Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1844-12-07 · 49 (7.12.1844) · p. Seite 195

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1844
Issue
49 (7.12.1844)
Date
1844-12-07
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8620046-8637379-8640925--651-8620564
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

195 Die Juden/ welche ich über diesen Gegenstand sprach, sagten mir: ״Diese Opfer sind ein Theil unserer eigenen Gebrauche, welche die Nestorianer bei ihrem Abfall von dem Judenthum beibehalten haben, während sie in wichtigern Punkten dem väte^ichen Gesetze untreu geworden sind." Die armenischen Christen bringen zwar auch Opfer, aber bei ihnen haben dieselben einen ganz andern Ursprung und beziehen sich nur auf die Verstorbenen. Nerses Shaorhali, dem Katholikos Isaak, dem Großen, folgend, erzählt uns: ״Als die armenische Nation zum Christenthum überging bei der Predigt des heiligen Gcegorius Lusaworicsch, kamen die bekehrten Heiden - Priester zu ihm und baten ihn, für ihren Unterhalt Vorsorge zu treffen, indem die Opfer, von denen sie bisher gelebt, nun abgeschafft seien. Hierauf verordnete er, daß der Zehnten des Feldertrag ihnen zufallen sollte, und daß man künftig, anstatt den Götzen, Gott Opfer bringen sollte für die Verstorbenen. — Dieselbe Erklärung hörte ich selbst von Armeniern. Gelübde, oder feierliche, Gott gegebene Versprechen, etwas zu seiner Ehre, oder als Zeichen der Dankbarkeit für seine Wohllhaten zu thun, kommen in dem Alten Testamente häufig genug vor, im Neuen hingegen findet sich nicht die mindeste Aufforderung dazu. Unter diesen, bei den Jsraelicen vorkommenden Gelübden sind einige von der Art, daß wir sie bei keinem andern Volke erwarten können. Dahin gehört das Gelübde der Channa, durch welches sie ihren Samuel vor seiner Geburt dem Herrn verlobte. 1 Sam. 1, 11. Solche Gelübde aber, unter den gleichen Umständen gethan, sind bei den Nestorianern nichts weniger als ungewöhnlich. Sie bitten Gott um den Familien:Segen, der ihnen, wie einst bei den Juden auch, mehr als alles andere am Herzen liegt, und geloben feierlich, das zu erwartende Kind dem Dienste des Herrn zu weihen sein Leben lang. Erfolgt dann die Geburt eines Sohnes, so wird derselbe dem .Dienst der Kirche gewidmet, wird eine Tochter geboren, so erfüllt man das Gelübde dadurch, daß ihr Heirathgut dem Herrn geschenkt wird, oder daß in seltenen Fällen, wie einige in den Gebirgen vorgekommen sind, dieselbe dem ehelosen Stande und dem Dienst der Kirche geweiht ׳wird. Wenn die Eltern dem Gelübde diese letztere Erklärung geben, so steht es später der Tochter immer noch frei, den ehelosen Stand abzulehnen und ihr Heirathgut zu geben als Lösegeld; denn wie bei den alten Israeliten wird auch bei den Nestorianern die Auläßlichkeit eines Lösegeldes in diesen und ähnlichen Fällen angenommen. Der best unterrichtete Priester im Dienste unserer Mission PriesterDunku — wurde von seiner Mutter dem Dienste Gottes geweiht; auch sie hatte ihn, wie. Channa, unter frierlichem Gelübde von dem Herrn erbeten. In Tijari sah ich einen Priester, der seit Jahren das Gelübde eines Nasiräers auf sich hatte, Haare und Bart wachsen ließ, mit der geringsten Kost sich begnügte, alle gesetzliche Verunreinigung und überhaupt Alles mied, was für Nasirär unerlaubt ist. Ein junger Nestorianer, der mich auf meiner letzten Reise belgeitete, that bei feiner Abreise von Hause das Gelübde, wenn er glücklich nach Hause komme, so wolle er ein ge׳ wiffes Q.uanlum Weihrauch an die Kirche in Urumiah schenken, und ebensoviel einer Kirche in der Nähe seines Dorfes. Zugleich gelobte die Mutter des Jünglings, wenn ihr Sohn gesund zurückkehre, ein Schaf zu opfern und es an die Einwohner des Dorfes zu vertheilen. Die Hauptrücksicht mochte wohl auf die Armen genommen sein, doch erhielt jedes Haus im Dorfe — etwa 30 an der Zahl — seinen Antheil. Ein zweites Schaf sollte geschlachtet werden zu einem Feste für die nähern Freunde. -7- Die Gelübde können aus den mannigfaltigsten und den verschiedensten Ursachen hervorgehen, immer aber wird ihre Erfüllung als religiöse Pflicht angesehen^ Die unabhängigen Nestorianer bringen noch wie die Jsraeliten in der Zeit des Alten Testaments dem Herrn die Erstlinge dar. Die ersten reifen Früchte der Felder, Gärlen und Weinberge werden Gott geopfert, ehe die Lese angefangen wird; von den Heerden, welche ihren eigentlichen ,Reichthum ausmachen, werden ebenfalls die Erstlinge als Gaben für den Herrn beiseite gethan. An einem bestimmten Tage, sobald die Mutterschafe gelammt haben, wird die Milch der ganzen Heerde dem Dienste des Heiligthums übergeben ober an Arme verabreicht. Der Darbringer liefert die Gabe in der Gestalt von Milch, Butter oder Käse, wie eö ihm am dienlichsten ist, an eine Hauptkirche zum Dienste des Herrn. In früherer Zeit sollen mehrere große Schulen durch diese Erstlinge und Zehnten erhalten worden sein. Jetzt aber werdensie von den Angestellten an der Kirche und den Besuchern derselben verzehrt, oder zu öffentlichen Festlichkeiten verwendet. In andern Theilen des nestorianischen Gebiets hat man aufgehört, die Erstlinge darzubringen, woran Armuth und Druck soll Schuld sein. Aus dem gleichen Grunde wird auch, wie man mir sagte, der Zehnten nicht mehr gestellt. (Beschluß folgt.) Lese -Zimmer. 1- Theologische Fabel. Eine Spinne arbeitete außerordentlich geschäftig im Tempel ,des Lebens und bemühte sich, ihren Faden von einer Ecke zur andern zu ziehen Als sie dies mehrmals ververgeblich versucht hatte und gleichwohl wieder von Neuem begann, fragte sie eine kritische Motte, was sie mit ihrem rastlosen Treiben beabsichtige? ״Je nun," lautete die Antwort, ״die Theologie ist mein Handwerk, und wenn ich diesen Tempel nicht durch das System meiner feingesponnenen Kombinationen befestige, so stürzt er wohl nächstens in Trümmer zusammen." Die Motte konnte nicht umhin, satyrisch zu lächeln. Die Spinne war darüber höchlich erbost, und machte Anstalt, auf sie loszufahren. Indessen kam der Tempelwachter mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.