12.1844)
- Date
- 1844-12-14
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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199 sie es aber thun, müffen sie den vorhergehenden Tag sich all's Essens und Trinkens enthalten, und überhauot jede Urreinigkeit nach dem mosaischen Gesetze, besonders die 2 Mos. 1s, 15. erwähnte, vermeiden. Mit großer Sorgfalt wird darüber gwacht, daß kein unreinerMensch vderThier an diese heiligeStätte glanze. Wenn das Heiligthum durch den Eintritt von einer »«geweihten Person ist verunreinigt worden, so muß es aufs reue eingeweiht werden, ehe es zum Dienste Gottes wieder ceschickt ist. Vor nicht langer Zeit war das Heiligthum der Kirche in Uruhmia dadurch entweiht worden, daß bei der Hacht verunreinigende Fußtritte sich darin bemerklich gemacht. Sin Bischof wurde herberufen, eine neue Weihe vorzunehmen. Ln der Zwischenzeit war es uns gestattet, in dieses ״Heilige" der nestorianischenKirchen einzutreten, aber auch nur damals und sonst nie. Man findet bei den übrigen Christen im Orient nichts ähnliches. Ich trat öfter in das Heiligthum der armenischen, griechischen, syrisch-jacobitischen Kirchen und zwar in der Gegenwart ihrer Geistlichen, ahne daß mir eine Einwendung wäre gemacht worden. Auch das ״Allerheiligste" findet sich in den nestorianischen Kirchen. Eine kleine Vertiefung, die in der Mauer der Kirche angebracht ist, tragt diesen Namen. Da in das ewige Allerheiligste Christus einmal für Alle eingegangen ist, so befindet sich in diesem Raume nur ein Kreuz, und Niemand betritt ihn. In dem Bau ihrer Kirchen legen die Nestorianer dem ״Heiligen" viel mehr Bedeutung bei, als die übrigen Christen. Denn sie geben ihm die Hälfte des Umfangs, welche das Schiff der Kirche einnimmt. Dieses letztere, wo sich die Gemeine versammelt, heißt Hekla, oder Tempel. — Für ihre Kirchen haben die Nestorianer dasselbe Gefühl der Verehrung, wie es die Juden für ihren Tempel hatten. Ich sah oft, wie sie aus dem Wege traten, um einer Kirche ihre Ehrerbietung zu erweisen, und fragte ich einen Gebirgsbewohner, wie es zugegangen, daß sie ihre Unabhängigkeit so lange erhalten hatten, obwohl sie von allen Seiten von Feinden umringt seien, so erhielt ich immer die Antwort: Unsere Kirchen haben uns gerettet." Die Kirchen ebensowohl als das ״Heilige" dürfen von Niemand betreten werden, der nach mosaischer Vorschrift unrein ist. ' ' Wie bei den Israeliten (4 Mos. 19, 13), so macht auch bei den Nestorianern die Berührung einer Leiche den Menschen unrein. Doch hat auch hier, wie in mehrern andern Fällen, däs Christenthum mildernd eingewirkt. Die Taufe nämlich, sagen sie, hat unfern Leib rein gemacht; die Leiche eines Christen verunreinigt daher nicht. Wenn aber Jemand die Leiche eines Juden, Muhammedaners oder Heiden berührt, so ist er unrein und darf nichts Reines anrühren und nicht die Kirche betreten, bis er durch Waschung sich gehörig gereinigt hat. Auch nach der Beerdigung eines Nestvrianers pflegen sie sich sorgfältig zu waschen. Eine Frau, welche geboren hat, darf die Kirche nicht betreten bis 40 Tage um sind, wenn das Kind einKnabe ist; die Geburt eines Mädchens erfordert 66 Tage. Sieben Tage ist sie unrein und darf keine Speise oder Gerälhe anrühren, außer was zu ihrem eigenen Gebrauche dient. Am achten Tage kann die Taufe stattsinden, da diese an die Stelle der Beschneidung getreten ist. Die Wöchnerin selbst, ihr Lager und ihre Kleider werden vorschriftsgemäß gereinigt und nun darf sie ihre gewöhnlichen häuslichen Geschäfte wieder zur Hand nehmen. Doch bleibt es bei der gesetzlichen Bestimmung: ״Kein Heiliges soll sie anrühren, und zum Heiligthum soll sie nicht kommen, bis die Tage ihrer Reinigung.aus sind" (3 Mos. 12, 4.). Diese, je nachdem es ein Knabe oder ein Mädchen ist, vierzig- oder sechszigtägige Periode wird strenge beobachtet. Für die siebentägige gänzliche Avscheidung müssen in Fällen von Armuth bisweilen Ausnahmen zugegeben werden. An einigen Orten wird die Zeit der Reinigung bei der Geburt von Mädchen nicht langer angesetzt als bei Knaben, was der Einwirkung christlicher Begriffe zuzuschreiben ist, wornach das weibliche Geschlecht mit dem männlichen auf gleicher Stufe steht. An die Stelle des mosaischen Brandopfers und Sühnopfers, das die Wöchnerin dringt, ״wenn die Tage ihrer Reinigung aus sind," tritt bei den Nestorianern nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern auch in allen andern Fällen, wo Sühnopfer darzubringen sind, das Sakrament des heiligen Abendmahls. Schweinefleisch und andere im mosaischen Gesetze verbotene Speisen werden von vielen Nestorianern mit dem gleichen Abscheu betrachtet, wie von den Juden, während Andere unter ihnen durch den Umgang mit Christen der übrigen Konfessionen hierüber freiere Ansichten haben. In den Gebirgen ist man in diesem Punkte strenger als in Urumia, und obschon sie dort häufig Wildschweine erlegen, so wird es doch kaum Vorkommen, daß Jemand von ihrem Fleische ißt. Während ich mich bei dem Patriarchen befand, war öfter von der Veränderung der Ansichten in diesem Punkte die Rede und wurde fremdem Einflüsse zugeschrieben. Dre Neuerung schreibt sich von nicht sehr lange her und hat noch nicht tief eingegriffen. Die Unterrichtetsten versicherten mich, daß früher ein Nestorianer das Fleisch von Schweinen oder Zandern nach mosaischem Gesetze unreinen Thieren nicht würde angerührt, geschweige gegessen haben. Man hovt es als einen der Vorwürfe, den die Nestorianer ihren christlichen Nachbarn machen, daß sie unreine und verbotene Speisen genießen. Diejenigen, welche in diesem Stücke freier« .Ansichten Raum geben, suchen sich gegen die Ein- Wendungen ihrer Glaubensbrüder zu rechtfertigen, indem sie die Worte Christi auführen: ״Was zum Munde eingehet, das verunreinigt den Menschen nicht"— (Math. 15, 11.), ־־ז und den göttlichen Befehl an Petrus: ״schlachte und iß", als er einwendete: ״ich habe noch nie etwas Gemeines oder Unreines gegessen" (Apost. Gesch. 10, 10—16.) Es findet sich zwar derselbe gesetzliche Speiseunterschied auch bei den Muhammedanern aufgestellt, welche ihn, wie so vieles andere, von den Juden entlehnt haben. In Be- Ziehung auf die Nestorianer, die noch so Manches ausschließlich mit den Israeliten gemein haben, wird aber doch wohl Niemand behaupten wollen, sie seien in diesem Punkte Schüler Muhammed's und nicht Mose's, sie hätten diese Vor-